Christoph Hamann:
Die Revolution als weibliche Verführung.
Zu Slawiks »Barrikadenbraut«.
Die Polin Bielka R., ein 24jähriges „wunderhübsches (…) Mädchen gefährlich in jeder Beziehung“, unterhält sich 1848 in ihrem, mutmaßlich in Wien gelegenen, elegant möblierten Zimmer mit ihrem in die Jahre gekommenen Dienstmädchen Marusha über ihren Liebhaber Hermann. Draußen „donnern die Kanonen“ des Barrikadenkampfes. Bielka ist im Auftrag der „Umsturzpartei“ Polens unterwegs. Sie soll bei den Männern vor Ort für die Revolution agitieren. Von einem „Fanatiker“ dieser Partei erhält sie nur einen geringen Lohn und lässt sich deshalb von ihrem ihr blind ergebenen Liebhaber aushalten. Dessen ist sie jedoch überdrüssig, denn sie begehrt allein „glühende Liebe“. Als sie sich auf die Barrikade begeben will, modisch ausstaffiert wie eine Schauspielerin, stürzt Hermann auf der Flucht vor den Soldaten in ihr Zimmer und bitte sie um Hilfe vor den Verfolgern. Diese verweigert sie ihm und nennt ihn einen „Feigling“.
Als Soldaten in das Zimmer eindringen, versucht Bielka auf diese zu schießen und sich dann selbst das Leben zu nehmen. Einer der Soldaten will den Hermann töten, wird jedoch von einem Offizier daran gehindert. Dieser erkennt in dem Aufständischen seinen Bruder und in Bielka die Frau, die ihn einst vergeblich hatte verführen wollen. Er öffnet seinem Bruder die Augen: „Ich kenne diese Schlangen des Paradieses, Hermann! (…) Sie kriechen aus ihren Höhlen, um politischen Wucher mit ihren Reizen zu treiben; die Barrikadenbraut hat ihren fahrenden Ritter gefunden: Dich hat die Liebe, Dich hat die Leidenschaft verführt.“ Im Angesicht ihrer Niederlage stimmt Bielka in „wilden, rasenden Lauten“ das Lied „Polen ist noch nicht verloren“ an, wird ins „Irrenhaus“ geschafft, um wenig später dann „vor einem anderen als einem weltlichen Richter zu stehen.“
Vertiefung: Die Frau als Verführung
Der literarische Topos einer Frau auf der Barrikade ist in fiktionalen Texten, gleichviel, ob sie mit der Revolution sympathisieren oder diese ablehnen, wird häufig – unterschwellig oder offen – mit dem Motiv der Liebe oder der Erotik thematisiert. Die literarische Barrikade fungiert dabei metaphorisch als revolutionärer Altar, auf dem sich Mann und Frau öffentlich zueinander bekennen: in ihrer Liebe und in ihrer politischen Haltung. Romantisch verklärt wie unterschwellig erotisch aufgeladen wird dies im Motiv des gemeinsamen Todes auf der Barrikade variiert, einer gewissermaßen „leiblichen“ Vereinigung auf ewig im Jenseits. Entsprechend der zeitgenössischen Geschlechterhierarchie und ihrem Frauenbild opfert sich die liebende Frau auf und folgt dem getöteten Mann nach.
Kein Zufall ist es deshalb auch, dass die literarischen Frauen auf den Barrikaden allesamt attraktiv sind; selbst dann, wenn sie die literarische Figur auf ein historisches Vorbild mit konventionellem Aussehen bezieht. Dies mag einerseits dem Geschmack des Publikums wie der Absatzorientierung der Publikationen geschuldet sein; andererseits spiegelt sich in diesem Motiv auch der Geschlechterdiskurs der Zeit. Dieser ist geprägt von der binären Hierarchie Rationalität – Emotionalität sowie Öffentlichkeit – Privatheit. Der öffentliche Raum ist männlich konnotiert und kontrolliert durch die Rationalität des Mannes; Emotionalität ist dem Privaten und der Frau vorbehalten, welche ihrerseits patriarchalisch beherrscht und einem männlichem Emotionsregiment unterworfen wird.
Das (politische) Agieren einer Frau in der Öffentlichkeit kann nur in diesem binären Schema gefasst werden: nämlich als nicht rationales, sondern als emotionales. Die Revolution ist in der binären Logik weiblich. Sie wird als Gefährdung bzw. Beseitigung der staatlichen Ordnung wahrgenommen durch eine nicht mehr kontrollierte, geradezu entfesselte Emotionalität; und im Beispiel der Frauen auf den Barrikaden wird sie auch erotisch konnotiert. Sie werden publizistisch wie literarisch von daher mit destruktiven Superlativen der Emotionalität attribuiert. Sie kämpften mit „blinder Wut“, mit an „Wahnsinn grenzender Entschlossenheit“, ihre Handeln „arte in Raserei“ aus, der Irrtum ihres Geschlechterdenkens führe ins „Irrenhaus“. Es ist nur deswegen folgerichtig, dass die Barrikade in publizistischen Kommentaren der historischen Ereignisse auch immer wieder als Ort enthemmter Sexualität als Gegenpol vermeintlich rationaler Beherrschung dargestellt wird. Der Mann als Barrikadenkämpfer wird wiederum auch gedacht als Verführter von Frauen, die sich prostituieren und ihn damit zum Kampfe anstacheln.
Die „Barrikadenbraut“ Bielka ist die Personifizierung einer solchen Amoralität. Sie ist nicht nur außerordentlich attraktiv und wird in aufreizender Unterwäsche („einem knapp anliegendem Mieder und kurzem Unterröckchen“) oder theatral aufgeputzt in Szene gesetzt. Ihre Reize setzt sie zwar zweckrational, aber eben amoralisch des politischen wie ökonomischen Vorteils wegen ein. Letztlich will sie allein die „glühende Liebe“ und entspricht damit in keiner Weise dem sittsamen bürgerlichen Frauenbild der Zeit. Dies deutet auch das „elegant möblierte“, aber „etwas nachlässig gehaltene Zimmer“ an, in dem sie lebt. Als Revolutionärin lebt sie ohnehin aus dem „Reisekoffer“ und fügt sich nicht in eine bürgerliche Gesellschaft oder staatliche Ordnung, sondern ist als Vagabundierende per se Außenseiterin. Als Abgesandte des polnischen Untergrunds bzw. der Nationalbewegung für die Unabhängigkeit Polens von Österreich (Preußen und Russland) ist sie „gefährlich in jeder Beziehung“.
Die Revolution ist also nicht nur weiblich, sondern auch fremdländisch; sie wird von außen hereingetragen; ob ihrer Jugend ebenso idealistisch gesinnte wie hormonell gesteuerte Männer sind Verführte des Auslands und bedürfen im Sinne der gesellschaftlichen wie politischen Ordnung der Fürsorge und Lenkung eines älteren Mannes, im vorliegenden Fall des Bruders. Offenkundig ist der Geschichte der Barrikadenbraut auch das biblische Motiv von der Eva als Verführerin des Mannes unterlegt. Bielka wiederum verfällt am Ende er Geschichte folgerichtig dem „Wahnsinn“, kommt ins „Irrenhaus“ und muss sich vor Herrn wegen ihres Aufstandes gegen die von Gott gegebene Ordnung verantworten.
F. H. Slawik, Die Barrikadenbraut. Federzeichnung, in: Humorist und Wiener Punch, Nr. 67, 20.3.1849, S. 269; Nr. 68, 21.3.1849, S. 276-277.
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