Blum: Aus vergessenen Acten


Inhalt / KI:

Der Kriminalroman „Aus vergessenen Acten“ von Hans Blum beginnt am Johannistag in einer kleinen Residenzstadt eines Fürstentums. Im Mittelpunkt der Honoratioren steht der junge Kürschnermeister Wolf, der kurz vor der Hochzeit mit Nanette Martin steht, was den eifersüchtigen Fleischer Karl Bahring zu Drohungen veranlasst.

Die politischen Verhältnisse des kleinen Staates sind dabei stark von den Folgen der Revolution von 1848 geprägt [21, CH]. Der Amtsrichter Kern, ein begabter liberaler Richter, wurde nach dem „tollen Jahr“ wegen seiner Unterstützung der liberalen „deutschen Partei“ und seines Festhaltens an der Reichsverfassung in die kleine Stadt strafversetzt – das „Sibirien des kleinen Landes“. Dagegen wurde der opportunistische Bürgermeister, der seine Gesinnung flexibel den Vorgaben der Regierung anpasste, belohnt und erhielt eine glänzende Karriere prophezeit.

In der Nacht wird Meister Wolf ermordet im Keller gefunden. Die Hausmagd Margret (die im Stillen unter der Ablehnung ihrer Liebe zu Gustav Stephan durch dessen reichen Vater leidet) alarmiert das Haus. Erste Beweise wie zerrissene Liebesbriefe und ein blutiges Taschentuch mit den Initialen „K.B.“ lenken den Verdacht auf den eifersüchtigen Rivalen Bahring, der kurz darauf tot durch Suizid aufgefunden wird.

Amtsrichter Kern lässt sich jedoch von Margret überzeugen, dass Wolfs vertrauter Geselle Josua King der wahre Mörder ist. Margret hatte King zuvor abgewiesen und seine schleichenden Schritte in der Mordnacht gehört. Kern rekonstruiert Kings Plan: King hatte Wolf unter dem Vorwand, „Diebe im Keller“ seien, in die Falle gelockt. Weitere Indizien, darunter Fasern von Kings Unterwäsche unter Wolfs Fingernägeln und eine Blutspur zu Kings Kammer, beweisen die „beispielloser Ruhe, Hinterlist und Tücke“ der Tat.

King wird festgenommen und verurteilt. Das Todesurteil wird zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt. Zwanzig Jahre später wird King durch eine Generalamnestie, die maßgeblich vom Bürgermeister (nun Geheimer Rat) initiiert wurde, um Kern zu demütigen, freigelassen. King kehrt zurück, um Margret, die nun verwitwete Gastwirtin ist, und ihre Tochter zu ermorden und seinen „alten Racheschwur einzulösen“. Kern, der Margret seit der Mordnacht in aller Stille liebt und sie vor der Gefahr warnen will, stellt King in einer dramatischen Verfolgung im Wald. Ein Gendarm schießt King nieder, kurz nachdem dieser Margrets Tochter verletzt hat. King stirbt in Haft. Kern, dessen „raue[s] Herz“ trotz des langen Aufschubs „noch des Frühlings fähig“ ist, heiratet die verwitwete Margret.

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Die Revolution von 1848 spielt in Hans Blums „Aus vergessenen Acten“ eine entscheidende, karrierebestimmende Rolle und dient als zentraler historischer Wendepunkt, der die aktuellen politischen Verhältnisse und die soziale Hierarchie in dem kleinen Fürstentum definiert.

Die Ereignisse von 1848 werden explizit als „Anno Achtundvierzig“ oder das „tollen Jahr“ bezeichnet. Die Handlung setzt danach (zu Anfang der fünfziger Jahre, 185.) ein und demonstriert die politischen Konsequenzen dieses Jahres.

1. Politische Relegation und Bestrafung (Amtsrichter Kern)

Für den Amtsrichter Kern markiert die Revolution den Bruch seiner Karriere:

  • Vor 1848 stand Kern als einer der begabtesten jüngeren Richter an der Spitze der „liberalen ‚deutschen Partei’“in der Residenz, und man prophezeite ihm eine glänzende Carrière.
  • Nach dem Jahre 1848 wurde er jedoch aus der Residenz in die kleine Stadt versetzt. Diese Versetzung wurde von manchen als das „Sibirien des kleinen Landes“ betrachtet.
  • Die Gründe für seine Degradierung waren seine konsequente liberale Haltung: Er soll sich entweder geweigert haben, gegen politisch „Schwergravirte“ (die die Regierung zum Beitritt zur Reichsverfassung aufforderten) einzuschreiten, oder seine Versetzung wurde direkt als „Auszeichnung“ für seine frühere Tätigkeit in der „deutschen Partei“ gewertet. Das Wort „deutsch“ wurde zu Anfang der fünfziger Jahre in dem kleinen Staat nicht gern gehört.

Die Revolution führte somit zur Bestrafung desjenigen, der an seinen liberalen und nationalen Überzeugungen festhielt.

2. Opportunismus und Belohnung (Der Bürgermeister)

Im Gegensatz dazu profitierte der Bürgermeister durch seinen Opportunismus von den Ereignissen:

  • Der Bürgermeister „war im Jahre Achtundvierzig liberal, sogar sehr liberal gewesen, gerade wie die Regierung, auch deutschgesinnt, sehr deutsch, wie die Regierung“. Er hatte sich dabei jedoch „freilich wenig dabei“ gedacht.
  • In Anerkennung seiner „richtigen Gesinnung“ erhielt er nach dem Revolutionsjahre die Bürgermeisterstelle, die „erheblich günstiger dotirt war“ als die des Amtsrichters. Ihm wurde im Gegensatz zu Kern nach dem Revolutionsjahre eine große Carrière prophezeit.

Zusammenfassend definiert die Revolution von 1848 in Blums Text die neue politische Moral der 1850er Jahre: Sie zerschlug die Hoffnungen der echten Liberalen und Nationalgesinnten (Kern) und belohnte die angepassten und opportunistischen Vertreter der restaurativen Regierung (Bürgermeister). Das Scheitern der Revolution ist somit der Grundzustand für die politische Lähmung und die Ungerechtigkeit, die Kern erlebt.


Hans Blum, Aus vergessenen Acten. Eine Criminalgeschichte. In: Die Gartenlaube, Heft 32–42 (1879).