Das Alter | 6. Dezember 1855

Das Alter

»Nicht nur daß wir graue Haare bekommen, und Runzeln und dergleichen, macht uns alt, sondern auch, daß wir die Andern so werden sehen, am meisten aber, daß andre Sitten, andre Ansichten, andre Sprache und andre Worte herrschen; am eingreifendsten und niederschlagendsten ist das Veralten im geistigen Gebiet, ein Lied und eine Melodie, bei denen wir gefühlt, wird nur noch belächelt, ein Lieblingsschriftsteller, den wir verehrt, mit dem wir uns herangelebt haben, verachtet, ein uns lieb gewordenes Gemählde in die Rumpelkammer geworfen. Unsre Zeit ist hierin besonders schnell und hart, man spricht von Goethe’s besten Sachen wie von Veraltetem, ja schon von Beethoven gebraucht man solchen Ausdruck! Sie wollen alles neu haben, und wenn es auch nur Flitter wäre!« (TB, 6.12.1855)