Lewald: Auf rother Erde


Christoph Hamann:
Aufstand in Iserlohn 1849.
Zu Fanny Lewalds Novelle »Auf rother Erde«.


Die Handlung erstreckt sich vom Sommer 1848 bis Ende Mai 1849. Schauplätze sind im ersten Teil Bad Pyrmont und im zweiten Teil Iserlohn in Westfalen. Anton, der Sohn des wohlhabenden Berliner Fabrikanten Werder, der für die Liberalen in die Preußische Nationalversammlung gewählt worden war, führt ein sorg- und verantwortungsloses Leben ohne beruflichen und politischen Ehrgeiz. Er soll nach dem Willen der Eltern einst das Unternehmen des Vaters übernehmen und standesgemäß heiraten. Nach der Märzrevolution 1848 wird der Vater Geheimer Hofrat in einem Märzministerium und erweist sich, geprägt vom Standesdünkel und dem Hochmut eines Bürokraten, als Vertreter der konstitutionellen Monarchie und als Gegner einer weitergehenden Demokratisierung des Landes.

Bei einem Urlaub in Bad Pyrmont lernt Anton die schöne Marie kennen und lieben, sie ist die Tochter des reichen Bauern Kunz Schmidt. Diese verliebt sich ihrerseits in Anton und erwehrt sich zugleich der zudringlichen Avancen des wohlhabenden jungen Bauern Friedrich Freifelder. Gesellschaftliche Schranken: Antons Großvater hat einst sein Heiratsversprechen an Margarete, eine Tante, gebrochen. Diese lebt seitdem ehelos, wurde in der Familie in Unehren ausgegrenzt und trägt darüber hinaus in der Folge des Konflikts auch einen körperlichen Schaden davon. Sie versucht deshalb zunächst, einen Kontakt zwischen Anton und Marie mit dem Hinweis auf die Standesunterschiede der Verliebten und aus Furcht vor der Wiederholung der Geschichte zu unterbinden. 

Anton entfremdet sich seinem Vater, entwickelt sich zum Demokraten und hält, wie Marie auch, an seiner Liebe fest. Die Verbindung wird von den beiden Vätern kategorisch abgelehnt. Sie stehen zugleich in politischer Gegnerschaft zueinander. Denn Kunz Schmidt vertritt gegenüber dem Berliner Abgeordneten der Frankfurter Nationalversammlung die Interessen des Landvolkes. Er wendet sich gegen Privilegien der Oberschicht und streitet für Gleichberechtigung.

Der zeitgenössische Aufstand der Opposition in Iserlohn während der Reichsverfassungskampagne (10. bis 17. Mai 1849) nimmt in der Erzählung eine zentrale Rolle ein. Bei dem Barrikadenkampf wird Anton schwer verletzt und von Marie gepflegt. Die Väter geben im Moment der Gefahr dem Paar ihren Segen und stimmen schließlich einer Hochzeit zu. 
Am Ende der Novelle berichtet ein namenloser Erzähler, eine namenlose Erzählerin, dass Anton und Marie 1850 in den USA gemeinsam eine Farm bewirtschaften, sie ihn dabei in die Tätigkeit eines Landwirtes einführt und er sie mit „allen anderen Gegenständen“ vertraut macht.

Vertiefung: Frauenfrage und Emigration in die USA
Der zeitgenössische Kontext dient Fanny Lewald als historischer Hintergrund, um Frauenrechtsfragen literarisch in Szene zu setzen. Sie wendet sich mit ihrer Novelle in erster Linie gegen die – von der Familie bzw. den Vätern angestrebte – Zweckehe und tritt für die Liebesheirat ein. Eine politische Bedeutung gewinnt dieses Thema, weil es nicht nur um soziale und kulturelle Unterschiede geht, sondern auch um die vormärzliche Ständegesellschaft, die Ehen zwischen Angehörigen des Bürgertums und der Bauerschaft nicht vorsieht.

Der Aufstand in Iserlohn 1849, bei dem es viele Opfer auf Seiten des Volkes gab, fungiert in der Erzählung als Symbol des Scheiterns der Revolutionen von 1848/49. Politische Freiheit und die gesellschaftliche Gleichheit der Geschlechter können nicht hergestellt werden. Das Paar kann dies nur um den Preis der Emigration erreichen. Die Vereinigten Staaten erscheinen als demokratischer Ort der Zukunft, in dem die Menschen in sozialer Gleichheit und selbstbestimmt in persönlicher und politischer Freiheit leben können. Dies berührt auch die Frage der Gleichheit der Geschlechter in der Ehe. Denn das Ehepaar bildet sich weiter – einmal ist er der Bildende, einmal sie. Mit dem Ausblick am Ende der Novelle werden auch Lewalds wichtige frauenpolitische Themen der Frauenbildung und der Berufsausübung verheirateter Frauen gestreift.

Der Titel der Novelle „Auf rother Erde“ verweist nicht allein auf die westfälische Landschaft, sondern auch auf die von Blut getränkte Erde der politischen Reaktion.


Fanny Lewald: Auf rother Erde. Eine Novelle. Leipzig 1850.


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