Christoph Hamann:
Die Barrikade als Ort der sozialen Gemeinschaft.
Zu Köhlers »Die Tochter der Barrikaden«.
Die Erzählung „Die Tochter der Barrikaden“ wurde in der demokratischen Zeitschrift „Leuchtkugeln. Randzeichnungen zur Geschichte der Gegenwart“ veröffentlicht und mit einer Illustration versehen, welche eine junge Frau beim Barrikadenkampf zeigt. Die Geschichte erzählt von der Liebe und dem Tod von Helene im Mai 1849 in Dresden.
Helene lebt ohne Vater mit ihrer kranken Mutter in bedrängten Verhältnissen. Die „Armut“ sei „ihre erste Säugamme“ gewesen. Herangewachsen zu einer schönen Frau wird sie von einem Grafen verführt, der – als die Erzählung einsetzt – gerade in einem Hotel gegenüber ihrer Wohnstube eine andere Frau heiratet. Helene bereut ihren Leichtsinn, hat aber in dem Handwerker Friedrich eine neue Liebe gefunden. Dieser ist im Arbeiterverein politisch aktiv.
Der in der Erzählung thematisierte politische Konflikt ist die Frage der Anerkennung der von der Frankfurter Nationalversammlung im März 1849 verabschiedeten Reichsverfassung. Der sächsische König will sie nicht anerkennen. Helene wiederum bezweifelt die Bedeutung der Reichsverfassung. „Wird’s auch anders werden, wenn der König die Reichsverfassung anerkennt?“, fragt sie, „Ich bin ein Mädchen und verstehe nichts davon. Zu wünschen wär’s freilich, wenn den Großen und Reichen einmal vergolten würde, was sie tagtäglich an den Geringen und Armen sündigen. Es möge kein Gott im Himmel sein, wenn ein Theil der Menschheit ewig das Lastthier des andern bleiben sollte.“ In Dresden kommt es schließlich zum Aufstand, Friedrich kämpft auf den Barrikaden. Helene sucht ihn und unterstützt die Kämpfenden als Samariterin, sie gießt Kugeln für die Gewehre und lädt diese. Man nennt sie deshalb die „Tochter der Barrikaden“. Friedrichs Bitte, sich in Sicherheit zu bringen, gibt sie nicht nach: aus Sorge um ihn. Als ihr Geliebter auf der Barrikade fällt, kämpft sie an seiner Stelle mit der Waffe, bis auch sie tödlich getroffen wird. Die Aufständischen fliehen, die Soldaten des Königs, berauscht vom Sieg und vom Alkohol, ergehen sich in Gräueltaten.
Vertiefung: Kampf auf der Barrikade als Fiktion einer Gemeinschaft
Vorlage für die Erzählung ist die historisch verbürgte Geschichte des Dienstmädchens Pauline Wunderlich (1825), die in Dresden in den Tagen des Maiaufstandes 1849 auf der Barrikade mit der Waffe gekämpft hatte. Nach der Niederlage floh sie zunächst, wurde dann aber inhaftiert. Nach ihrem Motiv befragt, antwortete sie, sie habe aus Rache für den Tod ihres Verlobten gehandelt, den Handwerksgesellen Thomas aus Breslau. Andere Motive für ihren Kampf hat sie vermutlich auch gehabt: Denn als Dienstmädchen hatte sie in einer prekären ökonomischen Situation gelebt und war darüber hinaus als Frau gefährdet. Wegen „Hochverrat“ wurde sie zu lebenslänglicher Haft verurteilt, 1852 jedoch begnadigt. Sie ist 1853 über Bremerhafen in die USA ausgewandert.
Der Demokrat Ludwig Köhler schildert den Kampf auf der Barrikade als einen Widerstand des Volkes gegen den König. Bergarbeiter, Bauern, Proletarier, Studenten, Vertreter des Bürgertums und Akademiker kämpfen dort Seite an Seite. „Der Standesunterschied hatte unter diesen Männern, die für eine gemeinsame Sache ihr Blut einsetzten, aufgehört.“ Diese exemplarisch geschilderte standesübergreifende Gemeinschaft der Kämpfenden war jedoch eher eine politische Vision oder eine romantische Verklärung der sozialen Zusammensetzung der Kämpfenden. Auf den Barrikaden standen mehrheitlich Männer und mit Pauline Wunderlich auch eine Frau aus den unterbürgerlichen Schichten.
Ludwig Köhler: Die Tochter der Barrikaden. Bilder aus der Revolution, in: Leuchtkugeln. Randzeichnungen zur Geschichte der Gegenwart, Bd. XII (1851), Nr. 167, S. 177–180.
Christoph Hamann: Geschlechterbilder. Frauen auf den Barrikaden 1848/49 – historische Fakten und politische Rezeption, in: Jahrbuch der Hambach-Gesellschaft, 31 (2024), S. 147-174.
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