Wolfgang Hink:
Die Revolution und die Kultur. Oder: Früher war alles besser!
Zu »Margarethe. Eine Episode aus der Neuzeit von ***.«
Die Geschichte erzählt vom Leben der jungen Witwe Margarethe, die nach dem Tod ihres ungeliebten Ehemanns – er wurde zufälliges Opfer der Barrikadenkämpfe in Dresden – in Berlin ein neues Leben sucht. Sie zieht zu ihrer Tante, Fräulein von Hohenau, einer gebildeten, frommen und sparsamen Frau, die sie in ein Leben voller Bildung und Frömmigkeit einführen möchte. Margarethe hingegen sehnt sich nach Liebe, Glück und einem mondänen Leben, was zu Konflikten mit ihrer Tante führt.
In Berlin lernt Margarethe den charmanten und gebildeten Freiherrn Alexander von F. kennen, der sich als revolutionärer Demokrat und Freigeist ausgibt. In Wahrheit ist er ein Opportunist, der seine politische Gesinnung nur als Maske benutzt, um seine persönlichen Ziele zu erreichen. Sie lässt sich von ihm und seinen schmeichelhaften Worten täuschen und verliebt sich in ihn.
Die politische Situation wird in den Salongesprächen bei der Tante von Hohenau immer wieder thematisiert: Der Freiherr tritt als Verfechter von Revolution und Anarchie auf, während die Tante und die Gräfin, Alexanders Schwester, konservative Ansichten vertreten und dem König treu ergeben sind. Die Tante schwärmt vom „Treubund“, „er ist ein gemeinsames Band all derer, denen die Gesittung und Erhaltung der Gesellschaft am Herzen liegt.“ (455) Auch die Auswirkungen der Revolution auf Kunst und Gesellschaft werden diskutiert. Die Revolution „bedroht Deutschland mit geistiger Vernichtung“ (441), formuliert ein alter Herr ganz drastisch. All das gegen die ausdrückliche Anweisung der Tante: „Keine Politik, meine Herren!“ (442)
Margarethe wird jedoch vom Freiherrn betrogen. Sie leiht ihm Geld, das sie als „Gnadengeschenk“ vom König erhalten hat. Er benutzt es, um seine Schulden zu begleichen und seine Verlobung mit einer reichen Erbin namens Lea Bernstein zu ermöglichen.
Emil, ein adliger Offizier, Künstler, Bildhauer und entfernter Verwandter Margarethes, erkennt den wahren Charakter des Freiherrn und rettet sie vor einer schlimmen Enttäuschung, indem er sie zu dessen Verlobungsfeier führt, die der Freiherrverheimlicht hatte. Emil ist das völlige Gegenteil des skrupellosen Freiherrn, denn er verkörpert Treue (zum König), Ehre und Aufrichtigkeit, mithin die traditionellen Werte des Adels. Natürlich lehnt er auch die Revolution ab.
Am Ende der Geschichte ist Margarethe desillusioniert und verletzt. Emil, der sich in sie verliebt hat, hofft auf eine gemeinsame Zukunft mit ihr.
Die Revolution und die Kultur. Oder: Früher war alles besser!
In den Gesprächen der Salon-Abende wird der Verlust der „guten alten Zeit“ (437) beklagt, der Niedergang traditioneller Werte ist ein durchgängiges Thema. Die Revolution bedrohe Respekt, Sitte und Moral. Fräulein von Hohenau und der alte Herr in ihrem Salon betrachten den Aufstieg revolutionärer Ideen als Verfall der Gesellschaft insgesamt.
Die Gäste kritisieren außerdem den Verlust von Romantik und Enthusiasmus im Alltag. Emil, der junge Aristokrat und Künstler klagt: „[D]as Leben ist allen Zaubers entkleidet, es ist ein Knochengerüst, ein Rechenexempel geworden“. (453) Auch hier ist klar: Die Revolution ist schuld.
Die politische Entwicklung hat auch erhebliche Auswirkungen auf Kunst und Literatur. Die einstigen literarischen und kulturellen Zentren seien verblasst, die neue Zeit unruhig und chaotisch. Die Wertschätzung für das Genie scheine zu schwinden, wie die Tante meint. Und der alte Herr klagt: „[W]ie empfänglich war auch die damalige Zeit für Poesie, mit welchem Jubel begrüßte man Heine’s Gedichte […]!“ (437f.) Er rühmt die damaligen literarischen Zirkel beim Grafen Gneisenau, „wo sich alle Schöngeister der Hauptstadt versammelten!“ (438), und nennt die Namen Bettina, Rahel und weitere Schriftsteller. „Wie öde ist dagegen jetzt die Literatur in Berlin! Wir haben einen König, der ein Athen aus unsrer Stadt machen würde und könnte, wären nicht die politischen Stürme. Es ist jetzt keine Residenz, kein Tempel der Kunst mehr, nur ein Krater der Revolution“. (439)
Zugleich führt die Revolution zu einer Politisierung der Literatur. Während Schriftsteller wie Eugène Sue und Victor Hugo vom revolutionären Geist profitierten, blieben andere Stimmen, die sich nicht für die Revolution engagieren, im Schatten. Selbst ein so patriotischer Dichter wie Scherenberg sei jetzt völlig unbekannt. Fräulein von Hohenau kritisiert diese literarische Tendenz.
Angesichts dieser Entwicklungen flüchten einige Figuren in die Vergangenheit und idealisieren frühere Epochen. Der alte Herr im Salon erinnert sich mit Wehmut an die Zeit vor der Revolution, als Berlin noch ein lebendiges Zentrum für Kunst und Kultur war: Früher sei „Berlin ganz anders reich an interessanten Persönlichkeiten“ (437) gewesen. Emil sieht ebenfalls in der Vergangenheit ein Ideal der Ehre und der Treue, aber auch im Adel, „der seinen ächten Geist bewahrt hat, der seine Ehre […] in Ausübung menschlicher und bürgerlicher Tugenden […]“ sucht. (454)
Die Revolution wird in der Erzählung als eine zutiefst zerrüttende Kraft dargestellt, sie erschüttert nicht nur politische und soziale Strukturen, sondern auch die Wertschätzung für Kunst und Literatur. Die Figuren – hier natürlich besonders der Adel – fühlen sich entwurzelt und sehnen sich nach der vermeintlich heilen Welt vergangener Tage.
[Anonym:] Margarethe. Eine Episode aus der Neuzeit von ***. In: Germania. Jahrbuch deutscher Belletristik. Erster Jahrgang 1851. S. 426–471. Bremen 1851.
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