Der reaktionäre Adel
Varnhagen von Ense widmet in seinen Tagebüchern der Schilderung und scharfen Kritik des reaktionären Adels, den er meist als »Junkerparthei« oder »Kreuzzeitungsparthei« bezeichnet, breiten Raum. Er beschreibt diese Kreise als eine eigennützige Elite, die den Staat und sogar das Königthum ihren eigenen Standesinteressen unterordnen will.
Dazu gehören u.a. die Gebrüder von Gerlach: Ludwig von Gerlach, der Präsident des Abgeordnetenhauses, wird von Varnhagen oft als »Hanswurst« oder »Possenreißer« verspottet: »Gerlach hat die schamlosesten Frechheiten herausgewürgt, ein schmutziger, giftgeschwollener Possenreißer! In’s Zuchthaus gehört er! — « (TB, 8.4.1854) Sein Bruder, der Generaladjutant Leopold von Gerlach, gilt ihm als einflussreicher Intrigant der »Kamarilla«, der den König im Sinne der Reaktion bevormundet und gegen den Prinzen von Preußen aufhetzt.
Den Freiherr von Senfft-Pilsach bezeichnet V. mit der Nationalzeitung als einen »Ultra« von »großer tatsächlicher Unkenntniß« und »erstaunlich beschränktem Gesichtskreis«, (TB, 17.3.1855) der dennoch mit größter Anmaßung auftrete, Graf von Voß-Buch wird als der »finstre Ultra« charakterisiert, der als Geldgeber der Kreuzzeitung fungierte und eine reaktionäre Kirchenpolitik betrieb. (20.6.1851)
Merkmale des reaktionären Adels:
Varnhagen kritisiert den tiefen »Adels- und Militairdünkel«, insbesondere innerhalb der Gardeoffiziere, die das bürgerliche Volk als »Racaille« oder »Gesindel« verachten. Besonders hervorgehoben wird der Graf von Pfeil, der sich im Abgeordnetenhaus rühmte, Untergebene misshandelt zu haben. (TB, 16.2.1856) V. wirft diesen Kreisen vor, »unpreußisch und undeutsch« zu sein, da sie sich aus Hass gegen die liberale Bewegung lieber dem russischen Absolutismus oder österreichischen Interessen anschlössen, als dem eigenen Volk Rechte zuzugestehen.
Viele dieser Adligen nutzen laut Varnhagen religiösen Eifer und Pietismus nur als Maske für ihre Herrschsucht. Er beschreibt sie als Menschen ohne »wahre Würde«, die in »Lüge und Wortbruch« verharren.
Trotz ihrer äußeren Ergebenheit, betont Varnhagen, würden viele Junker den König Friedrich Wilhelm IV. innerlich verachten und ihn als »schwankend« oder »phantastisch« verspotten, solange er ihren radikalen Forderungen nach vollständiger Rückkehr zum Absolutismus nicht nachkomme. [WH]