Wolfgang Hink:
Die Reaktionäre und die Öffentlichkeit: Strategien der Manipulation.
Zu Temmes »Elisabeth Neumann«.
Temmes Roman erschien als dritter Teil einer Trilogie mit dem Titel „Deutsche Zeitbilder“, anonym, wie alle drei Teile. Temme – demokratischer Politiker, preußischer Richter, Staatsanwalt und Kriminalautor – schrieb ihn als politischer Gefangener im Zuchthaus von Münster. Nach Bekanntwerden seiner Autorschaft wurde der Roman dann auch prompt verboten.
Er spielt im Zeitraum vom Frühling 1848 bis etwa zum Herbst des Jahres in einem fiktiven deutschen Fürstentum. Die Handlung beginnt als Krimi im ländlichen Milieu und schildert die dramatische Flucht des Demokraten Eduard Felsen vor der Polizei. Man verdächtigt ihn, ein Attentat auf den Fürsten geplant zu haben. In diesem Zusammenhang wird auch die Armut auf dem Lande thematisiert.
In dem folgenden Kapitel steht ein Polterabend im Schloss im Mittelpunkt. In den Gesprächen der Gäste enthüllt sich die Mentalität des Adels. Es geht um einen Vorfall, bei dem ein Jäger (ein adliger Grundbesitzer) einem seiner Bauern Schrot in die Beine geschossen hatte und dies für eine gerechte Strafe erklärt. Hier greift Temme ganz offensichtlich auf seine Erfahrungen als Jurist zurück, denn er schildert detailliert die juristischen Hintergründe und Konsequenzen, als der Täter auf seine eigene Gerichtsbarkeit auf eigenem Grund und Boden verweist. Dieser betont, dass er als adeliger Grundherr auf seinem eigenen Grund sein eigener Gerichtsherr sei (Patrimoninalgerichtsbarkeit) und keinem anderen Gesetz unterliege. Das Geschehen spitzt sich noch zu, als die Frau des Bauern erscheint und verkündet, dass ihr Mann an den Folgen dieses Schusses wohl sterben wird. Sie fordert Entschädigung.
Im nächsten Kapitel „Das Pestviertel“ zeigt Temme die Folgen von Hunger und Typhus in einem Elendsviertel der Residenz, einschließlich eines Alibi-Besuchs des Fürsten. Die Handlung verlagert sich nun ins Arbeitskabinett des Fürsten. Das Volk ist mit einer großen Demonstration im Anzug, Minister und Beamte sind schon geflohen. Die Demonstranten übermitteln ihre Forderungen, aber der Fürst hat sich unter dem Einfluss seiner Berater, die ihre eigenen Interessen verfolgen, schon für die Gewaltanwendung gegen die Bevölkerung entschieden. Es kommt erneut zum Kampf.
Der Roman beeindruckt durch eine Vielzahl von Figuren aus den verschiedensten sozialen Schichten, von Orten, von gesellschaftlichen Sphären und Milieus, die kommentarlos nebeneinander gestellt werden. Das erinnert an Gutzkows „Roman des Nebeneinander“, Temme legt dabei besonderen Wert auf die Schilderung der sozialen Verhältnisse. Die Figuren charakterisieren bzw. demaskieren sich häufig selbst durch ihre Dialoge und Gespräche; das Spektrum reicht vom Adel und der höfischen Gesellschaft über das Bürgertum, das einfache Volk, die Bauern, Handwerker, Militär, Intellektuelle, Revolutionäre, Künstler, bis hin zur Welt der Gauner und Spione. Temme beschreibt Reichtum, Pracht, Privilegien, Intrigen, Eitelkeit usw. des Adels bzw. der höfischen Gesellschaft, aber eben auch die düstere Welt von Armut, Hunger, Elend und Krankheit. Er selbst zeigt Sympathie für liberale und demokratische Ideen, warnt aber auch vor den Gefahren des Radikalismus und der Anarchie.
Das Ende ist düster. Felsen wird auf den Barrikaden von den Soldaten erschossen, Elisabeth stirbt mit ihm. Der Autor deutet an, dass der Kampf für Freiheit und Gerechtigkeit weitergehen wird, aber er lässt den Ausgang offen. Die Revolution von 1848/49 ist gescheitert.
Vertiefung: Wie die Reaktionäre die Öffentlichkeit manipulieren wollen
Dr. Edmund, ehemaliger Polizeiminister, ist ein enger Verbündeter des reaktionären Ministers von Brunek. Er ist intelligent, grausam, skrupellos und ein Intrigant. Öffentlich gibt er allerdings vor, ein Anhänger des Volkes zu sein. Auf diese Weise will er die revolutionäre Bewegung von innen heraus zersetzen. Edmund besucht den Minister incognito, getarnt mit einem großen Demokratenbart. Er will ihm seine detaillierten Pläne zur Rückgewinnung der Macht darlegen. Ziel: die Wiederherstellung der absoluten Monarchie und die Zerstörung aller feindseligen Elemente. „Es handelt sich um Vernichtung der demokratischen, oder eigentlicher, der antiabsolutistischen Elemente.“ (III, 118)
Er schlägt zwei hauptsächliche Mittel vor: Zunächst die Spaltung der Gegner. Das würden diese „Elemente“ allerdings schon selber übernehmen, weil jedes sein besonderes „System der Volksbeglückung“ (ebd.) habe und es durchsetzen wolle.
Zweitens: die Beeinflussung der öffentlichen Meinung durch eine sorgfältig und strategisch konstruierte Oppositionspresse. Sie soll alle Angriffe des Adels unterstützen, das hält Edmund für vorrangig: Sie solle „alles angreifen, alles zu vernichten versuchen, nichts bestehen lassen, mit alleiniger Ausnahme der absoluten Monarchie […]“. (III, 119) Kein Mittel solle sie verschmähen, auch nicht den Skandal. Die Welt liebe nun mal den Klatsch und den Skandal. Das Personal für diese Journale müsse sorgfältig ausgesucht werden: nur Menschen mit „nicht eben besonders viel Geist“ (ebd.) und mit bescheidenen finanziellen Ansprüchen kämen infrage. Besonders auch jene, die sich in der Revolution als Schreier, Opportunisten oder Demagogen hervorgetan hätten. Sie seien am besten geeignet, die Demokratie zu diskreditieren, da sie selbst ein schlechtes Bild von ihr abgäben. Ihre Vergangenheit als Revolutionäre soll dazu dienen, die Glaubwürdigkeit der Bewegung zu untergraben.
Im ersten Schritt müsse die Demokratie dann als volksfeindliche Anarchie dargestellt werden. Schwarze, dunkle und geheime Pläne der Umsturzpartei sollten veröffentlicht werden. So will man die Bevölkerung mit entsetzlichen Bildern in Angst und Schrecken versetzen vor den „roten, wüsten, räuberischen Gesellen der Nacht“, die nur darauf aus seien, „das Königthum, den Besitz und das Eigenthum zu zerstören und zu vernichten“. (III, 120)
Darüber hinaus schlägt Edmund weitere Schritte vor: Das Volk solle durch gezielte Gewaltakte eingeschüchtert und „gezüchtigt“ werden. Dafür müsse man sich der Loyalität des Militärs versichern, aber die sei über jeden Zweifel erhaben. Die Soldaten würden sich nach alten Zuständen zurücksehnen.
Letzter Punkt: die Schaffung eines „schwarzen Kabinetts“. Der Minister von Brunek plant, ein geheimes Netzwerk von Informanten und Agenten aufzubauen, um Informationen zu sammeln und die Opposition zu untergraben. Er erwähnt, dass er schon „seinen Braun“ hatte, der in seinem Sold stand und der ihm oft genug Informationen zukommen ließ.
J. D. H. Temme, Elisabeth Neumann. (= Neue deutsche Zeitbilder; dritte Abteilung.) 3 Bde. Bremen 1852.
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