Wolfgang Hink:
Der ironische Erzähler.
Zu Riehls »Der Märzminister«.
Wilhelm Heinrich Riehl (1823–1897) war ein deutscher Journalist, Kulturhistoriker, Volkskundler und Schriftsteller. Er gilt als einer der Begründer der deutschen Volkskunde (Ethnologie). In seiner Novelle erzählt er die Geschichte von Rudolf Gärtner, einem Rechtsanwalt, der im Zuge der revolutionären Ereignisse im März 1848 unerwartet zum „dirigierenden Staatsminister“ (132) eines fiktiven kleinen Fürstentums aufsteigt. Sie beginnt am 1. März 1848 und erstreckt sich über die folgenden Monate bis etwa Mai des Jahres. Im Mittelpunkt stehen Gärtners rasanter Aufstieg und Fall, seine politischen Ideale und seine persönlichen Konflikte.
Die Handlung beginnt mit einer Versammlung der „Volksfreunde“, bei der Gärtner das Wort ergreift und die sieben Forderungen des Volkes formuliert. Er wird als begabter Redner dargestellt, der die Massen mitreißt und schnell zum Führer der Bewegung wird. Innerhalb weniger Tage avanciert er zum Sprachrohr des Volkes, organisiert Demonstrationen und verhindert durch seine Autorität Ausschreitungen. Bei einer allgemeinen Volksabstimmung wählt man ihn mit großer Mehrheit in vier Wahlbezirken in den neuen Landtag, schließlich wird er zum Minister ernannt und damit zum mächtigen Mann im Lande. Seine politische Ausrichtung wird eher unkonkret als liberal und volksnah bezeichnet.
Als Minister versucht Gärtner, die Ideen der Revolution umzusetzen. Er setzt sich für die Einberufung eines neues Landtags ein, für Transparenz und Offenheit in der Politik und sieht sich als Diener des Volkes. Er eröffnet den Landtag ohne Prunk und mit einer Botschaft des Fürsten, die deutlich seine eigene Handschrift trägt. Er hilft den unerfahrenen Abgeordneten sich zu organisieren und leitet die Debatten. Gärtner wird als volksnaher Minister dargestellt, der die Rechte der Bevölkerung vertreten will und sich gegen die Überwachung von Bürgern, gegen den Einsatz von Spitzeln ausspricht.
Dann verliebt er sich in Hedwig, die Tochter eines pensionierten Oberförsters. Seine heimlichen Nachforschungen über das Mädchen und ihren Vater führen zu unerwarteten Komplikationen. Er wird in eine Intrige verwickelt. Und damit beginnt sein Konflikt zwischen politischen Prinzipien und persönlicher Neigung. Seine Gefühle beeinflussen nun seine Entscheidungen als Minister: Er verschiebt die Beförderung eines Assessors, weil dieser der Schwiegersohn des Oberförsters ist. Er fürchtet, eine Beförderung könnte sonst öffentliche Zweifel an der Lauterkeit seiner Motive wecken. Er stimmt gegen seine Überzeugung für das Jagdrecht der Gemeinden, aus Angst, seine Entscheidung könnte von seinen Gefühlen für das Mädchen und ihren Vater, den Oberförster, beeinflusst sein. Gärtner entwickelt eine Doppelstrategie, um seiner Rolle als Minister und Liebhaber gerecht zu werden.
Seine politischen und persönlichen Probleme überschlagen sich. Ein Aufruhr bricht aus, den er nicht mehr kontrollieren kann und der zu Blutvergießen führt. Verzweifelt über sein Scheitern und die Gewalt, bittet er den Fürsten noch am selben Abend, ihn seines Ministeramtes zu entheben.Er erkennt seine Schwächen und Widersprüche, ist aber auch desillusioniert über die Undankbarkeit des Volkes. Die Stadt ist zwar äußerlich wieder ruhig, aber es gärt in den Gemütern und die Meinungen über Gärtners Fall gehen auseinander.
Vertiefung: Der ironische Erzähler
In vielen anderen Romanen und Erzählungen zur Revolution wird schnell deutlich, welche politische Position der Erzähler vertritt. In der Mehrzahl der Beispiele ist er (oder sie) ein Anhänger oder zumindest ein Sympathisant, das verrät oft schon das Vorwort. Die Gegner und Reaktionäre waren zwar historisch überlegen, aber sie haben, abgesehen von wenigen Einzelfällen, keine Romane darüber geschrieben.
Der Erzähler des „Märzministers“ ist ein Sonderfall, denn er nimmt eine dezidiert ironische Haltung ein, die sowohl die politischen Ereignisse als auch die handelnden Personen betrifft. Seine Haltung ist ambivalent und schwer zu greifen, er distanziert sich bewusst von einer heroischen oder idealisierenden Sichtweise und betrachtet das Geschehen mit kritischer Distanz.
Die ironische Haltung zeigt sich zunächst in der Beschreibung der revolutionären Euphorie und des politischen Geschehens. Die anfängliche Begeisterung des Volkes wird mit einem ironischen Unterton geschildert. Der Erzähler zeigt, wie rasch die politische Stimmung umschlagen und die anfängliche Euphorie sich in Enttäuschung verwandeln kann. Auch das Verhalten der Aristokraten schildert er mit dieser ironischen Distanz. Sie handeln opportunistisch, während sie gleichzeitig ein tiefes Misstrauen gegenüber den neuen Entwicklungen und deren Vertretern hegen.
Zudem richtet sich seine Ironie auf die Ideale und Ansprüche der Revolutionäre. Er zeigt die Widersprüche zwischen Anspruch und Wirklichkeit und verdeutlicht, dass die Revolutionäre ihren eigenen Idealen nicht immer gerecht werden. So wird etwa Gärtners politisches Handeln, das zu Beginn von einem hohen moralischen Anspruch geprägt ist, im Laufe der Erzählung von seinen persönlichen Gefühlen untergraben. Seine idealistische Rede, in der er verkündet, „Von heute gehöre ich nicht mehr mir selber, ich gehöre ganz meinem Volke!“, (134) steht im Kontrast zu seinem späteren Verhalten, das von seinen Liebeswirren beeinflusst wird. Gärtners anfänglich moralisch motiviertes Handeln wird zunehmend von persönlichen Gefühlen und inneren Konflikten überlagert. Das kulminiert in seiner Entscheidung, ein Mandat zur Frankfurter Nationalversammlung abzulehnen, weil er in der Nähe seiner Geliebten bleiben möchte.
Für den Erzähler stellt die Revolution nicht nur ein politisches, sondern auch ein menschliches Drama dar. Die konkreten politischen Richtungen interessieren ihn wenig, er nutzt sie als Hintergrund, um auf die menschlichen Schwächen und Widersprüche der Akteure hinzuweisen, die mit der politischen Entwicklung nicht umzugehen wissen. Gärtner, ein Advokat aus der Provinz, hat als Politiker keinerlei Erfahrung und erscheint regelrecht überfordert mit seinen neuen Aufgaben als Minister, mit all den widersprüchlichen Erwartungen, die jetzt an ihn herangetragen werden. Der Begriff „Märzminister“ fungiert hierbei als doppeldeutiges Label, das sowohl Gärtners kurze politische Bedeutung als auch seine Begrenzungen betont.
Wilhelm Heinrich Riehl: Der Märzminister (1873). In: W. H. R.: Durch tausend Jahre. Fünfzig kulturgeschichtliche Novellen. Bd. 4. Berlin: Haude und Spenersche Verlagsbuchhandlung, o.J. [1969]. S. 129–160.
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