Der »Krieg gegen die Toten« | WH

Der Friedhof der Märzgefallenen

Zum Friedhof der Märzgefallenen im Friedrichshain dokumentiert Varnhagen in seinen Tagebüchern mit bitterem Zorn eine Entwicklung, die von öffentlicher Verehrung über systematische staatliche Verdrängung bis hin zu Plänen für eine vollständige Beseitigung reicht.

Nach der Revolution wurde der Friedhof von der Bevölkerung intensiv gepflegt. Varnhagen beschreibt bei einem Besuch im Oktober 1848 die Gräber als »freundlich« und »in dichten Reihen ein Viereck bildend«. Eine Fülle von Blumen und Kränzen zeugte von der eifrigen Pflege durch die Angehörigen und Bürger. Während die namentlich bekannten Toten Grabsteine und Inschriften hatten, waren die Unbekannten lediglich durch Nummern gekennzeichnet. (1.10.1848)

Mit dem Erstarken der Reaktion nach 1848 wurde der Friedhof den Behörden und dem Hof  zunehmend ein »Dorn im Auge« und zum Ziel repressiver Maßnahmen, die von polizeilichen Absperrungen an Jahrestagen bis hin zur physischen Verdeckung des Geländes durch dichte Bepflanzung reichten, um die Gräber der öffentlichen Wahrnehmung zu entziehen und sie schließlich ganz unzugänglich und unsichtbar zu machen. »Die Leichen auszugraben und auf den Schindanger zu werfen, hat man die beste Lust, aber noch immer nicht den rechten Muth! — « (23.5.1852)

So gab es auch Schwierigkeiten mit der Finanzierung eines geplanten Denkmals. Julius Berends und Bathow legten 1853 in demokratischen Blättern Rechenschaft über gesammelte Gelder ab. Sie besagte, »daß ein Denkmal jetzt nicht errichtet werden könne, daß man aber die Pflege der Gräber mit einer kleinen Summe bestritten, und die Hauptsumme, etwa 2000 Thaler, bei der Königlichen Bank auf Zinsen gelegt habe. Das Letztere erscheint bedenklich, man fürchtet, die Regierung könne einmal die Hand darnach ausstrecken. Aus dieser Besorgniß sind schon zur Zeit des Sammelns viele Beiträge nicht gegeben worden. Man traut diesen Behörden einmal nicht.« (11.1.1853)

Im selben Jahr kam »in der Stadtverordnetenversammlung […] das neuzuerbauende Waisenhaus zur Sprache. Der Platz am Friedrichshain wurde für ungeeignet erklärt, auch um des Begräbnißplatzes der Barrikadenkämpfer willen, die Ereignisse des 18. März 1848 sollen nicht tagtäglich in den Erinnerungen der Jugend aufgeweckt werden.« (16.12.1853)

Eine Eskalation dieser Bestrebungen zeichnete sich im Jahr 1854 ab, als Pläne zur vollständigen Auflösung der Begräbnisstätte unter dem Vorwand städtebaulicher Notwendigkeiten für den Bahnhofsbau bekannt wurden. Varnhagen: »Der hiesige Magistrat, jetzt so ziemlich der Inbegriff alles Feigen und Niederträchtigen, will den Begräbnißplatz im Friedrichshain zerstören.« Angehörige wurden vorgeladen und aufgefordert, die Leichen auf eigene Kosten in ihre jeweiligen Kirchspiel-Friedhöfe zu überführen. Sollten sie dies nicht tun, drohte der Magistrat damit, die Toten auf Armenkirchhöfe umzubetten. Besonders empörte es Varnhagen, dass der Magistrat die Kosten für diese Maßnahme (ca. 18.000 Thaler) aus den Resten der Sammlungen für die Hinterbliebenen der Märzgefallenen decken wollte. (20.10.1856)

Obwohl die Behörden nach öffentlichen Unruhen im Dezember 1857 die Auflösungspläne offiziell dementierten – die »Montagspost« erklärte die Nachricht für »irrig« und behauptete, dem Magistrat sei eine solche Absicht nie eingefallen –, interpretierte Varnhagen dies lediglich als einen Versuch, die öffentliche Reaktion zu testen und bei Widerstand »schüchtern zurückzutreten«. Für ihn war es ein taktischer Rückzug zur Beruhigung der Bevölkerung. (7.12.1857)

Varnhagen betrachtete die Haltung der Behörden als einen Krieg gegen die Toten und sah in der unerbittlichen Haltung der Regierung einen Beweis für die tiefsitzende Furcht vor der bleibenden Erinnerung an den Volkssieg von 1848. [WH]