Der sittenlose Adel
Varnhagen von Ense äußert sich in seinen Tagebüchern regelmäßig und in einer Weise über die Sittenlosigkeit des Adels, die deutlich macht, dass er dies nicht als bloße Einzelfälle, sondern als ein Symptom eines moralischen Verfalls der oberen Stände betrachtet. Er hält zahlreiche Vorfälle und Skandale fest, die von Korruptionsvorwürfen in den höchsten Staatsämtern bis hin zu sittlichen Entgleisungen des Adels reichen.
Seine Kritik hat verschiedene Schwerpunkte:
Verlust der moralischen Integrität
Varnhagen beschreibt die höheren gesellschaftlichen Kreise oft als Schauplatz von »Schwäche und Geistlosigkeit«, »Treulosigkeit und Bosheit«. Er spricht von deren »Luderleben«, über die »Schwelgereien und Feste der Höfe« bei steigendem Luxus und gleichzeitig steigender Armuth des Volkes (27.5.1853) Sie würden damit selbst eine Voraussetzung für eine Revolution schaffen:
»Von jeher ist der erste Anlauf zur Freiheit, der erste Widerspruch gegen heuchlerische und pedantische Autorität auf diesem Gebiete des Sinnlichen geschehen, hier ist der Kampf am sichersten gewonnen, weil die Gegenseite selbst dafür die zahlreichsten Kräfte liefert, die Vornehmen und Reichen, die sich von den Fesseln der Sittlichkeit längst befreit haben.« (15.5.1853)
Der Begriff des »vornehmen Pöbels«
Ein wiederkehrendes Motiv ist die Bezeichnung des Adels als »vornehmer Pöbel«. (20.9.1838; 23.2.1845 u. öfter): »Der Pöbel trägt seidne Kleider, man darf ihn nicht in Lumpen suchen.«
(15.7.1849) Varnhagen beobachtet eine »Verwilderung aller Begriffe« und eine tiefe Unsittlichkeit, wobei oft nur äußere Faktoren wie Titel oder »gute Bissen« zählten, während der sittliche Wert hinter gesellschaftlichen Formen verschwinde. (7.10.1853) Er konstatiert, dass in den oberen Regionen »Niederträchtigkeit, Schamlosigkeit und Bosheit« (16.11.1848) herrschten und die dortige Erziehung oft zu »Unredlichkeit und Lügen« führe.(7.7.1853)
Politischer und privater Sittenverfall
Die Sittenlosigkeit manifestiert sich für Varnhagen auch in der politischen Unzuverlässigkeit. Er bezichtigt die herrschenden Kreise der »Lüge, Verwirrung, Dummheit und Gemeinheit«. (1.2.1853) Privat dokumentiert er zahlreiche Skandale innerhalb des Adels und des Königshauses, wie etwa die unglücklichen Lebenswege der Töchter des Prinzen August von Preußen oder »niederträchtige Heirathen« aus reinem Eigennutz. (7.10.1853) (weitere Beispiele hier im Blog)
Die Notwendigkeit des »Abschäumens«
Seine Verachtung gipfelt in der wiederholten Forderung, dass Deutschland (und Europa) »abgeschäumt« werden müssten. (10.8.1853) Er definiert diesen »Schaum« als das Oberste und zugleich Schlechteste der Gesellschaft, das durch Luxus und Prachtliebe das Bessere verdeckt. Diese Klasse hänge nur mit dem Schlechten, mit der »Habsucht und Eitelkeit«, zusammen: »Unser politischer Zustand offenbart den größten sittlichen Verderb. Lüge und Gemeinheit treten überall mit frecher Stirne hervor; die Wahrheit, die Redlichkeit gelten nichts mehr; je höher hinauf, desto niederträchtiger ist die Gesinnung […].« (7.12.1848) [WH]