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Vischers Roman Auch Einer präsentiert Albert Einhart (A. E.), einen hochintelligenten, aber zutiefst exzentrischen ehemaligen Vogt, als Protagonisten. Die Erzählung, größtenteils im Rahmen einer Reise in den Schweizer Alpen angesiedelt, dient als Bühne für A. E.s philosophische Wutausbrüche und seine unkonventionelle Moral.
A. E.s Weltbild ist von dem unerbittlichen Kampf gegen die „Tücke des Objekts“ (das „verfluchte Objekt“) beherrscht. Er ist überzeugt, dass unbelebte Gegenstände und äußere Widrigkeiten wie Schnupfen, lästige Geräusche oder entgleitende Gegenstände die Menschen absichtlich sabotieren und deren Zeit und geistige Kraft vergeuden. Seine Wut darüber äußert sich in exzentrischen „Justizakten“, wie dem Zertrümmern seiner Brille oder dem gewaltsamen Angriff auf einen Fuhrknecht, der seinen Hund misshandelte. Diese explosive Ungeduld steht im Kontrast zu seinem festen moralischen Kern; für ihn „versteht sich das Moralische immer von selbst“.
Die Revolution von 1848 spielt für A. E.s Biografie eine zentrale Rolle. Er gab seine geplante Italienreise auf, um im Kampf für Schleswig-Holstein als Freiwilliger beizutreten, ein Akt, der ihm persönlich zur Heilung seines inneren Wahnsinns diente („Mit dem Blut in Bau ist mir aller alte Wahnsinn ausgeflossen“). Doch die „schnöde Reaktion“ nach dem Scheitern der nationalen Bewegung führte dazu, dass seine liberale Haltung bei den neuen Machthabern in Verruf geriet und er sein Amt als Vogt verlor. Die „Phrase vom christlichen Staat“ jener Zeit griff er in der Kammerrede an.
Inmitten seiner Exzentrizitäten offenbart A. E. eine tiefe, vergeistigte Liebe zur jungen schottisch-italienischen Cordelia, die er als eine Erscheinung von Schönheit und als seine „Retterin“ (Soteira) ansieht. Diese unerfüllbare Liebe ist mit einem früheren, tragischen Geheimnis in Norwegen verknüpft.
A. E. stirbt Jahre später, nachdem er im Alter von 55 Jahren eine schwere Wunde erlitt, in seiner Heimatstadt. Er empfindet den Tod als würdevolles Ende, „wie wenn ich im Kriege gefallen wäre“. Er hinterlässt dem Erzähler seine unvollendete philosophische „Pfahldorfgeschichte“, die als Versuch dient, seine Mythologie über die dämonische Natur des Materiellen literarisch zu verarbeiten.
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Die Revolution von 1848 spielt in Friedrich Theodor Vischers Roman Auch Einer eine absolut zentrale Rolle [CH], da sie sowohl das persönliche Schicksal des Protagonisten, Albert Einhart (A. E.), grundlegend verändert als auch den gesamten politischen und moralischen Kontext der Erzählung definiert.
1. Persönliche Katharsis und Heilung
Die Revolution markiert für A. E. einen kritischen Wendepunkt in seinem Leben und dient als therapeutisches Mittel gegen seine inneren psychischen Leiden (seinen „alten Wahnsinn“).
- Beteiligung am Kampf: A. E. hatte sich entschlossen, seinen ursprünglich für 1847 auf 1848 geplanten Italienurlaub aufzugeben, um sich als Freiwilliger dem Kampf für Schleswig-Holstein anzuschließen.
- Wiederherstellung der Moral: Die Teilnahme am Kampf, insbesondere das Gefecht bei Bau, wird als Akt der Läuterung dargestellt. A. E. schreibt: „Mit dem Blut in Bau ist mir aller alte Wahnsinn ausgeflossen. Das Hirn ist kühl geworden“. Dies war seine Antwort auf den Ruf des Vaterlands, den er zuvor in seinem egozentrischen Wahnsinn vergessen hatte.
- Rückkehr und Karriere: Nach dem Kampf kehrt er nach Hause zurück. Seine spätere Beförderung zum Vogt (Oberamtmann) erfolgte, obwohl man ihm seine Teilnahme am Krieg in Schleswig-Holstein im Jahr 1848 „verdenken wollte“.
2. Die gescheiterte Bewegung und ihre politischen Folgen
Obwohl die Revolution A. E. persönlich rettete, wird ihr Scheitern in Deutschland als nationales Unglück und als Beginn der politischen Sittenwidrigkeit gesehen, gegen die A. E. später kämpft.
- Der „Todestag“: Das Scheitern der Bewegung wird mit dem Waffenstillstand von Malmö und den Barrikaden in Frankfurt verknüpft, welche als „der Todestag der großen Bewegung“ bezeichnet werden.
- Politische Korruption: Die Folge war eine Zeit der „schnöden Reaktion“, in der die Gewalthaber, die „die schöne Bewegung für Freiheit und Einheit der Nation entstellt und verderbt hat“, rachsüchtiger gegen die anständige Minderheit vorgingen.
- Einharts Sturz: A. E.’s Sturz von seinem Amt wurde durch seine Rede in der Kammer herbeigeführt, in der er die „Phrase vom christlichen Staat“ jener reaktionären Kreise angriff, die nach dem Niedergang der Freiheitsbewegung ans Ruder kamen. Seine Verfolgung jener, die „den Gedanken der nationalen Einigung mit der Energie und Vernunft des Mannes zu verwirklichen gestrebt hatten“, bezeichnet A. E. als „der schnödeste, schmutzigste Schmachfleck in der Geschichte unsrer Nation“.
Die Revolution von 1848 ist somit nicht nur ein Datum, sondern ein entscheidender moralischer und biografischer Ankerpunkt, der A. E.’s Charakter und seine unversöhnliche Haltung gegenüber dem Opportunismus der 1850er und 1860er Jahre prägt.
Friedrich Theodor Vischer, Auch Einer. Eine Reisebekanntschaft. Roman. 2 Bände. Stuttgart und Leipzig: Hallberger, 1879.