Gall, Gegen den Strom


Christoph Hamann:
Eine große Sympathie für ihr weibliches Geschlecht.
Zu Louise von Galls »Gegen den Strom«.


Die Schriftstellerin Louise Freiin von Gall (1815-1855) veröffentlichte Novellen und Erzählungen (z. B. Frauennovellen, 1845; Frauenleben, 1856) sowie zwei Romane. Annette von Droste-Hülshoff charakterisierte sie mit den Worten „sehr schön, sehr talentiert“. In ihrem Freundeskreis, zu dem auch das Ehepaar Freiligrath oder Emanuel Geibel gehörten, wurde sie die „schöne Gallina“ genannt. Sie war ab 1843 mit dem Schriftsteller und Journalisten Levin Schücking verheiratet.

Der Ort der Handlung des Romans „Gegen den Strom“ ist im ersten Teil ein kleines fiktives Fürstentum in Süddeutschland. Zwischen 1840 und 1842 geht es hier vor allem um zwei Liebesbeziehungen und ihr Scheitern.
Der attraktive Erbprinz Albert von Waldheim (*1823) ist leidenschaftlich verliebt in die ebenso schöne Agnes von Stein (*1820). Diese zeigt sich zunächst geschmeichelt und ist von ihm angetan, lehnt aber eine Ehe mit ihm ab. Der amtierende Fürst von Waldheim wiederum versagt seinem Sohn Albert die Zustimmung zur Ehe: Nach den Prinzipien der Ständeordnung wäre die Verbindung eines Fürsten mit einer Freifrau eine Mesalliance. Albert stellt sich dem österreichischen Militär zur Verfügung und geht als Rittmeister im damals habsburgischen Mailand in Stellung. Auch die zweite Liebesgeschichte scheitert. Ludmille von Waldheim wird umworben von dem bürgerlichen Arzt Wilhelm Rose. Dieser bedrängt sie, mit ihm in die USA zu fliehen. Geschmeichelt von Roses Zuneigung stimmt sie seinem Plan zunächst zu, macht aber im entscheidenden Moment einen Rückzieher.

Der zweite Teil des Romans verknüpft die persönlichen Beziehungen der Protagonisten des ersten Teils und ihre emotionale Dynamik mit der ungarischen Revolution von 1848/49. Agnes‘ Vater, der Freiherr von Stein hat nach einer politischen Intrige in Waldheim sein Amt als Geheimer Rat im Fürstentum niederlegt, sich ein Landgut in Ungarn gekauft und ist mit seiner Tochter dorthin gezogen. Diese findet dort in der rationalen, zupackenden und lebenstüchtigen Elisabeth von Serényi eine enge Freundin und Vertraute. Kontakt pflegen sie auch mit der politisch klugen und strategisch denkenden, aber auch autoritären Matriarchin des Nachbargutes, der verwitweten Frau von Horvath.

Als der Freiherr von Stein im Sterben liegt, wird er von Wilhelm Rose medizinisch betreut. Rose praktiziert als Arzt mittlerweile im ungarischen Pesth. Agnes und Wilhelm nähern sich über dem Sterbebett einander an, heiraten und bekommen zwei Kinder. Die Ehe leidet jedoch an den unterschiedlichen Charakteren der beiden, an Wilhelms Eifersucht, seiner Vernachlässigung seiner Frau zugunsten des Berufs und seinem autoritär-misogynen Frauenbild. Diese resultieren aus seinen Erfahrungen mit Ludmille. Als Albert von Waldheim 1848 von Italien nach Ungarn befohlen wird, um sich dort an der Niederschlagung des Aufstands zu beteiligen, treffen Agnes und er sowie Ludmille und Wilhelm unter dramatischen Umständen wieder aufeinander. Albert erliegt nach einem Duell seinen Verletzungen. Durch ihren furchtlosen Einsatz bei dem Oberbefehlshaber des habsburgischen Militärs, dem als „Blutrichter von Arad“ bekannten Feldzeugmeister Julius von Haynau, gelingt es Agnes nach dem Tod Alberts, ihren Mann Wilhelm aus der Gefangenschaft zu befreien. Die beiden finden wieder zueinander und kehren in ihre Heimat nach Süddeutschland zurück. Ludmille und ihre Tante Rosalie emigrieren gemeinsam in die USA.

Vertiefung: Gall und die Revolution
Wien und Österreich nehmen für Louise von Gall in biografischer Hinsicht eine besondere Rolle ein. Sie lebte mit ihrer Mutter 1840/41 in der Stadt, pflegte mit ihr dort einen literarischen Salon und erhielt darüber erste Anregungen für eigene literarische Arbeiten. Nach dem Tod der Mutter 1841 unternahm sie eine Reise nach Ungarn und hat bleibende Eindrücke vom ungarischen Leben mitgenommen (Veröffentlichung: Drei Wochen in Ungarn 1841, in: Morgenblatt für die gebildeten Stände, 22.-27.8.1842).
Die Stellung der Autorin Louise von Gall zur ungarischen Revolution 1848/49 und dem Aufstand gegen die Herrschaft der Habsburger, zeigt sich im Roman darin, dass sich letztlich alle wesentlichen Protagonisten auf die Seite des Aufstandes stellen. Dies gilt vor allem für die Frauen, aber auch für die beiden Männer. Albert von Waldheim, immerhin Rittmeister im Dienste der österreichischen Armee, bedauert auf dem Sterbebett, einem „fremden Unterjochungssystem“ gedient zu haben (333). Wilhelm Rose geißelt die „treulose und blutgierige Unterdrückungslust der Habsburger“ (282). Agnes wiederum „schwärmte mit ganzer Seele für die ungarische Partei“ (317). Im aktiven Widerstand gegen die Habsburger waren aber vor allem Frau von Horvath und Elisabeth von Serényi. Sybille von Horvath, schon im weit fortgeschrittenen Alter, fängt in Männerkleidung feindliche Depeschen ab und nimmt die Boten gefangen. Unterstützt wird sie dabei von Elisabeth. Als dies dem österreichischen Militär offenbar wird, erschießt es Frau von Horvath. Elisabeth entgeht der Demütigung einer drakonischen Prügelstrafe, angeordnet von einem sadistischen österreichischen Militär, durch den Suizid. Schließlich: In wenigen Passagen des Romans bettet der Erzähler/die Erzählerin die fiktive Handlung des Romans auch in den realen historischen Zusammenhang von 1848/49 ein. Hier wird die oppositionelle Haltung der Autorin Louise von Gall deutlich: „Es giebt keine Völker, sondern nur Untertanen, denen Gott die Fürsten als unumschränkte Herrscher gesetzt hat“ (251); die „Italiener leben in zitterndem Gehorsam“ (ebd.), die „Böhmen in strenger, chinesischer Abhängigkeit“ (ebd.); die Ungarn würden sich unterscheiden von den „geknuteten Polen und dem in Schlummer gehaltenen, durch Cabinetsordres und Handbillets regierten Deutschland“ (252). Ob sie sich als liberale Verfechterin einer konstitutionellen Monarchie oder als demokratische Republikanerin sieht, dies bleibt offen.

Vertiefung: Frauen in der Standesgesellschaft
Die in Teilen auch trivial-romantische Handlung des Romans ist durchsetzt mit Reflektionen über das patriarchalische Verhältnis der Geschlechter, mit Gedanken über die „natürlichen“ Unterschiede der polar konzipierten Geschlechtscharaktere (Im Opfer für den Mann zeige sich die Liebe der Frau ihrem Mann gegenüber) und den Status der Ehe in einer Standesgesellschaft. Betont wird von der zentralen Protagonistin Agnes von Stein die Bedeutung der Liebesheirat. Zweckehen aus gesellschaftlichen Gründen dagegen hätten den Status einer Sünde. Mit der Figur der Frau von Horvath wird eine Matriarchin präsentiert, die ihren Töchtern eine Heirat untersagt. Immer wieder finden sich – auch ausgesprochen profilierte – Einschätzungen über das Geschlechterverhältnis. So urteilt zum Beispiel Ludmille von Waldheim scharfsichtig und apodiktisch: „Die Unterworfenen und Abhängigen hatten von je schärfere Sinne als ihre Meister und aus diesem einzigen Grunde sind auch die Frauen klüger, als die Männer“ (281). Eine Episode (1842) aus der Freundschaft von Louise von Gall mit Ida und Ferdinand Freiligrath macht deutlich, wie sehr Aussagen der Erzählerin im Roman mit der Position der Autorin von Gall übereinstimmen. Bei Dissonanzen zwischen Ida und Ferdinand würde sie, Louise, sich immer auf die Seite der Frau stellen (nach: Louise in St. Goar). Folgende grundsätzliche These lässt die Autorin ihre Erzählerin im Roman formulieren: Rosalie habe „wie das bei jeder edleren weiblichen Natur ist, eine große Sympathie für ihr weibliches Geschlecht empfunden (306).


Louise von Gall: Gegen den Strom. Roman. Bremen: Verlag von Franz Schlodtmann 1851.
↗️Anonym: Louise von Gall und die Freiligraths in St Goar (Abruf: 11.11.2025)


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