Kinkel: Die Heimatlosen


Wolfgang Hink:
Starke Frauen.
Zu Kinkels »Die Heimatlosen«.


Die Geschichte spielt in der Nähe von Heidelberg auf dem Land und beginnt im März 1848 kurz vor der Revolution. Sie handelt von den Schwierigkeiten der Familie Jelinecz, die als Zuwanderer in der Pfalz mit Armut, Vorurteilen und religiösen Unterschieden konfrontiert werden.

Joseph Jelinecz, ein ehemaliger Hornist aus Böhmen, und seine Frau Wlaska versuchen gemeinsam mit ihren drei Töchtern, in einem pfälzischen Dorf Fuß zu fassen. Joseph verdient seinen Lebensunterhalt als Wandermusikant, nach seinem frühen Tod muss Wlaska, die Witwe, allein für den Lebensunterhalt aufkommen.

Wlaska, die von den Dorfbewohnern „die böhmische Mutter“ genannt wird, fällt durch ihre Herkunft und Persönlichkeit auf. Sie behauptet, aus Ägypten zu stammen und gilt mit ihrer dunkelgelben Haut und ihrem schwarzen Haar als Außenseiterin. Mit ihrem Fleiß und ihrer tiefen katholischen Frömmigkeit hält sie ihre Familie zusammen, was in der protestantischen Umgebung der Pfalz ebenfalls zu ihrer Isolation beiträgt.

Die älteste Tochter Sabine verliebt sich in Valentin, einen ehemaligen Unteroffizier und nun Knecht, der ebenfalls aus armen Verhältnissen stammt. Das Paar möchte heiraten, doch die Gesetze, Vorurteile und das Verhalten der Kirche verhindern dies. Sie heiraten schließlich ohne kirchlichen Segen. Auch das trägt zu ihrem Außenseiterdasein bei. 

Valentin muss außerhalb des Dorfes leben und schlägt sich zunächst als Tagelöhner, später als Arbeiter beim Eisenbahnbau durch. Dort kommt er mit neuen Ideen in Berührung, hört zum ersten Mal von Arbeiterrechten und wird schließlich zum Anhänger revolutionärer Ideen.

Die Revolution im März 1848 markiert einen Wendepunkt für ihn und seine Familie. Er kämpft als Anführer einer Kompanie von Freiwilligen in Baden, doch nach dem Scheitern der Bewegung ist er gezwungen, zu fliehen. Aber er rettet noch einen schwerverwundeten mecklenburgischen Offizier namens Arthur, der sich als Sohn eines adeligen Gutsbesitzers herausstellt.

Als Wlaska diesen jungen Offizier gegen alle Erwartung gesundpflegen kann, ändert sich alles. Arthurs Mutter, eine adlige Dame, ist beeindruckt von der Moral der Familie und erkennt die Ungerechtigkeit der sozialen Verhältnisse: „Ich habe gelernt, daß die Grundlagen all unseres Lebens hier in Europa nicht mehr festliegen, weil sie nicht mehr auf Recht und Vergeltung aufgebaut sind. Aber ich habe auch gelernt, daß ein neues Fundament schon gelegt ist in Herz und Gemüt derer, die bisher für die Niedern und Geringen gehalten worden sind – in Herz und Gemüt der arbeitenden Klassen.“ (328) [Mit „Vergeltung“ meint sie hier das Prinzip des gerechten Ausgleichs oder der gerechten Zuteilung von Rechten, Stellungen und Gütern, wie es in der überlieferten, ständisch geprägten Gesellschaftsordnung galt.] 

Sie bietet Unterstützung an, organisiert die Auswanderung der Familie in die USA und stellt über ihre Kontakte sicher, dass die Jelinecz in der Nähe von St. Louis eine neue Existenz aufbauen können. Mit einem Stück Land und der Aussicht auf weitere Hilfe eröffnet sich der Familie die Möglichkeit, ihr Leben neu zu gestalten.

Vertiefung: Starke Frauen

Wlaska, die Mutter, ist eine zentrale Figur der Erzählung und verkörpert eine ungewöhnliche Stärke und Entschlossenheit. Sie ist eine Zuwanderin aus Böhmen mit einer faszinierenden und geheimnisvollen Vergangenheit, die sich nicht von den Vorurteilen und der Ablehnung der Dorfgemeinschaft einschüchtern lässt. 

Ihre tiefe Religiosität vermischt sich mit Elementen des Aberglaubens, was sie in den Augen der Dorfbewohner noch suspekter macht. Sie wird als „Zauberin“ angesehen, die über besondere Kenntnisse von Heilkräutern und Heilmethoden verfügt und diese ohne Entgelt einsetzt. 

Sie baut ein erfolgreiches Handelsgeschäft auf, sie unterstützt Valentin in seiner Begeisterung für die Revolution und letztlich ist sie ihm und ihren Töchtern eine Art moralischer Kompass in ihrer schwierigen Situation. Ohne ihre Heilkünste wäre Arthur zudem seinen Verletzungen erlegen, damit leitet sie die Wende für die Familie ein.

Die Tochter Sabine ist eine junge Frau, die sich ebenfalls den gesellschaftlichen Konventionen widersetzt. Sie und Valentin wollen heiraten, aber der protestantische Pfarrer verweigert die Trauung aufgrund fehlenden Vermögens und der katholischen Religionszugehörigkeit des Paares. Der katholische Dechant lehnt ebenfalls ab, da er auf eine katholische Erziehung der Kinder besteht. Und die Gemeinde verlangt viel Geld für die Heirat.

Sie entscheidet sich für eine „wilde Ehe“ ohne den Segen der Kirche, wohl wissend, dass sie das noch mehr zur Außenseiterin machen wird. Ihre Entscheidung ist ein bewusster Akt des Widerstands gegen die starren gesellschaftlichen Normen und die ungerechten Gesetze. Sie glaubt an ein Recht auf ihr persönliches Glück, an eine gerechtere Welt, die nicht an die Willkür der Kirche und der Gemeinde gebunden ist. Auch in diesem Verhalten deutet sich der Geist einer neuen Zeit an.

Die Mutter des verwundeten Offiziers Arthur repräsentiert eine andere Facette. Sie ist zunächst durch ihre adlige Herkunft und Standesdünkel geprägt, doch sie überwindet durch ihre Begegnung mit der Familie Jelinecz ihre Vorurteile und erkennt die wahre Bedeutung von Menschlichkeit und Mitgefühl. Ganz ähnlich wie Valentin, der ihren Sohn, seinen militärischen Gegner, aus reiner Menschlichkeit gerettet hat. Sie hinterfragt ihre eigenen Überzeugungen und und verhilft der Familie schließlich zur Auswanderung. So wird sie in der Erzählung zu einer Symbolfigur für die Hoffnung auf soziale Gerechtigkeit.


Gottfried Kinkel, Die Heimatlosen. Erzählung aus einer armen Hütte. (1849) In: Hartmut Kircher (Hg.): Dorfgeschichten aus dem Vormärz, Bd. 2. Frankfurt a.M.: Büchergilde Gutenberg, 1982. S. 270–329.
Zuerst in: Gottfried und Johanna Kinkel, Erzählungen. Stuttgart und Tübingen: Cotta 1848, S. 371–464.


↗️zum Eintrag in der Bibliografie