Glaßbrenner, 1849 im Berliner Guckkasten


KI, Inhalt:

Das Heft XXX trägt den Titel »1849 im Berliner Guckkasten« und erschien 1850 in Leipzig. Die Szene spielt am Abend Unter den Linden in Berlin.

Der Guckkästner präsentiert die Weltereignisse des Jahres 1849. Er nennt 1849 das »jroße adlije Jahr, welches dazu bestimmt war, die Niederträchtigkeiten der europeeschen Völker jejen ihre erhabne Fürschten wieder jut zu machen« und die Revolution von 1848 auszulöschen.

Preis und Gleichheit: Der Guckkästner hat den Preis für den Einblick in die Weltgeschichte von einem Silbergroschen (wie im Vorjahr) auf nur noch einen Silbersechser gesenkt, da er nun die ganze Nation »ohne Unterschied wie Kinder« behandele. Er erklärt, dass, obwohl »Jleichheit vor’s Jesetz nich möglich« sei (da dies für Adel und Großgrundbesitzer beleidigend wäre), dennoch »Jleichheit vor’n Kukasten« herrsche.

Politische Haltung und Charaktere: Der Guckkästner äußert sich sarkastisch gegenüber einem Schutzmann über die Loyalität preußischer Untertanen und die Notwendigkeit, »Mit Jott vor Keenig un Vaterland« auswendig zu lernen. Das Mitglied Herr Strampel erklärt, er sei von Brandenburg-Manteuffel in eine Minoritätswiege eingelullt worden und verlange nun nur noch beschränkte Rechte, wie das beschränkte Versammlungsrecht (alleine zu stehen) und die beschränkte Preßfreiheit (mündliche Bemerkungen ohne Verbreitung). Herr Strampel fasst die Situation mit dem zentralen Motto zusammen: »Wir haben eben jetzt eine Verfassung, weil wir Des nich jefaßt haben, wat wir hätten fassen sollen.«.

Die gezeigten Bilder (mit dem Ausruf »Rrrrrr…eaction«):

  1. Krönung Louis Napoleons: Ein Phantasiejemälde zeigt die Krönung Louis Napoleons zum Kaiser von Frankreich durch Papst Pio Nonno. Die Szene, als Wunschtraum dargestellt, hebt die Unterdrückung Roms und das Ende der Republik hervor. Die Krone wird hierbei von Louis Napoleon selbst ergriffen.
  2. Königin Isabella von Spanien: Sie wird beim Verzehr von Zuckerwerk dargestellt, welches sie »allerhöchst herablassend« mit einem Soldaten teilt. Herr Ducke zeigt sich tief beeindruckt von der angeblichen Tugendhaftigkeit, Keuschheit und Uneigennützigkeit der spanischen Königsfamilie. Ducke bestätigt, dass seine »fromme un jottes- un keenigsfürchtige Frau« Mitglied des weiblichen Treubunds ist und »Tugendübung« betreibt.
  3. König von Neapel: Er befindet sich in seinen Gemächern, da er befürchtet, die Liebe seines Volkes könnte »zu zudringlich werden«.
  4. Kossuth und Hyäne: Ein Doppelbild. Auf der einen Seite ist Kossuth beim Verlassen Ungarns infolge des »vieh’schen Verrath[s] Oestreichs an Rußland un den Jörjei’schen Verrath Ungerns an dieselbe Knutenrejierung« zu sehen. Die andere Seite zeigt eine »wilde Bestie von Hyäne«, die im Menschenblut badet und Orden auf dem Bauch trägt.
  5. Frankfurter Reichsverfassung und Krone: Das Bild zeigt die Volksvertreter der Jean Paul’skirche, die dem König von Preußen die Krone von Deutschland anbieten. Der König lehnt ab, da eine Krone »man von Jott blos jejeben werden kann«. Das Bild zeigt ferner den frommen Jerlach und Minister Manteuffel.
  6. Weiblicher Treubund: Der Guckkästner zeigt irrtümlich den weiblichen Treubund (Loyalitätsliga). Der Erste Junge nennt sie »lauter alte Weiber«.
  7. Reichsverfassung und Freiheitseid (Phantasie): Das »erhebende Phantasiejemälde« zeigt das gesamte deutsche Volk, das auf die endgültig beschlossene Reichsverfassung vom 21. März 1849 schwört und Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit ausruft. Der Guckkästner argumentiert, dass »Preußen muß in Deutschland aufjehen!«.
  8. Wahl in Münster: Ein Wähler aus Münster wählt sich selbst in die Erfurter Versammlung, lehnt die Wahl aber sofort ab, da die »Erfortser-Versammlung jejen meine Jrundsätze is«.
  9. Kanone: Anstelle eines mythologischen Bildes der Weisheit zeigt der Guckkästner irrtümlich eine »janz jemeine Kanone«, die gegen »deutsche Rebellen jebraucht is«.
  10. Kalifornisches Gold: Zeigt Gold, das in Kalifornien klumpenweise fließt. Auf die Frage, warum dies nicht in Deutschland passiert, antwortet der Guckkästner: »Weil wir nich frei sind.«.
  11. Chinesischer Staatsschatz: Das letzte Bild soll den chinesischen Staatsschatz zeigen, entpuppt sich aber als »leerer Bogen Papier«, was den Guckkästner zu der Besorgnis verleitet, der Schatz sei »janz wegjekommen«.

Abschluss: Der Guckkästner und seine Frau beginnen, ihre Sachen zusammenzupacken. Herr Strampel versichert sich noch einmal, dass dies tatsächlich das »weltjeschichtliche, adlije Jahr 1849« war, bevor er geht.

Analogie zur Veranschaulichung der politischen Stimmung: Das Heft XXX ist wie ein Witzbildband, der nach einer großen Schlacht herausgegeben wird, in dem aber nur die Karikaturen der Verlierer gezeigt werden, während die Sieger (die Volksvertreter) als verträumte Philosophen dargestellt werden, denen die Realität (die Kanonen und die entzogene Krone) entgleitet. Der Guckkästner muss die Freiheit bejubeln, während er gleichzeitig die »Reaction« (Rrrrrr…eaction) als unausweichliche Tatsache akzeptiert.


Adolf Glaßbrenner [Pseudonym: Adolf Brennglas], 1849 im Berliner Guckkasten. In: Berlin, wie es ist und – trinkt, Heft 30. Leipzig: Verlag von Ignaz Jackowitz, 1850