Wolfgang Hink:
Die Revolution und die Kunst.
Zu Riehls »Das Theaterkind«.
Die Novelle spielt im Wiesbaden der Jahre 1848 und 1849 und thematisiert die Auswirkungen der Revolution auf ein kleines Hoftheater und dessen Ensemble. Im Zentrum der Handlung stehen die Theaterkommission, der junge Erzähler (ein Schriftsteller), der geheimnivolle „Lord“ und die junge Schauspielerin Sylvia Rutland.
Die neu gegründete Theaterkommission wurde infolge der Revolution eingesetzt, um das Theater zu reformieren und demokratischen Prinzipien anzupassen. Dabei steht sie vor zahlreichen Herausforderungen: Die Unterstützung des Herzogs, die das Theater finanziell abgesichert hatte, fällt weg. Stattdessen wird die Kommission dem Ministerium und Landtag verantwortlich. Das zieht Spannungen nach sich.
Die Begegnung des Erzählers mit der Schauspielerin Sylvia Rutland, die als „Theaterkind“ bezeichnet wird, bildet das Herzstück der Novelle. Sylvia ist eine talentierte Künstlerin, die im „naiven Fach“ spielt. Sie ist jedoch unzufrieden mit den oberflächlichen Rollen, die ihr zugeschrieben werden, und sehnt sich nach anspruchsvollen Aufgaben, die ihr Talent besser zur Geltung bringen.
Sie ist aber nicht nur eine Schauspielerin, sondern auch eine Frau mit einer starken politischen Überzeugung. Sie unterhält heimlich eine Liebesbeziehung zu einem politischen Flüchtling und Revolutionär namens Scholl, dessen Ideale sie teilt und finanziell unterstützt. Sie schickt ihre Gagen an ihn und an demokratische Vereine und verschuldet sich dafür. Scholl wiederum beeinflusst die positive Berichterstattung über Sylvia in den demokratischen Lokalblättern.
Ihr Engagement geht weit über die Bühne hinaus, denn als die Nachricht eintrifft, dass ihr Geliebter in den Kämpfen an der Bergstraße in Baden tödlich verwundet worden sei, verlässt sie das Theater, um sich dem revolutionären Heer anzuschließen und nach ihm zu suchen.
Der Erzähler, der sich zunächst auf die künstlerischen Belange des Theaters konzentriert hatte, erkennt erst jetzt die politische Dimension von Sylvias Handlungen und den Zusammenhang mit ihren schauspielerischen Aktivitäten.
Nach der Niederlage der Revolution gerät Sylvia in Schwierigkeiten, findet jedoch durch die Hilfe eines Wiener Arztes einen neuen Lebensweg. Sie heiratet den Arzt und gründet eine Familie, womit sie sich endgültig aus den politischen Kämpfen und dem Theaterleben zurückzieht. Der Erzähler begegnet ihr zufällig Jahre später (1863) und erkennt in ihr eine gereifte Frau, die Frieden gefunden hat.
Für ihn ist sie mittlerweile zu einem Symbol der Revolutionszeit geworden: „Ihre dichterische Gestalt verwob sich mir untrennbar mit dem Bilde der beiden politischen Sturmjahre, ja mir dünkte manchmal, sie sei die liebenswürdigste symbolische Verkörperung jener ganzen Zeit in all der kindlichen Torheit, der unreifen und doch oft so edlen Schwärmerei, in all dem Humor und der Tragik […]“. (210)
Vertiefung: Die Revolution und die Kunst
Die Revolution führt zu tiefgreifenden Veränderungen am Wiesbadener Hoftheater. Vor der Revolution war es eine Institution, die eng mit dem Hofstaat verbunden war. Seine Finanzierung und Ausrichtung hingen vom Wohlwollen des Herzogs ab, der es aus seinen Privatmitteln förderte und vor allem als Unterhaltungsstätte für die Aristokratie betrachtete.Diese alten Strukturen werden durch eine Theaterkommission ersetzt, die dem Landtag verantwortlich ist. Nun kommen die Zuschüsse von dort und von der Gemeinde. „Allein beides nur unter dem Beding, daß die alte Kavaliersintendanz aufhöre, daß die Bühne reformiert, idealisiert, daß sie konstitutionell verwaltet, das heißt unter eine Oberleitung von Vertrauensmännern gestellt werde, welche dem Ministerium und durch dieses dem Landtage verantwortlich seien.“ (165)
Diese Kommission, der der Erzähler angehört, soll das Theater einem breiteren Publikum öffnen und demokratische Werte auch hier durchsetzen. Ihre Zusammensetzung allerdings ist eine bunte Mischung von Nicht-Fachleuten: „Die Mitglieder unseres revolutionären Bühnendirektoriums waren Leute von allerlei Beruf und Zeichen: ein Chemiker, ein Jurist, ein Weinhändler, ein Schriftsteller [der Erzähler], ein Philologe und ein Mann, der von seinem Gelde lebte.“ (165)
Die neue Leitung steht vor vielfältigen Herausforderungen: Das Hofpublikum meidet das Theater aus Protest gegen die neue Leitung, die Demokraten kritisieren das Repertoire als zu zahm, „weil wir lieber die ,Iphigenie’ gaben als ,Keine Jesuiten mehr’, lieber den ,Wallenstein’ als den ,Ewigen Juden’ […] und überhaupt die Grille hegten, daß die Bühne ein Tempel der Kunst und nicht der Parteipolitik sei.“ (166) Und ehemalige Gönner sind verärgert, weil sie nun (gleiches Recht für alle) Eintritt bezahlen müssen. Die Kommission steht zwischen diesen Fronten und muss sich mit dem Spagat zwischen finanziellen Herausforderungen, künstlerischen Ansprüchen und politischen Erwartungen auseinandersetzen.
Die Revolution wird in der Erzählung aber auch als eine Zeit der Ideenkonflikte dargestellt. Der Erzähler, der von idealistischen Vorstellungen geprägt ist, gerät immer wieder mit dem „Lord“, einem pragmatisch denkenden Nationalökonomen, aneinander. Während der Erzähler das Theater als einen Ort der Erziehung und moralischen Verbesserung betrachtet, sieht der Lord Kunst vor allem unter ökonomischen Gesichtspunkten. Diese Diskussionen spiegeln die breiteren ideologischen Auseinandersetzungen der Zeit wider.
Trotz oder wegen ihrer idealistischen Ansätze endet die revolutionäre Umgestaltung des Theaters nicht mit einem klaren Erfolg. Es bleibt eine von Konflikten geprägte Institution, und die Schauspielerin Sylvia Rutland muss sich nach der Niederlage der Revolution neu orientieren. Ihre spätere Heirat mit einem Wiener Arzt symbolisiert ihren Abschied von den revolutionären Idealen und den Beginn eines ruhigeren Lebens.
Wilhelm Heinrich Riehl: Das Theaterkind. Eine Memoiren-Novelle aus der Gegenwart (1867). In: W. H. R.: Durch tausend Jahre. Fünfzig kulturgeschichtliche Novellen. Bd. 4. Berlin: Haude und Spenersche Verlagsbuchhandlung, o. J. [1969]. S. 161–216.
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