Schuft – Hundsfott – Kanaille
In seinen privaten Aufzeichnungen bedient sich Karl August Varnhagen von Ense häufig einer scharfen, herabwürdigenden und im Sinne seiner Zeit »ordinären« Sprache. Er verwendet Beleidigungen wie »Schuft«, »Halunke« oder »Lump« oft als bewusste sprachliche Abkürzungen, sogenannte »epitheta ornantia«, um die moralische Nichtswürdigkeit von Personen des öffentlichen Lebens kurz und bündig festzuhalten.
Ganze Gruppierungen bezeichnet er kollektiv als »Geschmeiß« oder »Gezücht«, etwa wenn er abfällig vom »Pfaffengezücht« oder dem »Bürgermeister-Geschmeiß« spricht. Auch staatliche Institutionen bleiben von seinem Spott nicht verschont: So tituliert er die preußischen Kammern des Landtags wiederholt als »Lumpenkammern«, Mitglieder der Regierung oder des Hofes beschimpft er als »Hundsfott«, »Racker« und »Kanaille«.
Er ist sich aber seiner Sprache durchaus bewusst und reflektiert sie in seinen Aufzeichnungen explizit. Varnhagen rechtfertigt seine derbe »Kraftsprache« als eine notwendige »Berufung auf die Natur« und verweist dabei auf große Vorbilder wie Goethe, Shakespeare und Luther, die sich ebenfalls einer solch unverblümten Ausdrucksweise bedient hätten. Für ihn ist die politische Auseinandersetzung seiner Ära eine Art »Kriegszeit«, in der ein kräftiges Schimpfwort dem Soldaten gleichsam die Brust erleichtere. Zudem betont er, dass er diese Freiheiten primär in seinen privaten Papieren »unter uns« gebrauche, wo er kein Blatt vor den Mund nehmen müsse.
In seiner Vorbemerkung zum 5. Band der Tagebücher beschreibt er ein Gespräch, in dem ihm nahegelegt wurde, doch »milder in seinen Ausdrücken« zu sein. Er entgegnete darauf, dass dies zwar leicht, aber schlichtweg »langwierig« wäre. Anstatt weitschweifig aufzuzählen, wie pflichtvergessen sich eine Person – als Beispiel nennt er den Politiker Bassermann – verhalten habe, nutze er lieber »kurzweg« Begriffe wie »Schuft« oder »Lump«.
Varnhagen stellt dabei jedoch klar, dass diese Art des Schimpfens nur dort gültig sei, wo man sich unter »Einverstandenen oder doch Verstehenden« befinde und der sachliche Gehalt sowie die geschichtliche Einordnung bereits vorausgesetzt werden könnten. Damit unterstreicht er den Charakter seiner Tagebücher als privates, aber doch für eingeweihte Verständige bestimmtes Zeugnis.
Interessanterweise beobachtet Varnhagen eine ähnliche Neigung zur Grobheit auch in den höchsten Kreisen. Er berichtet, dass der König selbst in Momenten maßloser Heftigkeit mit Ausdrücken wie »Racker«, »Esel« oder »dumme Jungen« um sich werfe. Laut Varnhagens Aufzeichnungen haben Höflinge sogar begonnen, ein kleines Lexikon der königlichen Flüche anzulegen. Während er exzessive Trinkgelage und moralische Ausreißer am Hof scharf als »Liederlichkeit« kritisiert, dient ihm seine eigene polemische Sprache als Ventil für seinen tiefen Unmut über die politischen Zustände Preußens. [WH]