KI, Inhalt
Basierend auf den vorliegenden Auszügen handelt es sich bei Gisekes Roman um „Pfarr-Röschen. Ein Idyll aus unserer Zeit“. Das Werk wurde von Robert Giseke verfasst und erschien 1851 in Bremen. Es ist der zweite Teil des vierteiligen Zyklus „Moderne Titanen“.
Der Roman gliedert sich in zwei „Bändchen“ mit mehreren Kapiteln. Die Handlung beginnt mit der Begegnung des Fremden Werner mit einer Gruppe junger Frauen in einem seltsamen Aufzug am Rhein, während sie Zeltbahnen spannen. Werner gerät dabei in eine peinliche Situation, aus der ihn der lachende Förster rettet. Werner wird Gast im Forsthaus, wo er auf die Töchter des Försters, Lenette und Dore, sowie auf Martha (möglicherweise die Tochter des Pfarrers, die dort zu Besuch ist) und den Gutschreiber Andreas trifft. Die Atmosphäre im Forsthaus ist heiter, wenn auch etwas derb und ungezwungen. Man spielt Wortspiele und Trinkspiele.
Werner, der aus der „großen Welt“ kommt, versucht sich einzuschmeicheln, ist aber von der harmlosen Ungezwungenheit irritiert. Bei einem Spiel, bei dem er „unter dem Leuchter“ küssen soll, wählt er Martha. Martha reagiert mit sichtbarer innerer Erschrockenheit, flieht durch die Stube und wird vom Förster festgehalten. Werner ergreift sie, doch Lenette tritt dazwischen und Martha sinkt blass und scheinbar bewusstlos in ihre Arme. Werner ist beeindruckt von Marthas Sittsamkeit, die ohne Koketterie bis zur Schüchternheit reicht. Er erkennt ihren Groll, möchte sich aber versöhnen. Er spricht über den Rhein und seine Gefühle, die er in ihrer Gesellschaft gefunden zu haben glaubt. Martha ihrerseits träumt davon, Werners Braut zu sein.
Parallel dazu wird das Pfarrhaus und sein Bewohner, Pfarrer Wendelin, geschildert. Das Haus ist karg und zweckmäßig eingerichtet. Der Pfarrer ist ein verschrobener, menschenfeindlicher Eigenbrötler, der jeden Luxus ablehnt. Er hängt einer strengen, stoischen Philosophie an, die er ausgiebig studiert hat und in der Tugend als einzigem Glück und der vollständigen Entsagung von weltlichen Freuden besteht. Er ist ein Gegner der Epikureer. Gerüchte im Dorf besagen, er habe ein böses Gewissen und sogar mit dem Teufel zu tun. Im Pfarrhaus leben seine Frau (die erschöpft wirkt und leidet) und sein Sohn Johannes.
Der Pfarrer versucht, seinen Sohn in seiner orthodoxen Theologie zu erziehen. Johannes kämpft jedoch mit den Lehren des Vaters und wendet sich heimlich der Philosophie Spinozas zu. Er erlebt einen inneren Konflikt, der ihn zerrüttet. Er versucht zu schreiben und zu publizieren, findet aber keinen Anklang. Sein geistiger Zustand verschlechtert sich; er verliert die Fähigkeit zu kommunizieren und bricht bei einer Predigt auf der Kanzel zusammen. Der Vater ist ratlos und verzweifelt über die Entwicklung seines Sohnes.
Die Beziehung zwischen Werner und Martha vertieft sich, obwohl Martha von der Strenge des Vaters geprägt ist und ihre Gefühle mit Schuld verbindet. Werner schreibt ihr einen Brief, in dem er um ihre Hand anhält und sie bittet, ihn zu treffen. Er versichert, dass er es ehrlich meint. Doch der Vater erfährt von Werners Interesse. Er reagiert mit Misstrauen und Wut. Er stellt Martha zur Rede und wirft Werner Lügen vor, unter anderem bezüglich seines Namens und Standes, da sein Taschentuch ein Adelswappen trage und ein Beamter nicht so lange frei habe. Es stellt sich heraus, dass Werner tatsächlich Freiherr Werner von Bernthal ist, wie Dorette erfährt. Ein älterer Freiherr von Bernthal (vermutlich Werners Onkel Aurelian von Bernthal) ist auf der Suche nach ihm, da Werner seine Verlobte, die Comtesse Vanda, verlassen hat.
Werner ist in der Tat mit Vanda verlobt. Seine Beziehung zu Vanda wird als von Berechnung und gesellschaftlichen Notwendigkeiten geprägt geschildert; Werner braucht ihr Vermögen, um seine zerrütteten Finanzen in Ordnung zu bringen und eine Karriere einzuschlagen. Die Comtesse Vanda selbst wird als manipulative und weltliche Figur dargestellt, die Werner durch eine spektakuläre Entführung zu ihrem Schloss zu zwingen versucht. Werner bricht daraufhin endgültig mit ihr und reist ab – unmittelbar danach trifft er Martha. Der alte Baron von Bernthal, Werner’s Onkel, findet Werner und Martha, möglicherweise bei Werners geplanter Hochzeit mit Vanda („Hochzeitshaus“). Der Baron spricht zynisch über Werners Zuneigung zu Marthas („Pfarr-Röschen“) und drängt Martha fort, was sie schließlich still und stolz tut.
Martha leidet zunehmend unter dem Konflikt zwischen ihrer Liebe zu Werner und den Erwartungen und der Strenge ihres Vaters. Der Vater erkennt ihr Leiden und ist verzweifelt, unfähig, ihr mit seinen Mitteln zu helfen. Inmitten dieses Leidens finden Martha und Johannes Trost und Verständnis beieinander. Sie stützen sich gegenseitig in ihrer Verzweiflung über ihr Leben, das durch die väterliche Tyrannei und die Beschränkungen der Welt geprägt ist.
Johannes erkennt in Marthas Schicksal sein eigenes Streben nach Freiheit. Er macht dem Vater schwere Vorwürfe, dass er sie beide durch Lieblosigkeit und Borniertheit zugrunde gerichtet hat. Johannes schlägt Martha vor, gemeinsam nach Amerika zu fliehen, um dort in Freiheit ein neues Leben zu beginnen, sobald er die Mittel dazu hat. Martha offenbart Johannes, dass Lenette ihn heimlich liebt und sehr unglücklich ist.
Die Tragödie erreicht ihren Höhepunkt: Martha stirbt. Ihr Tod ist ein schwerer Schlag für die Familie. Kurz nach ihrer Beerdigung erleidet der Pfarrer Wendelin während einer Predigt einen Schlaganfall, verliert seine Sprache und muss sein Amt aufgeben. Seine Autorität ist gebrochen.
Nach Marthas Tod finden Johannes und Lenette zueinander. In der Pflege Marthas und durch Marthas letzten Wunsch, ihre Hände zusammenzulegen, erkennen sie ihre Verbundenheit. Aus dieser schweren Zeit geht ein neuer Johannes hervor. Seine leidenschaftliche Natur richtet sich auf ein klares Ziel. Er widmet sich ernsthaften philosophischen Studien. Mit Hilfe von Baron von Bernthal, mit dem er eine „echt männliches Freundschaftsverhältniß“ eingeht, erhält er eine Anstellung als Repetent an einer Universität. Er erwirbt sich einen wissenschaftlichen Ruf durch seine inhaltsreichen, wenn auch nicht eleganten Vorträge. Er wird als einer der wenigen Gelehrten beschrieben, die auch Charakter haben und gedacht und gefühlt haben.
Der Baron von Bernthal reflektiert am Ende über die tragischen Schicksale des Pfarrers (Typs des Dogmatismus), Johannes‘ (zielloser Freiheitsdrang), sich selbst (egoistischer Leichtfertiger) und Marthas (Seele der Freiheit, die an ihm zugrunde ging) im Kontext der Zeitläufte.
Der Roman verbindet somit das persönliche Drama einer Pfarrersfamilie und ihrer Gäste mit einer tiefgreifenden Auseinandersetzung mit philosophischen, religiösen und gesellschaftlichen Fragen der Nachrevolutionszeit, insbesondere dem Konflikt zwischen Idealismus, strikter Moral und der harten Realität einer sich wandelnden, von Materialismus und Berechnung geprägten Welt. Die Titelfigur „Pfarr-Röschen“ (Martha) verkörpert dabei eine reine Sehnsucht, die in dieser Welt keinen Platz findet und daran zerbricht.
Die hier beschriebene Handlung entspricht dem Schluss der ersten Auflage. Eine spätere Auflage von 1854 enthält eine überarbeitete Schlussszene, in der Johannes und Lenette sich am Grab Marthas begegnen und zueinanderfinden, was Johannes‘ Wandlung einleitet.
Robert Giseke, Pfarr-Röschen. Eine Herzensgeschichte aus unserer Zeit. 2 Bde. Leipzig: F. A. Brockhaus, 1851.