Köhler, Vom Frühling zum Herbst


Christoph Hamann:
Die Geister frei machen.
Zu Ludwig Köhlers Roman »Vom Frühling zum Herbst«.


Der Roman thematisiert in einem nicht näher benannten kleinen deutschen Fürstentum das Jahr der Revolution 1848 mit ihrem Beginn im März, den „Flitterwochen der jungen Volksfreiheit“ (I, 172), und ihrem Ende im November. Handlungsorte sind die Residenz des Fürstentums und zwei benachbarte Dörfer. In der Vielfalt der Schauplätze wird deutlich, wie breit der Autor in seinem dreibändigen Werk das gesellschaftliche Spektrum entfaltet und alle sozialen Schichten präsentiert und unterschiedliche politische Strömungen zu Wort kommen lässt. 

Im Büro des liberalen „Volksministers“ (I, 199) wird über die konstitutionelle Monarchie diskutiert, in der Wohnung eines in Not geratenen Maurers und seiner Familie wird bitter gedarbt und in der nahen Fabrik die anstrengende, gesundheitsschädliche und gering entlohnte Arbeit der „weißen Sklaven“ (II, 3) gezeigt. In dieser kanzelt der profitfixierte Fabrikant selbst Bittsteller aus der Verwandtschaft kühl ab. In der Gaststätte wird um soziale Fragen gestritten, in der Kanzlei des Rechtsanwalts um die Durchsetzung von Erbforderungen, im Kaffeehaus treffen sich nach langen Jahren politische Freunde wieder, Versammlungen bei Pietisten wie bei Handwerkern veranschaulichen politische Ranküne wie Strategie an der Basis, im Hause eines Bankiers werden gesellschaftliche Netzwerke gepflegt und in ihrem herrschaftlichen Anwesen verfolgt eine greise Baronin Erbfragen. Und schließlich: Volksversammlungen auf Straßen und Plätzen der Residenz politisieren die Untertanen und es wird auf Barrikaden gekämpft. 

Zwei zentrale, ineinander verschränkte Handlungsstränge entfaltet der Roman: nämlich Betrugsversuche und Intrigen im Zusammenhang mit Erbschaften und Mesalliancen einerseits. Sowie andererseits die politischen Konflikte zwischen Reaktion und Opposition und deren unterschiedlichen Positionen.

Die Erbschaft des Präsidenten von Sonnenborn wird von den Kindern seiner Cousine angefochten. Diese waren eigens dafür aus den USA wieder nach Deutschland gekommen. In diesem Konflikt bündelt der Roman symbolhaft den Gegensatz zwischen Bürgertum und Adel. Anstand, Moral und Ehre jener kontrastieren mit dem Hochmut des Adels, dessen sozialer Gleichgültigkeit, seiner Neigung zur Ausbeutung und gar zum Betrug. Auf Seiten der Reaktion steht auch die im Roman verdeckt agierende katholische Kirche. Eine Schlüsselfigur ist der heimliche Jesuit Frank, ein sinistrer, Intrigen spinnender Sammler von Spenden für den vermeintlich guten Zweck, tatsächlich aber nur für seinen wie des Vatikans Vorteil. Frank scheitert jedoch und wird vom aus Rom angereisten Marchese Bombelli verstoßen.

Stellvertretend für den politischen Strang der Handlung stehen die unterschiedlichen politischen Positionen von drei Freunden aus dem Bürgertum, die ehemals als Burschenschafter verfolgt worden waren. Erwin Falkenstein entwickelt sich nach zwanzigjähriger Haft vom früheren leidenschaftlichen Revolutionär zum gemäßigt-konservativen Liberalen, der am Ende der Revolution als Staatsanwalt die Anklage gegen seinen ehemaligen Freund, den angesehenen Advokaten Heinrich Brand vertritt. Dieser wiederum ist ein angesehener und erfolgreicher Anwalt und versteht sich als zwar gesetzestreuer, aber sozialer sowie reformorientierter Demokrat, der als Vertreter der „liberalen Volkspartei“ schließlich in der „Reichsversammlung“, also in der Frankfurter Nationalversammlung Meriten erringt.

Der Dritte, Roman Lubinsky, ein gebürtiger Pole und rhetorisch außerordentlich begabter Medizinstudent, flieht nach einem politischen Prozess gegen ihn ins Ausland. Er versteht sich selbst als „Kosmopolit“, „dessen Heimat die Welt ist“. Lubanski verkörpert in diesem zunächst oppositionellen Trio den radikal revolutionären Part, ein Mann des Unbedingten und der Tat. Die Arbeiter, so urteilt er, „haben sich dem Kapital verkauft mit Leib und Seele und der reiche Unternehmer füllt seine Truhen mit den Früchten ihres Blutes“ (II, 3). Auf den Barrikaden verliert er sein Leben für die politische Vision von politischer Freiheit und sozialer Gleichheit: „Nur der Mensch (kann) sich“, so Lubinsky, „selbst von den Ketten erlösen, die ihn aus den Höhen der freien Menschlichkeit zur Sklaverei niederzogen!“ (II, 21) 

Vertiefung: Bildung – Denken für die Freiheit

Die Kritik am Unterricht wie dem Schulsystem ist Köhler ein zentrales Anliegen, ihr widmet er ein eigenes Kapitel. Der Lehrer Gotthold verurteilt die gängige Bildungspraxis scharf und nimmt dabei auch seine Kollegen nicht aus. Eine falsche Ausbildung in den „Abrichtungsanstalten“ (II, 40), den Ausbildungsseminaren für Lehrkräfte, habe diese zu „Maschinen gemacht, die wieder nichts Anderes als Maschinen bilden wollten“ (II, 39f.); die „Thätigkeit unsrer Volkslehrer (besteht) so häufig in einer mühsamen Eintrichterung von Dingen, die das Kind so selten auf’s Leben anzuwenden lernt. Die Beziehungen des letzteren bleiben dem Kinde fremd“. (II, 40) 

Gotthold, dessen pädagogische wie bildungspolitische Ansichten auch als die des Autors zu verstehen sind, artikuliert Positionen, die ihrer Zeit weit voraus sind. Dazu gehört die Ablehnung einer politisch motivierten „Nationalerziehung“ und seine Forderung nach einer strikten Orientierung des Unterrichts an den Fähigkeiten und Bedürfnissen des Kindes in einer Schule ohne soziale Segration. „Kein Individuum ist dem andern gleich, jedes will daher in der Erziehung anders behandelt sein. Und es wird alleweg besser sein, scharf ausgeprägte Individualitäten zu haben, als lauter über einen Kamm geschorene Mustermenschen, die alle ihre Handlungen nach dem Lineal der Schule ausmessen“. (II, 42) Und damit ist auch ein politisches Ziel verbunden, denn bisher „lernt (das Kind) nicht die Knechtschaft hassen und die Freiheit lieben“ (II, 40). Es brauche eine Schule „frei von jeder Fessel“ (II, 40), denn: „Bildung macht frei und der freie Mann greift nicht zu Brandfackel und Schwert, um der eigenen Heimath die Brust zu durchwühlen.“ (II, 43)

Ganz im Sinne der großen Bedeutung von Bildung und Wissenschaft ist auch Köhlers Resümee am Ende des Romans. Wie auch andere Autoren sucht er dem Scheitern der Revolution eine Wendung ins Positive zu geben. „Es mag kommen, dass Viele mit Schmerz und Reue auf diese Zeit (1848, Ch. H.) zurückblicken, aber sie ist doch für die Geschichte der Menschheit nicht verloren gewesen. Wenn sich die Leidenschaften abgekühlt, dann wird man all jene Zukunftskeime erkennen, die unter Schutt und wildem Gestrüpp sproßten. Der Kampf ist nicht zu Ende; er wird nur künftig ein anderer sein, und nicht auf Barrikaden und mit Kanonen und Bajonetten wird er entschieden werden, sondern durch die freie Wissenschaft, die die Geister frei machen wird vom alten Trug und Wahn.“ (III, 293)


Ludwig Köhler: Vom Frühling zum Herbst. 3 Bde. Leipzig 1856.


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