Wolfgang Hink:
Kirche, Frauen und Revolution.
Zu Amalie Struves »Eine Proletarierin«.
Amalie Struve, aktive Teilnehmerin der Revolution von 1848/49, frühe Frauenrechtlerin und Schriftstellerin, war an zahlreichen revolutionären Aktionen und Kämpfen in Baden beteiligt. Etliche Passagen ihres Romans scheinen aus der Wirklichkeit genommen zu sein, so das Gefecht bei Staufen, die Haft im Freiburger Turm, die Ermordung der Weiler Musikanten usw.
Der Roman umfasst den Zeitraum von etwa März 1848 bis Herbst 1849 und erzählt die Geschichte von Agnes Heilig, einer jungen Frau in Freiburg im Breisgau während der Revolution. Sie und ihre Mutter müssen sich ihren Lebensunterhalt mühsam mit Stickereien für die Wohlhabenden verdienen. Zwei junge Frauen, Sannchen und Lina, denen Kraft und Mittel zum Überleben fehlen, werden von Klosterfrauen dazu überredet, den Schleier zu nehmen. Agnes kritisiert dies scharf, da der Freiherr von Adelberg ihnen zwar eine Aussteuer verschaffe, aber nicht anderen fleißigen Mädchen, die eine ehrliche Ehe anstrebten. Zumal sie von Schwestern im Kloster weiß, die ihre Entscheidung bitter bereuen. Die Armut und der soziale Druck treiben viele in die Verzweiflung.
Dann erreicht die Nachricht von der Revolution in Paris auch Freiburg. Eine große Volksversammlung am 26. März 1848 findet statt, bei der sich das Volk mit großer Mehrheit für die Republik und gegen das Königthum ausspricht: „Auch nicht ein Redner trat zu Gunsten des Königthums in die Schranken“. (157) Agnes, die „den lebendigsten Theil an den Bewegungen der Zeit“ nimmt (154), besucht die Versammlung mit ihrer Mutter und ihrem Bruder Hermann, einem Soldaten. Die Frauen dürfen allerdings nur vom Fenster des Gasthauses aus zuschauen. Agnes nimmt dort an den hitzigen Debatten teil und widerspricht einem jungen Adligen, dem Freiherrn von Löwenberg, der das Volk verachtet. Sieverteidigt die Redner der Volksversammlung und betont die Wahrheitsliebe und Begeisterung des Volkes im Gegensatz zur Lüge und Gewalt der Herrschenden.
Löwenberg ist beeindruckt von Agnes’ Mut, Intelligenz und Selbstbewusstsein, er entwickelt Gefühle für sie, obwohl sie aus verschiedenen sozialen Ständen stammen. Es bahnt sich eine Liebesbeziehung zwischen den beiden an. DieStandesunterschiede werden explizit hervorgehoben und bilden einen zentralen Konfliktpunkt des Romans. Agnes wird als Proletarierin bezeichnet, was ihren niedrigen sozialen Status unterstreicht. Die Beziehung wird von einigen als unpassend betrachtet und zieht Kritik und Verleumdungen nach sich, besonders von Seiten der reichen Blanka Stöckel, die ihre Intrigen beginnt.
Löwenberg schließt sich bald den Republikanern an, wird verwundet und findet bei Agnes Unterschlupf. Blanka informiert die Polizei, die die Verfolgung der beiden aufnimmt. Es werden Briefe abgefangen und Briefe gefälscht, schließlich wird Agnes inhaftiert und muss Verhöre über sich ergehen lassen. Max kann flüchten. Nach einigen Monaten im Gefängnis wird Agnes freigelassen, als die öffentliche Meinung sich zu Gunsten der Republikaner wendet. Das Liebespaar findet nach der Befreiung der republikanischen Gefangenen wieder zusammen und erfährt von den Intrigen, die gegen sie geschmiedet worden waren. Agnes schließt sich nun, verkleidet als Mann, einer republikanischen Miliz an und nimmt an den Kämpfen teil.
Der Roman endet mit der Darstellung der dritten Volkserhebung im Mai 1849 in Baden. Agnes stirbt im Kampf an der Seite von Max. Max wird hingerichtet.
Vertiefung: Kirche, Frauen und Revolution
Der Konflikt zwischen der katholischen Kirche und den revolutionären Kräften ist ein zentrales Element des Romans. Die Kirche betrachtet die Revolution als eine Herausforderung für ihren Einfluss und ihre Machtstrukturen. Struves Roman stellt die Rolle der Kirche zwar durchaus ambivalent dar, aber doch überwiegend negativ. Er zeigt sie als Verbündete der herrschenden Mächte, feindselig gegenüber den revolutionären Bestrebungen des Volkes.
Der Erzbischof und sein Domkapitel beispielsweise sind Teil der Reaktionäre, die die Volksbewegung bekämpfen. So bewirkt der Erzbischof „die Versetzung oder Entsetzung der widerspenstigen Lehrer und Pfarrer“ (165) und läßt seine Gehilfen „in dem Beichtstuhle auf die Gemüther der Frauen wirken“ (165).
Die Ablehnung von Agnes Heilig durch die Kirche, weil sie freiere Ansichten vertritt, ist ein anderes Beispiel für diese Haltung. Die junge Frau wird als „gottlose“ Agnes Heilig beschimpft, weil sie sich von den traditionellen kirchlichen Lehren und Praktiken gelöst hat und sich für die Republik einsetzt. Ein weiterer Vorwurf: Sie gehe auch nicht mehr zu Beichte und Abendmahl. Diese Vorwürfe der Kirche führen u.a. dazu, dass sie keine Unterrichtsstunden in Freiburg mehr erhält. Die Kirche wird als Teil des Systems dargestellt, das Frauen wie Agnes unterdrückt, während sie gleichzeitig Frauen wie Blanka in ihrem konservativen Weltbild bestärkt.
Blanka Stöckel ist eine gläubige Katholikin, die regelmäßig den Gottesdienst besucht und mit den Kaplänen verkehrt. Sie verkörpert die konservative, kirchentreue Sichtweise der Oberschicht, die die Revolution als eine Bedrohung ihrer Position und ihres Lebenswandels betrachtet und die Kirche als Hort von Tradition und Sicherheit. Was auch bedeutet: Schutz von Wohlstand und Herrschaft. Die Kirche bestärkt sie in ihrem konservativen Weltbild.
Agnes war zwar als Kind durch die Klosterschule gegangen und hatte dort „wichtige Zweige des Wissens“ (163) gelernt, aber vom dort „üblichen Aberglauben“ (163) und den dortigen Zwängen, „mittelalterlichen Gewohnheiten und Uebungen“ hatte sie sich bald losgesagt, denn: „Die Freiheit liebte sie über Alles.“ (163) Eine bemerkenswert selbstbewusste Einstellung für eine junge Frau in derart gläubiger Umgebung.
Auch Löwenberg hat eine starke Abneigung gegen die katholische Kirche entwickelt: „Besonders widerlich war ihm von Kindesbeinen an diejenige Herrschaft gewesen, welche sich die Geistlichen über ihn erlaubten. […] Der Pfarrer des Dorfes, in dessen Nähe das Gut seiner Eltern lag, hatte ihn frühzeitig gequält und ihm die Religion wahrhaft widerlich gemacht. Er hatte keine andere Kirche aus eigener Erfahrung kennen gelernt, als die katholische und diese widersprach seinem klaren Verstande und seinem Freiheitsdrange so sehr, daß er sich mit Widerwillen von ihr abwandte.“ (181)
Amalie Struve, Eine Proletarierin. Roman aus der Revolutionszeit. In: Sociale Republik. Organ der freien Arbeiter. New York, 1858. Zitiert nach der Ausgabe in: Monica Marcello-Müller (Hrgin.): Frauenrechte sind Menschenrechte. Schriften der Lehrerin, Revolutionärin und Literatin Amalie Struve. Herbolzheim: Centaurus, 2002. S. 153–233.
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