Wolfgang Hink:
Gräfin Helene: von der Beobachterin zur aktiven Helferin der Revolution.
Zu Luise Ottos »Die Lehnspflichtigen«.
Louise Otto-Peters ist eine deutsche Schriftstellerin, Journalistin und Frauenrechtlerin des 19. Jahrhunderts. Sie war auch Herausgeberin der ersten politischen Frauenzeitung in Deutschland, der „Frauen-Zeitung“, in der diese kurze „Dorfgeschichte“ 1849 zuerst erschienen ist.
Sie kurze Geschichte spielt innerhalb weniger Tage im März des Jahres 1848, in einem Dorf im Schwarzwald. Sie beginnt Mitte März – „es sollte Frühling werden, Frühling sein und bleiben überall im deutschen Lande“ (252), wie es voller Symbolik heißt – und erzählt von Helene, der Tochter eines Grafen, und August, dem Sohn eines Bauern, deren Leben durch die politischen Ereignisse miteinander verwoben werden.
Helene lebt auf dem alten Schloss ihres Vaters, während August nur gelegentlich in sein Dorf zurückkehrt. Eines Tages wird sie auf einem Spazierritt von einigen Männern überfallen. August eilt ihr zu Hilfe und erkennt sie als die Tochter des Gutsherrn. Er überzeugt die Männer, von ihrem Vorhaben abzulassen.
Auf dem Weg zum Schloss erzählt er ihr von den Ungerechtigkeiten, unter denen das Landvolk leidet, und von den revolutionären Ideen, die sich im Land verbreiten. Er erklärt, dass die Forderungen des Volkes berechtigt sind und dass die Privilegien des Adels nicht länger bestehen können. Helene ist von seinen Worten beeindruckt und beschließt nach vielen Zweifeln, sich für die Belange des Landvolks einzusetzen. August enthüllt ihr später auch, dass die Männer sie als Geisel nehmen wollten, um ihren Vater zur Erfüllung der Forderungen der Bauern zu zwingen.
Nun setzt sie sich bei ihrem Vater für die Bauern ein und unterstützt die Bittschrift, die die Gemeinde ihm überreichen will. Doch ihr Vater weigert sich empört, stößt sie sogar zu Boden und plant, die „unverschämten Knechte“ (264) mit Hunden vom Schloss zu jagen. Die Situation eskaliert, als die bisher geduldigen Bauern, enttäuscht vom Verhalten des Grafen, das Schloss stürmen und ein Feuer ausbricht. August will die Zerstörung aufhalten, kann aber die Wut der Menge nicht mehr kontrollieren.
Inmitten des Tumults gestehen Helene und August einander ihre Liebe. Sie fliehen durch einen geheimen Gang in den Park, werden jedoch von einem Schuss getroffen und sterben gemeinsam. Der alte Graf hat sie, selbst auf der Flucht, erschossen, ohne zu wissen, dass er seine eigene Tochter getötet hat.
Am nächsten Tag trifft Militär ein und zerstreut die Bauern, doch das Schloss ist nur noch ein Trümmerhaufen. Der Graf gibt den Bauern später, „aus freier Entschließung“ (269), die geforderten Zugeständnisse.
Vertiefung. Gräfin Helene: von der Beobachterin mit dem Fernglas zur aktiven Helferin der Revolution
Helenes Entwicklung in der Geschichte ist die bemerkenswerte Verwandlung einer naiven und passiven Gräfin hin zu einer aktiven Frau, die sich für soziale Gerechtigkeit einsetzt. Sie lebt in der abgeschiedenen Welt eines Schlosses, ihre Rolle ist durch ihre Herkunft und den gesellschaftlichen Stand bestimmt. Und durch ihr Geschlecht: Sie ist mit einem Verwandten verlobt (worden), ohne dass ihr Herz gefragt wurde. Das zeigt ihre eingeschränkte Entscheidungsfreiheit als Frau. Von den Nöten des Landvolks um sie herum weiß sie nichts.
Zu Beginn wird sie als junge Frau gezeigt, die vom Balkon des Schlosses aus durch ihr Fernrohr die Welt – und einen Mann, nämlich August – beobachtet. Ihre Neugier zeugt von Einsamkeit und Langeweile, aber auch von einer Sehnsucht nach dem Leben außerhalb ihrer höfischen Welt.
Ein Wendepunkt in ihrer Entwicklung ist der Überfall durch bewaffnete Männer, der sie aus ihrer passiven Beobachterrolle reißt. Das wird geradezu zum Erweckungserlebnis, denn jetzt entwickelt sie sich zu einer aktiven Person. Sie geht ein Geheimnis mit August ein, trifft sich heimlich mit ihm, sie nimmt, ohne Rücksprache mit ihrem Vater, die Bittschrift der Bauern an, und sie versucht, ihren Vater zu überzeugen: Sie will Einfluss auf die Geschehnisse und auf das Wohl der Bevölkerung nehmen.
Die Gespräche mit August und die sich anbahnende Liebesbeziehung beschleunigen ihre Entwicklung. Er konfrontiert sie mit der Realität „draußen“ und den Ungerechtigkeiten des Feudalsystems. Sie reagiert überrascht und ungläubig, aber sie beginnt, ihr bisheriges Standesdenken zu hinterfragen und sich gegen ihren Vater zu stellen.
Letztendlich gelingt es ihr aber nicht, diesen von der Notwendigkeit sozialer Reformen zu überzeugen. Der uneinsichtig und starr auf seinen Privilegien beharrende alte Graf lehnt eine friedliche Lösung ab und Helene muss die Grenzen ihrer Macht in dieser patriarchalen Gesellschaft erkennen. Sie erlebt mit, wie das Schloss gestürmt und zerstört wird.
Ihre Entwicklung gipfelt in ihrem tragischen Tod, als sie zusammen mit August von ihrem eigenen Vater erschossen wird. Sie wird zum Opfer der Zeit und des Konflikts, aber auch zum Opfer ihrer Entwicklung zur Selbständigkeit.
Louise Otto, Die Lehnspflichtigen. Westfälische Dorfgeschichte aus dem Jahre 1848. In: Hartmut Kircher (Hg.): Dorfgeschichten aus dem Vormärz, S. 251–269. Frankfurt a. M. 1982.
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