Spielhagen: Die von Hohenstein


Christoph Hamann:
Genossenschaft als Utopie.
Zu Spielhagens Roman »Die von Hohenstein«.


In Friedrich Spielhagens vierbändigem Werk wird zwischen April/Mai 1848 und Juli 1851 im Rheinland (Köln/Bonn) betrogen, intrigiert, ermordet, erpresst, gestohlen, geplündert und vergewaltigt. In weiten Teilen hat das Werk Anteile eines Kriminalromans. 

Der jugendliche Held, Sohn aus der Ehe eines von Hohenstein und einer Bürgerlichen, verliebt sich erst in eine Cousine: eine hübsche, aber zugleich etwas oberflächliche Tochter aus dem adeligen Teil der Familie. Diese gewährt ihm die Annäherung allein des Geldes wegen. Denn der Held soll der Alleinerbe des reaktionären und misanthropischen wie zugleich steinreichen Großonkels werden. Wolfgang, der Held, entscheidet sich letztlich aber für eine andere Cousine, die verwaiste Ottilie aus der ebenso ehrbaren wie sparsamen Familie seiner bürgerlichen Mutter und führt sie ins gemeinsame Eheglück. Die von Hohenstein ist also auch ein Entwicklungs- und Liebesroman. 

Aber auch ein Gesellschaftsroman: Mit kräftigen, mitunter allzu kräftigen Pinselstrichen an der Grenze zur Karikatur zeichnet Spielhagen seine sozialen Charaktere der Revolutionszeit. Dunkel und Hell sind dabei klar verteilt. Da sind der Erbonkel und die drei Brüder derer von Hohenstein mit ihren Familien: ausgestattet mit viel Ranküne, schwindender Finanzkraft und ausgesprochener Habgier, mit Talent zur Intrige und zum politischen Raffinement verkörpern sie die Dunkelmänner, die auch vor der Vergewaltigung einer jungen Frau aus dem Volke nicht zurückschrecken. Auf der anderen Seite Wolfgangs Onkel, der rührige Peter Schmitz, der Herausgeber des fortschrittlich-liberalen „Volksboten“. Dessen Aussage „Das Schicksal macht aus uns, was wir aus uns selber machen“ (III, 73) erinnert an die Sentenz von Karl Marx, dass die Menschen ihre Geschichte selber machen.

Die Grundstruktur ist allem erzählerischen Durcheinander, Miteinander und Gegeneinander zum Trotz denkbar übersichtlich: der verrottete Adel ist beherrscht von Hab- und Herrschsucht wie von Faulheit und dem historischen Untergang geweiht. Den historischen Fortschritt verkörpert das Bürgertum: Tugend, Ordnung, Arbeitsamkeit und Opferbereitschaft sowie Familiensinn und Moral haben hier ihren Platz. Soweit, so erwartbar. Durchsetzt ist alles mit einer gehörigen Portion Kitsch: Da gibt es die glutäugige Schönheit mit bebendem Busen ebenso wie die edle Anmut und das züchtige Erröten mit scheu gesenktem Blick. Da gibt es ein Leben voll frivoler Libertinage wie auch die emsige Hausfrau, das entsagungsvolle Sehnen ebenso wie Liebe und Leidenschaft, Melancholie, melodramatische Volten oder das Streben nach Anerkennung.

All dies scheint aber nur die Konzession des Autors an das Unterhaltungsbedürfnis seiner Leserschaft zu sein. Die Fabel ist letztendlich allein eine Kulisse, die hin und her geschoben wird, um die Revolution von 1848/49 und Spielhagens politische Botschaft spannend und bunt zu inszenieren. Ein politischer Roman also auch. 15 Jahre nach der Revolution positioniert sich Spielhagen Mitte der 1860er Jahre klar auf der Seite der Revolution. Und auch hier differenziert er noch einmal zwischen zwei Lagern. Die Demokraten, verkörpert durch den dezidiert linken Redakteur Dr. Bernhard Münzer, erscheinen als problematische Naturen, im Falle Münzers zerrissen auch zwischen der Unbedingtheit seiner politischen Pläne und der alles verzehrenden Leidenschaft für die verwitwete Schönheit Antonie von Hohenstein.

Das pessimistische Resümee Müntzers lautet: „Unsere Revolution ist mißlungen, kläglich mißlungen; der kreisende Berg hat eine Maus geboren. Statt der socialen, zumindest doch republikanischen Schilderhebung, eine Winkelcampagne für eine romantische Constitution, die ewig auf dem Papier bleiben wird. Die Kleinbürger haben das Proletariat an die Geldsäcke verraten, die sich bereitwillig der frechen Faust des Adels öffnen, der sie zugleich vor dem Proletarier und dem Kleinbürgerthum beschützen muss.“ (IV, 109)

Den bürgerlichen Helden verkörpert Wolfgang. Er kämpft 1849 bei der Reichsverfassungskampagne in Baden auf Seiten der Revolutionsarmee gegen die preußische Reaktion. Aus dem politischen Roman wird nun auch ein Abenteuerroman mit einem Hang zur Folklore. Das zeitgenössische Proletariat taucht nur am Rande auf: Der lebenskluge, aber schweigsame Kutscher Köbes, die Setzer des „Volksboten“, unter diesen der von Rache getriebene Cajus, der einen Sühnemord begeht und in die USA flieht. Oder der radikale Agitator, der Schlosser Christoph Unkel – auch sie werden von Spielhagen wie die bürgerlichen Demokraten eher als „problematische Naturen“ gezeichnet. 

Zu guter Letzt: Handlungsstränge wie auch wörtliche Reden in Spielhagens Roman verarbeiten vielfach historisch verbürgte Bezüge zur Revolution von 1848/49 in Köln, Bonn und in Baden. Er stützt sich dabei auch auf Erinnerungen von Protagonisten der Revolution wie z. B. Fritz Anneke, Gottfried Kinkel, Carl Schurz und Gustav Struve. Einen seiner Protagonisten lässt Spielhagen über die Revolutionen von 1848/49 resümieren: „Es war eine große Zeit […] und nur Böswillige oder Toren können es leugnen. Was ein Volk, was die Menschheit in ihrem Innersten bewegt, kann nicht klein und verächtlich sein […].“ (IV, 289)

Vertiefung – die politische Vision Genossenschaft

Aus der historischen Niederlage der Revolution konstruiert Spielhagen letztlich einen Sieg. Diese Vision erinnert an das Konzept in Arnold Ruges Roman „Die Demokraten“. Dessen geschlagene Gemeinschaft will in den USA eine Genossenschaft der Gleichberechtigten und Gleichbesitzenden gründen. Spielhagens Narrativ verfolgt einen ähnlichen Plan. Im Kern ist dieser eher sozialdemokratisch denn sozialistisch.

Wolfgang aus dem Roman „Die von Hohenstein“ flieht in die Schweiz, die als bürgerliches Utopia gezeichnet wird. Sein Onkel Peter, der rührige Kleinunternehmer, trägt sich dort mit Plänen für ein „System des Credit-, Sparkassen- und Consumvereinswesens“ (IV, 282), für eine Industrieförderung und für ein „Curhaus zum Jungfraublick“ (IV, 283) umgeben von Wanderwegen mit Trinkhallen und Ruheplätzen für die Erholung Suchenden. Bei so viel literarischem Aufwand ist dies nach über 1300 Seiten dann ein doch recht ernüchterndes Ergebnis, dieser Ausblick klingt ein wenig nach einer REHA. Aus Ruges „Gleichbesitzenden“ ist eine sozialdemokratische Institution geworden, die soziale und ökonomische Gleichstellung als Ergebnis genossenschaftlichen Arbeitens, Einkaufens und Sparens anstrebt. 


Friedrich Spielhagen: Die von Hohenstein. Berlin: Otto Janke, 1864.
Rosa-Maria Zinken: Der Roman als Zeitdokument. Köln 1991.


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