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Rings Roman „Berlin und Breslau. 1847-1849“ schildert das politische und gesellschaftliche Geschehen in Preußen in den Jahren der Revolution von 1848/49, wobei persönliche Schicksale eng mit den historischen Ereignissen verwoben werden. Die Darstellung konzentriert sich zunächst auf Berlin und verlagert sich im zweiten Buch nach Breslau.
Die Handlung beginnt im Jahr 1847 in Berlin und zeichnet ein Bild der politischen Salons der Minister, die trotz des Versuchs, Pariser Vorbilder zu imitieren, als stagnierend und unpolitischbeschrieben werden und die wachsende politische Bewegung des Volkes meiden. In diesen Kreisen verkehren Minister, hohe Beamte, Gelehrte und auch eine auffällige „berühmte Frau“, die durch ihre lebhafte Art und ihren Frankfurter Dialekt hervorsticht und als Kommunistin gilt.
Parallel dazu wird der Legationssekretär Karl von Kronheim vorgestellt, ein ehrgeiziger, zynischer Beamter, der unter der preußischen „Beamtenkrankheit“ des Karrierestrebens leidet und sich verschuldet hat. Er nutzt menschliche Schwächen aus und ist bereit, diplomatische Geheimnisse für seinen finanziellen Vorteil mit dem Bankier Adolphus Hirsch zu teilen. Dieser Bankier, der sich als liberal bezeichnet, aber vor allem Ruhe und Geschäftserfolg wünscht, prahlt mit seinen Affären, während er über die schlechte Wirtschaftslage klagt.
Im sozialen Untergrund agiert Madame Werner, die ein Pfandleihgeschäft betreibt und in fragwürdige Geschäfte verwickelt ist. Eine ihrer Bekannten, Marie, wird als sensible junge Frau („Romanheldin“) eingeführt, die mit ihrer kranken Mutter in Bedrängnis lebt und von einem frömmelnden Nachbarn bedrängt wird.
Mit den Märztagen 1848 brechen die politischen Spannungen offen aus. Die Revolution wird als „großes Weltereignis“ dargestellt, das vom Geist ergriffener Völker getragen wird. In Berlin führt die Aufregung zu einer Sitzung der Stadtverordneten, die grundlegende Forderungen stellen (Pressefreiheit, Volksvertretung, Militärabzug, Bürgerbewaffnung u.a.), welche vom König zunächst bewilligt werden, was zu anfänglicher Freude führt.
Dörner wird bei den Berliner Ereignissen schwer verwundet und findet Zuflucht bei der Gräfin Wanda, die Mitgefühl zeigt. Wanda steht zwischen den Welten: Einerseits sympathisiert sie mit den revolutionären Idealen Dörners, andererseits gehört sie dem Adel an, dessen Vertreter wie ihr Vater, Graf Selz, die Revolution verurteilen und die Barrikadenkämpfer als bezahlte Aufrührer abtun.
Nach dem ersten Aufruhr in Berlin entstehen politische Klubs als „Brennpunkte der Bewegung“ und „Schulen der neuen Volksbildung“. Redner wie Salis begeistern die Massen. Es wird jedoch auch Kritik an bloßer Phrase und mangelnder Sachkenntnis geäußert. Die anfängliche Einheit schwindet. Es kommt zur Spaltung zwischen Arbeitern und Kapitalisten und zur Zunahme von Misstrauen und Furcht. Die Quellen beschreiben auch den Sturm auf das Zeughaus in Berlin, bei dem das Volk Waffen fordert. Dieser wird als Akt der Plünderung und Schändung nationaler Trophäen dargestellt, bei dem auch kriminelle Elemente beteiligt sind. Agenten versuchen, die Bevölkerung zu manipulieren.
Das zweite Buch konzentriert sich auf Breslau. Hier wird die konservativere Haltung der einflussreichen Kaufmannschaft („Patricierfamilien“) gezeigt, die auf Vermögen, Reputation und bürgerlicher Solidität basiert. Herr Müller, ein Vertreter dieser Schicht, der zuvor ein liberaler Vorkämpfer war, wandelt sich zum Verteidiger von Ruhe und Ordnung angesichts der wirtschaftlichen Turbulenzen und der aus seiner Sicht überzogenen Forderungen der Demokraten.
Eine Sitzung der Stadtverordneten in Breslau, die über die Unterstützung der Nationalversammlung berät, zeigt die gespannte Atmosphäre und den Druck von demokratischen Deputationen. Die Versammlung erklärt schließlich die Nationalversammlung als „einzigen Sitz der Gesetzgebung“, was bei Müller Besorgnis auslöst. Die Steuerverweigerung wird in Breslau bekannt gemacht und führt zu weiterer Aufregung und dem Erscheinen radikaler Elemente auf der Straße. Innerhalb der Demokratie gibt es Spaltungen. Einzelne radikale Führer planen unkoordinierte „Putsches“. Die Gegenbewegung organisiert sich im „Verein für Gesetz und Ordnung“ unter Führung des Bürgergrafen und Henne, der Müller anzieht. Dieser Verein setzt auch körperliche Gewalt ein.
Die persönlichen Handlungsstränge entwickeln sich weiter: Die Gräfin Wanda gerät zunehmend in Konflikt mit ihrem Vater und ihrer aristokratischen Umgebung. Sie lehnt Standesunterschiede ab. Des Legationssekretär Karls Verwicklung mit Marie wird enthüllt. Madame Werner (Louise Werner) ist Maries Verkupplerin und gleichzeitig Rolfs Mutter, die Dokumente besitzt, die Rolfs Ansprüche als Erbe der Lischnitz-Masse belegen.
Lucie, die Frau eines Agitators, deckt Karls Doppelleben vor Wanda auf. Rolf, der nach Berlin nun auch in Breslau als aufwieglerischer Redner auftritt und nach Maries Verführer sucht, wird verfolgt und sucht Zuflucht bei Dörner.
Nachdem die Nationalversammlung aufgelöst ist, wird Dörner in Breslau polizeilich gesucht. Er schreibt einen bewegenden Abschiedsbrief an Wanda. Wanda besucht ihn und drängt ihn, nicht aufzugeben und nicht als Märtyrer zu enden. Dörner ist innerlich zerrissen, fühlt sich ohne sie kraftlos. Nach einer Begegnung mit geflüchteten Revolutionären und einem weisen „Schwarzwälder“ reflektiert Dörner die Fehler der Revolution. Er erkennt, dass der Kampf mit Blut und leeren Theorien nicht zum Ziel führt. Stattdessen fasst er den Entschluss, sich der Erziehung der Jugend für die Freiheit zu widmen, um eine zukünftige Generation zu befähigen, die demokratischen Ziele friedlich zu erreichen. Er findet in dieser Aufgabe einen neuen Sinn. In Breslau nehmen unterdessen die Verfolgungen zu.
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Welche Phasen schildert Ring?
Max Ring schildert in seinem Roman „Berlin und Breslau 1847-1849“ verschiedene Phasen und Aspekte der Revolution, insbesondere im zweiten Buch, das sich auf Breslau konzentriert. Die Darstellung der Ereignisse in Breslau umfasst dabei die folgenden Phasen und Entwicklungen:
- Die liberale Bewegung vor der Märzrevolution (1847-Anfang 1848):
- Ring beschreibt die Opposition gegen die bestehenden Verhältnisse in Breslau, insbesondere unter der Kaufmannschaft. Herr Müller, eine zentrale Figur in Breslau, wird als Angehöriger der liberalen Opposition vor dem März vorgestellt.
- Diese Bewegung setzte sich für Preßfreiheit und Volksvertretung ein.
- Liberale trafen sich in Gesellschaften wie „Lätitia“ oder der „freisinnigen Bürgerressource“.
- Es gab Konflikte mit den Behörden aufgrund von politischen Aktivitäten, wie einem Diner zu Ehren eines liberalen Justizrates, bei dem „äußerst freisinnige Toaste“ ausgebracht wurden.
- Diese Zeit war geprägt vom Bewundern liberaler Politiker wie Vinke, Beckerath, Camphausen und Hansemann.
- Die Zeit unmittelbar nach der Märzrevolution (Frühjahr/Sommer 1848):
- Die Märzrevolution führt zu einem Höhepunkt der liberalen Bestrebungen in Breslau, repräsentiert durch Herrn Müllers Antrag auf Absendung einer Deputation an den König, der angenommen wurde.
- Politische Klubs entstehen (z.B. der demokratisch-constitutionelle Clubb).
- Die schlesische Demokratie erlangt einen bedeutenden Ruf und tritt mit „entschieden demokratischen Forderungen“ auf. Gestützt auf die Kleinbürgerschaft und den Arbeiterstand, gewinnen Stimmführer Einfluss.
- Die constitutionelle Partei erleidet Wahlniederlagen zugunsten radikaler Mitglieder in der Nationalversammlung.
- Die Demokratie versucht, Einfluss auf dem Land zu gewinnen, indem sie bestehende Missstände (drückende Abgaben, mangelnde Regulierung feudaler Lasten) aufgreift und die unentgeltliche Ablösung verspricht.
- Zunehmende Politisierung und Spaltung (Mitte 1848):
- Die Stadt wird Schauplatz ständiger politischer Betätigung. Plakate verkünden politische Botschaften.
- Es treten unterschiedliche Gruppen auf der Straße auf, darunter auch „verdächtige, wilde Physiognomien“, Korrigenden, bestrafte Verbrecher und Bettler, gemischt mit Bürgern in Blouse oder Uniform.
- Die Steuerverweigerung (Beschluss der Nationalversammlung) wird in Breslau bekannt gemacht und unterschiedlich aufgenommen – von Besorgnis bis Zufriedenheit.
- Es kommt zu einer Spaltung innerhalb der demokratischen Partei selbst, die der Autor durch Farbnuancen (Rote, Blaue, Violette) beschreibt. Die „Rothen“ (Sozialisten, Radikale) erscheinen, teilweise vertreten durch Fremde, die mit der Breslauer Demokratie unzufrieden sind.
- Agenten sowohl der Demokratie als auch der Konterrevolution versuchen, Konflikte herbeizuführen und Bürger sowie Arbeiter zu entzweien.
- Spezifische Aktionen und deren Bewertung als „Putsches“:
- Ring beschreibt Ereignisse, die er als „Putsches“ bezeichnet, als „Wechselbalg der Revolution“.
- Er schildert eine Szene am Breslauer Rathaus, wo eine provisorische Regierung ausgerufen wird. Dieses Ereignis wird als „mißlungenes Unternehmen“ und als Beispiel dafür dargestellt, dass „das Wort früher zur Hand, als die muthvolle That“ war.
- Diese Aktionen mangelten meist an einem klaren Plan oder Genie und blieben ohne weitreichende Folgen.
- Die Folgen der gescheiterten Aktionen und der Aufstieg der Reaktion:
- Die fortdauernden Unruhen ohne klaren Zweck fallen dem besitzenden Bürger zur Last.
- Die Furcht vor dem Kommunismus und der Verbindung von Republik und Eigentumsteilung wächst.
- Die gescheiterten „Putsches“ erhöhen den Mut der Gegner (Reaction), entfremden die Schwankenden und führen zu Zwietracht unter den Befreundeten.
- Die scheinbare Einigkeit wird erschüttert, der „Rausch verflogen“, zurück bleibt der „moralische Jammer“.
- Die Reaction wird kühner und tritt offener hervor, gestützt auf das Militär.
- Figuren wie Herr Müller, die den Aufstand als bloßen „Krawall“ abtun, und der „Bürgergraf“, der die Interessen von Adel und reichem Bürgertum gegen die Demokratie vereint, repräsentieren die aufstrebende Reaktionsbewegung. Sie betonen die Notwendigkeit von Ordnung.
- Das Ende der revolutionären Periode und die Verfolgung:
- Nach dem letzten „Putsch“ in Breslau sieht Herr Müller die Demokratie als endgültig geschlagen an.
- Die Nationalversammlung wird aufgelöst.
- Demokraten wie Dörner, der aus Schlesien gewählt wurde, müssen sich in Breslau verstecken und werden polizeilich verfolgt.
- Rolf, ein Barrikadenkämpfer aus Berlin, der an anderen Orten weiter gekämpft hat, sucht zuletzt Zuflucht bei Dörner in Breslau.
Max Ring zeichnet somit in Breslau ein Bild der Revolution, das von einer anfänglichen liberalen Aufbruchsstimmung über die Entstehung und Spaltung der demokratischen Bewegung und das Auftreten gescheiterter, unkoordinierter Aktionen („Putsches“) bis hin zur Erstarkung der Konterrevolution und der Verfolgung der Revolutionäre reicht. Er zeigt, wie interne Konflikte und mangelnde Führung zum Scheitern der revolutionären Bestrebungen in Breslau beitragen.
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Ist Ring neutral?
Die Darstellung der Revolution durch den Autor Max Ring ist nicht neutral, aber auch nicht durchgängig positiv oder negativ. Der Autor scheint eher ein Sympathisant der ursprünglichen revolutionären Ideale und der dahinterstehenden Volksbewegung zu sein, zeigt jedoch gleichzeitig eine kritische und realistische Perspektive auf die Schwierigkeiten, Widersprüche und negativen Entwicklungen, die während des Revolutionsprozesses auftraten.
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Schwerpunkte von Rings Darstellung;
Basierend auf den vorliegenden Auszügen des Romans „Berlin und Breslau 1847-1849“ von Max Ring lassen sich zwei zentrale Schwerpunkte identifizieren, auf die der Autor einen besonderen Fokus legt:
- Die Darstellung des Verlaufs und der Akteure der Revolution von 1848/49: Der Roman schildert detailliert die politischen Ereignisse dieser Zeit, sowohl in Berlin als auch in Breslau. Er beginnt mit der Zeit vor der Revolution, beleuchtet die politischen Salons und die aufkommenden Spannungen, beschreibt die unmittelbaren Auswirkungen der Märzrevolution in Berlin, die Entstehung politischer Klubs und die damit verbundenen Hoffnungen und Enttäuschungen. Im zweiten Teil verlagert sich der Fokus auf Breslau und zeigt die Entwicklung der dortigen politischen Landschaft, die unterschiedlichen Parteien (Konstitutionelle, Demokraten, Radikale, Reaktionäre), die Aktivitäten wie Stadtverordnetensitzungen, die Ankündigung der Steuerverweigerung und die Ereignisse, die der Autor als „Putsches“ bezeichnet. Ring stellt die Spaltung der revolutionären Bewegung dar, insbesondere zwischen Arbeitern und Kapitalisten, und die zunehmende Politisierung der Öffentlichkeit. Er beschreibt das Auftreten von Agitatoren und das Erstarken der Konterrevolution („Reaction“), die schließlich zur Auflösung der Nationalversammlung und zur Verfolgung der Revolutionäre führt. Der Roman verfolgt somit die Phasen der Revolution von der anfänglichen Begeisterung über Radikalisierung und interne Konflikte bis hin zum Scheitern und der Wiederherstellung der alten Ordnung.
- Die kritische Beleuchtung der gesellschaftlichen Verhältnisse und individuellen Schicksale im Kontext der Revolution: Ring verknüpft die politischen Ereignisse eng mit den sozialen Strukturen und den persönlichen Lebenswegen seiner Charaktere. Er porträtiert verschiedene Gesellschaftsschichten – vom Adel (Graf Selz, Gräfin Wanda) und reichen Bürgertum/Kaufmannschaft (Bankier Hirsch, Herr Müller) über Beamte (Karl von Kronheim) und Intellektuelle (Dörner, „berühmte Frau“) bis hin zu Arbeitern (Rolf), Kleinhändlern/Pfandleihern (Madame Werner) und Randfiguren (Raschmacher, „Schwarzer Friedel,“ „Korrigenden,“ Bettler, Flüchtlinge).
- Der Autor thematisiert die Rolle des Geldes und wirtschaftlicher Interessen als Triebfedern oder Bremsklötze der politischen Bewegung. Er kritisiert die preußische Bürokratie und Karrieresucht („Beamtenkrankheit“) und zeigt die Hybris und Blindheit bestimmter Eliten. Persönliche Dramen, wie Rolfs Liebe, Wut, Wahnsinn und Rache, Maries Verzweiflung, Dörners innerer Konflikt zwischen Idealismus und politischer Realität und Wandas Suche nach Sinn und ihre Distanz zu ihrer Herkunft, werden mit den politischen Ereignissen verwoben und dienen dazu, die Auswirkungen der Revolution auf das Individuum sowie die tief verwurzelten sozialen Spannungen und Ungerechtigkeiten aufzuzeigen.
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Welche Rolle spielen die Liebesverwicklungen von Marie und Wanda?
Basierend auf den vorliegenden Auszügen spielen die Liebesverwicklungen von Marie und Wanda eine zentrale und vielschichtige Rolle im Roman, die weit über einfache romantische Subplots hinausgeht. Sie dienen als Spiegel gesellschaftlicher Zustände, als Vehikel für die Charakterisierung der beteiligten Figuren und als Katalysatoren für entscheidende Handlungsentwicklungen.
Die Rolle von Maries Liebesverwicklungen:
Maries Geschichte, ihre Beziehung zu Karl von Kronheim und die unglückliche Zuneigung Rolfs zu ihr, beleuchtet in erster Linie die soziale Anfälligkeit und die moralischen Abgründe der dargestellten Gesellschaft:
- Darstellung der weiblichen Vulnerabilität: Marie wird als sensible junge Frau („Romanheldin“) mit einer kranken Mutter in Bedrängnis geschildert. Ihre Verwicklung mit dem Legationssekretär Karl von Kronheim zeigt, wie leicht Frauen aus ärmeren Verhältnissen von opportunistischen und skrupellosen Männern ausgenutzt werden können. Sie wird von ihm „verführt“ und schwanger, während er ihre Sorgen als „ungegründete Besorgniß“ abtut und sie später als „verlorenes Geschöpf“ bezeichnet.
- Entlarvung der moralischen Fäulnis Karls: Maries Beziehung zu Karl zeigt dessen kalte, berechnende Natur. Er ist ein „Diplomat“ in der Liebe, der menschliche Schwächen ausnutzt und Frauen als Mittel zum Zweck (Karriere, Vergnügen) sieht. Seine Interaktion mit Madame Werner, um Maries „Zustand“ zu regeln und sie schnell zu verheiraten, enthüllt seine Herzlosigkeit und seinen Wunsch, einen Skandal zu vermeiden.
- Kontrast zu aufrichtiger Liebe: Die Figur Rolf, des Maschinenbauers, steht in scharfem Kontrast zu Karl. Rolf liebt Marie tief und aufrichtig. Seine Liebe ist schüchtern und zögerlich. Maries tragisches Schicksal (erzwungene Verlobung mit Rolf, Selbstmord nach der Konfrontation mit Madame Werner) und Rolfs verzweifelte Reaktion (Wahnsinn, Verfolgung Karls) illustrieren die zerstörerische Kraft von Schuld, sozialem Druck und unerfüllter Liebe im Angesicht von Ausbeutung.
- Katalysator für Wandas Entscheidung: Maries Geschichte ist von entscheidender Bedeutung für die Hauptromanhandlung. Lucie enthüllt Wanda Maries Schicksal und Karls Rolle darin. Maries Erscheinung und ihre ehrliche Beichte überzeugen Wanda schließlich von Karls Schuld. Dies führt zum Bruch zwischen Wanda und Karl. Maries Leid dient somit als moralische Offenbarung, die Wanda aus ihrer Verblendung reisst.
- Integration sozialer Schichten: Maries Geschichte verbindet die Welt der einfachen Leute (Marie, Rolf, Frau Werth) und der halbseidenen Milieus (Madame Werner) mit der Welt des Adels und der Beamten (Karl, Wanda) und zeigt, wie die Taten der einen die Leben der anderen beeinflussen.
Die Rolle von Wandas Liebesverwicklungen:
Wandas Beziehungen zu Karl von Kronheim und Dörner sind zentral für die Darstellung des Konflikts zwischen gesellschaftlicher Konvention und persönlicher Authentizität sowie für die Suche nach einem sinnvollen Leben:
- Kritik an aristokratischen Beziehungen: Wandas anfängliche Beziehung und Verlobung mit Karl exemplifiziert die Oberflächlichkeit und Zweckorientierung von Ehen in den höheren Ständen. Karls Motivation ist primär Karriere und Vermögen. Er ist ein Meister der Verführung, aber seine Gefühle basieren auf Eitelkeit und Genusssucht, nicht auf Herz. Wanda wird von Mitleid und einer „unglückselige Täuschung“ besiegt, nicht von wahrer Liebe. Diese Beziehung wird als „furchtbaren Befangenheit“ unter „dämonischer Gewalten“ geschildert.
- Suche nach wahrer Verbindung: Wandas innerer Zweifel an ihrer Liebe zu Karl und ihre unwillkürlichen Gedanken an Dörner deuten auf eine tiefere Sehnsucht hin. Die Begegnungen mit Dörner, einem Mann des Geistes und der Überzeugung, der ihre Ideale teilt, schaffen ein „eigenes Verständniß“ und ein „geheimes Band“. Ihre Liebe wird als zart und aufrichtig dargestellt.
- Bruch mit der Konvention: Der Bruch mit Karl, ausgelöst durch die Enthüllung seiner moralischen Verfehlungen gegenüber Marie, ist ein Akt der Befreiung für Wanda. Er führt zur Missbilligung ihrer aristokratischen Umgebung, aber zu innerem Frieden und Stärke für Wanda. Dies zeigt ihren wachsenden Widerstand gegen die leeren gesellschaftlichen Regeln und ihre Suche nach einem Leben, das auf wahren Werten basiert.
- Verkörperung eines Ideals: Wandas Entscheidung, ihre aristokratische Welt zu verlassen und mit Dörner, einem bürgerlichen Idealisten, zu fliehen, repräsentiert die Abkehr von überholten Standesgrenzen und die Hinwendung zu einer Lebensweise, die auf gemeinsamen Idealen und persönlicher Erfüllung fusst. Ihre Ehe und die gemeinsame Arbeit an der Erziehungsanstalt verkörpern ein positives Gegenmodell zu den gescheiterten politischen Revolutionen und der korrupten Gesellschaft – eine Art persönliche, auf Bildung und Menschlichkeit basierende „Versöhnung“.
- Symbol der Erneuerung: Wandas Weg vom gefangenen Mitglied der Aristokratie zur Partnerin eines Reformers und Miterzieherin der Jugend symbolisiert die Hoffnung auf eine Erneuerung der Gesellschaft von unten her durch Bildung und gelebte Werte, die im politischen Chaos der Revolution verloren gingen.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Liebesgeschichten von Marie und Wanda untrennbar miteinander und mit den übergeordneten Themen des Romans verbunden sind. Maries Tragödie dient als moralisches Exempel und handlungsleitender Impuls für Wandas Emanzipation. Wandas Reise von der oberflächlichen Verlobung zur aufrichtigen Partnerschaft mit Dörner verkörpert die Suche nach einem authentischen Leben jenseits gesellschaftlicher Zwänge und bietet eine positive Vision im Angesicht des historischen Scheiterns. Sie sind somit nicht nur Romanzen, sondern allegorische Erzählungen über die Zustände Preußens Mitte des 19. Jahrhunderts und die Möglichkeiten individuellen Widerstands und Glücks.
Max Ring, Berlin und Breslau. 1847–1849. 2 Bde. Breslau: Kern, 1849.