Kinkel, Ibeles in London


Inhalt (KI):

Gerne, hier ist eine Inhaltsangabe der vorliegenden Auszüge aus Johanna Kinkels Roman „Hans Ibeles in London“ (erschienen 1860), mit besonderer Berücksichtigung der Rolle der Revolution von 1848.

Der Roman „Hans Ibeles in London“ wurde von Johanna Kinkel verfasst und 1860 veröffentlicht. Die Autorin, eine Komponistin, Musikpädagogin, Schriftstellerin und Salonière, war in zweiter Ehe mit dem politisch aktiven Republikaner Gottfried Kinkel verheiratet und selbst Teil des kulturellen Lebens in Bonn. Der Roman behandelt unter anderem das Leben deutscher Exilanten in London nach den Ereignissen der Revolution von 1848.

Die Handlung setzt in einer deutschen „kleinen Residenz“ ein, deren relativer Glanz hauptsächlich der Kunstpflege durch die Fürstin Rosalinde zu verdanken ist. Hans Ibeles ist offenbar als Musikdirektor oder Musiklehrer am Hof tätig. Seine Frau Dorothea ist eine tatkräftige und prinzipientreue Frau.

Die politische Spannung der Zeit wird durch die Nachricht von „Barrikaden in Berlin!“ spürbar. In der kleinen Residenz herrscht ebenfalls eine aufgeheizte Stimmung. Es werden politische Begriffe wie „Republik“, „Communismus“ und „Socialismus“ diskutiert. Die Idee einer Republik wird dabei von den anwesenden Hofbeamten und Adligen mit großem Abscheu betrachtet. Der Geheime Rath warnt sogar vor dem „Communismus“ als einer noch schlimmeren Form des menschlichen Wahnsinns.

Inmitten dieser Unruhe kommt es zu einem direkten Konflikt. Die Fürstin Rosalinde und ihr Kabinett beschließen, eine Bürgerversammlung zu verbieten und bei Widerstand Schüsse abfeuern zu lassen, wobei sie bewusst das Risiko eingehen, dass „gemeine Soldaten“ fallen, während fürsten ihre eigene Sicherheit gewährleistet sehen. Diese Maßnahme, die „freie Besprechung der Bürger“ zu verhindern, führt zum Aufruhr auf dem Markt. Die Bürger werfen Steine und verschaffen sich Zutritt zu einem Saal.

Ein „muthwillige Demonstration des Hofes“ eskaliert die Lage weiter. Zwei rostige Kanonen aus den Befreiungskriegen werden auf das Versammlungshaus gerichtet, was als reine Schreckmaßnahme gedacht war, aber eine „tumultuarische Widersetzlichkeit“ hervorruft. In diesem Moment der Krise treten Hans Ibeles, Dr. Stern und der Bäcker Butzmann (der auch Paukenschläger ist) hervor. Sie erklären, es sei ihre Pflicht, sich den Soldaten entgegenzustellen, sie zu entwaffnen und die Kanonen zu nehmen. Sie sind bereit, dafür zu sterben, um nicht als feige zu gelten.

Dieser Entschluss verbreitet sich schnell. Die Häuser von Beamten wie dem Oberst v. Radnagel und Herrn v. Braunstabel werden gestürmt. Es kommt zum Bau von Barrikaden, die mit Möbeln aus den Häusern der Amtsträger errichtet werden, darunter ein Samtsofa, Stühle, ein Klavier und sogar ein Spiegel. Diese Barrikaden werden nach den gestürmten Beamten benannt („Ministerbarrikade“, etc.) und stehen symbolisch für die „berauschte Sonne von 48“. Dorothea sorgt sich um ihren Mann.

Am nächsten Morgen zieht sich das Militär zurück. Das Schießen wird als „Mißverständniß“ bezeichnet. Eine Bürgermiliz organisiert sich. Die Revolution in dieser kleinen Stadt ist zwar vorerst gedämpft, aber die „Woge, welche die Freiheitsbewegung durch ganz Deutschland hob und senkte, bewegte auch das Schicksal dieser Stadt“. Der Hof verhält sich leidend, das Volk unruhig. Letztendlich führt jedoch der Mangel an Organisation zum Sieg der „reactionäre Minorität“ über die „Volkspartei“.

Infolge dieser Ereignisse, bei denen Ibeles direkt an den Barrikaden beteiligt war und ihm von Hulda zur Flucht verholfen wurde, findet sich Hans Ibeles mit seiner Familie im Exil in Londonwieder. London wird als ein Ort beschrieben, der reich an „Romanstoffen“ ist, aber auch große Herausforderungen für Exilanten birgt.

Das Leben im Exil ist von finanziellen Nöten und Schwierigkeiten geprägt. Ibeles, der gehofft hatte, als Komponist oder Dirigent Fuß zu fassen, sieht sich nach „mehr als einem Jahr des Harrens“ genötigt, Musikstunden zu geben. Dieser Schritt, den er am Neujahrstag 1850 bekannt gibt, bedeutet für ihn einen Kompromiss mit seinen künstlerischen Ansprüchen, den manche seiner Mitexilanten (wie Wilde­mann) als solchen kritisieren.

In London verkehren Ibeles und Dorothea mit anderen deutschen Exilanten und intellektuellen Kreisen. Zu ihnen gehören Dr. Stern, der ebenfalls als Lehrer arbeitet, und Figuren wie Wilde­mann, der sehr radikale Ansichten vertritt und sogar die Enthauptung von „Doc­tri­närs und Pro­fes­so­ren“ fordert. Auch Butzmann und Reffbaum, frühere „Kampfgenossen“ von Stern (wohl aus der Revolution 1848), tauchen auf, nun verarmt und zu einfacher Arbeit gezwungen.

Die Revolution von 1848 hat die soziale Landschaft verändert und Verbindungen geschaffen, die über traditionelle Schichten hinausgehen. Die Exilgesellschaft in London ist ein „buntes Mosaik von abenteuerlichen Figuren aus allen Ständen“, vereint durch die „Erinnerung an die Revolution“. Es gibt auch Diskussionen über radikale Ideen wie die Aufhebung der Ehe oder die Rechtfertigung des Tyrannenmordes, die in diesen Kreisen auf unterschiedlich starke Zustimmung stoßen. Hulda, die Ibeles nach der Barrikadennacht geholfen hatte, ist ebenfalls Teil dieses Kreises.

Dorothea, die sich um die pragmatischen Belange der Familie und die Kinder kümmert, hadert manchmal mit der Rolle der Hausfrau, erkennt aber die Wichtigkeit ihrer Aufgabe für die „kommende Generation“. Sie lehnt das „Dilettieren in der Revolution“ ebenso ab wie in der Kunst, und betont die Bedeutung der Arbeit als „Heilmittel“ auch für die „vornehmen Proletarier“.

Die Revolution von 1848 ist somit der unmittelbare Auslöser für das Exil der Hauptfiguren und bildet den zentralen historischen Kontext, der ihre Lebensumstände, ihre politischen Diskussionen und ihre persönlichen Herausforderungen in London prägt. Der Roman schildert die Nachwirkungen des Scheiterns der Revolution aus der Perspektive der Vertriebenen, ihre materiellen und ideellen Kämpfe sowie ihre Versuche, im neuen Umfeld Fuß zu fassen und ihre Ideale zu bewahren oder neu zu definieren. Die Handlung reicht bis ins Jahr 1850 und beleuchtet, wie die Revolutionserfahrung die Beziehungen und Zukunftspläne der Charaktere beeinflusst.

======

Basierend auf den vorliegenden Textauszügen spielen Frauen im Roman „Hans Ibeles in London“ eine zentrale und vielschichtige Rolle. Sie sind nicht nur passive Figuren im Hintergrund, sondern gestalten das Geschehen aktiv mit und verkörpern verschiedene gesellschaftliche Positionen und Ideale.

Hier sind einige der wichtigsten Rollen, die Frauen in den Auszügen einnehmen:

  • Die Ehefrau und Mutter (verkörpert durch Dorothea):
    • Zentrum des Familienlebens: Dorothea ist die Hausfrau und Mutter in der Familie Ibeles. Ihre Tagesgeschäfte geraten durch die vielen Besuche in Konfusion. Sie kümmert sich um die Kinder, deren Erziehung, und die praktische Organisation des Haushalts. Sie sieht ihren Platz als einzig bei ihren Kindern an.
    • Pragmatismus und Pflichtbewusstsein: Dorothea ist eine tatkräftige und prinzipientreue Frau. Sie betont die Wichtigkeit der Arbeit als „Heilmittel“ und lehnt „Dilettieren in der Revolution“ ebenso ab wie in der Kunst. Sie kritisiert die Vorstellung, dass Achtung im Maße der Faulheit steigt. Sie fühlt sich durch ihre Hausfrauen- und Mutterpflichten von anderen gesellschaftlichen Verpflichtungen ausgenommen.
    • Anker in der Krise: Sie sorgt sich um ihren Mann während der Revolution und unterstützt ihn in den finanziellen Schwierigkeiten des Exils, auch wenn die Hausarbeit sie körperlich und seelisch erschöpft. Sie ist die „beste Freundin des Mannes“, weil sie allein gemeinschaftliche Interessen mit ihm hat.
    • Konflikt mit gesellschaftlichen Erwartungen und anderen Frauen: Dorothea hadert mit der Rolle der Hausfrau und spürt den Druck, als „Dame des Hauses“ aufzutreten, insbesondere im Londoner Kontext, wo Hausarbeit von der gebildeten Schicht als entwürdigend angesehen wird. Sie gerät in Konflikt mit der Gräfin Blafoska, deren Umgangsstil sie ablehnt und deren Einfluss auf ihren Mann sie misstraut. Sie lehnt die Rolle einer „Hausfreundin“ ab, die sich in die Familie drängt, um dem berühmten Mann nahe zu sein. Sie verteidigt ihre Lebensweise und ihre Prioritäten.
    •  
  • Die Adlige und Salonnière (verkörpert durch Fürstin Rosalinde und Gräfin Blafoska):
    • Kulturelle und politische Macht: Fürstin Rosalinde fördert die Kunst und ist an politischen Entscheidungen beteiligt, die direkt zu Unruhen führen.
    • Soziale Inszenierung und Manipulation: Gräfin Blafoska inszeniert sich als Dame des Hauses und genießt die Verwechslung mit der Besitzerin. Sie ist verschwenderisch und reizt das einfache Leben anderer durch den Kontrast. Sie versucht, soziale Kreise zu beherrschen. Sie bietet Ibeles finanzielle Unterstützung an.
    • Politische Aktivität und Ambition: Die Gräfin gibt vor, rein politische Interessen zu verfolgen. Sie nutzt Intrigen als politischen Hebel. Sie scheint Ruhmsucht als Motivation zu haben. Sie betrachtet Leidenschaft als ein Werkzeug für politische Zwecke, nicht als Selbstzweck. Ihre politischen Aktivitäten sind vage und widersprüchlich.
    • Abwertung häuslicher Pflichten: Sie kritisiert Dorotheas Fokus auf Haushaltsführung und hält sie für ungebildet und nur als Dienstbotin geeignet.
    • Rolle in der Exilgesellschaft: Die Gräfin ist eine zentrale Figur in dem Kreis von Exilanten, der eher einer Redoute als einer Arbeiterassoziation gleicht. Sie versucht, bedeutende Parteiführer für ihren Kreis zu gewinnen.
    • Rivalität: Sie sieht Dorothea als Hindernis und versucht, Ibeles‘ Zuneigung zu gewinnen oder sie zumindest zu demütigen. Ihre Gefühle für Ibeles könnten tiefer gehen als ein reines „Spiel“.
    •  
  • Frauen in der Revolution und im politischen Exil:
    • Die Revolution kann „große Momente“ hervorbringen, in denen Frauen traditionelle Geschlechterrollen durchbrechen (Patriotinnen, die Pianos werfen, Patronen reichen, Barrikaden verteidigen).
    • Im Exil bilden Frauen wie Madame Gerhard und Gräfin Blafoska Teil der politischen Kreise. Ihre Lebensumstände sind direkt von den revolutionären Ereignissen betroffen.
    • Die politischen Diskussionen im Exil berühren auch die Rolle der Frau und Fragen der Frauenemanzipation. Es gibt die Hoffnung, dass die Stellung der Frauen in der „kommenden Umwälzung“ eine andere wird.
    •  
  • Frauen in der Gesellschaft und im Klassensystem (insbesondere in London):
    • Soziale Hierarchien: Die Quellen beleuchten das starre englische Klassensystem, in dem es eine tiefe Kluft zwischen der „gebildeten Gesellschaft“ und der „handelnden und arbeitenden Klasse“ gibt. Dienstmädchen unterscheiden zwischen „Lady“ und „Mistress“ basierend darauf, ob die Hausherrin selbst mitarbeitet.
    • Erwartungen an „Ladies“: Von Frauen der gebildeten Schicht in London wird erwartet, dass sie keine materielle Arbeit verrichten. Hauswirtschaft bedeutet hier primär Aufsicht. Das äußere Auftreten und die Etikette sind extrem wichtig. Die Aussprache des ‚h‘ kann den sozialen Status verraten.
    • Arbeit und Anerkennung: Die harte Arbeit der Hausfrau in bescheidenen Verhältnissen wird oft weniger geschätzt als die Scheinaktivität der „Lady“. Frauen, die nützliche Arbeit verrichten, werden in England deklassiert.
    • Arbeitsverhältnisse: Die Suche nach Dienstpersonal ist eine eigene Szene, in der die sozialen Hierarchien und Erwartungen deutlich werden. Dienstmädchen haben spezifische Anforderungen und bestehen auf ihren „Rechten“, z.B. Kinder schlagen zu dürfen.
    •  
  • Freundschaft und Rivalität unter Frauen:
    • Es gibt Beispiele für Unterstützung und Freundschaft (Mrs. Beak hilft Dorothea).
    • Es gibt aber auch Neid, Missgunst und Versuche der Manipulation (Gräfin gegen Dorothea).
    • Die Idee, Menschen zusammenzubringen, die sich nicht mögen, wird als schädlich betrachtet.
    • Das Konzept der „Hausfreundin“ beschreibt, wie andere Frauen versuchen, sich über die Ehefrau Zugang zum berühmten Mann zu verschaffen.
    •  
  • Verschiedene Lebensentwürfe und Schicksale:
    • Die Witwe, die als Kindermädchen arbeiten muss, obwohl sie früher Nannys für ihre eigenen Kinder hatte, zeigt den sozialen Abstieg.
    • Madame Gerhard, die ihre künstlerische Karriere für die Ehe aufgab und im Exil Energie verliert.
    • Hulda, die zunächst vereinsstiftende Pläne hat, dann aber in der Häuslichkeit Glück findet.
    • Meta, die nach Australien auswandert, nachdem ihre Versuche, Beziehungen zu beeinflussen, scheitern.
    • Miß Livia, eine mysteriöse Figur, die theatralische Mittel einsetzt und möglicherweise eine Rivalin für Dorothea darstellt.
    • Es werden Beispiele für philanthropische Frauen genannt, die sich um Volksbildung, Krankenpflege oder Kolonisierung kümmern.
    •  

Insgesamt zeigen die Auszüge, dass Frauen im Roman in vielfältigen Rollen erscheinen: als Hausfrauen und Mütter, als Akteurinnen im sozialen und (post-)revolutionären politischen Leben, als Verkörperungen unterschiedlicher Ideale von Arbeit, Bildung und gesellschaftlichem Status sowie in komplexen Beziehungen zueinander und zu den männlichen Figuren. Die Revolution von 1848 dient dabei als Katalysator, der ihre Leben ins Exil zwingt und ihre Rollen und Beziehungen neu formt und hinterfragt.


Johanna Kinkel, Hans Ibeles in London: ein Familienbild aus dem Flüchtlingsleben. 2 Bde. Stuttgart: Cotta’scher Verlag, 1860. [Aus dem Nachlass von J. K.]