Ludmilla Assing | WH

Ludmilla Assing

Varnhagen von Ense schildert die Beziehung zu seiner Nichte und späteren Herausgeberin seiner Werke Ludmilla Assing als eine tiefe intellektuelle und emotionale Lebensgemeinschaft, in der sie ihm als wichtigste tägliche Gefährtin, Gesprächspartnerin und unentbehrliche Stütze zur Seite stand. Ihr eng verzahntes Privatleben äußerte sich in gemeinsamen Abenden beim Schachspiel (12.2.1853), dem Vorlesen von Briefen oder tiefgehenden Diskussionen über die politische Lage.

Ludmilla wirkte zudem aktiv an seinen literarischen und historischen Studien mit, indem sie etwa schwierige Manuskripte kopierte oder beim Ordnen umfangreicher Korrespondenzen half. (12.2.1853) Varnhagen schätzte dabei ihre präzise Beobachtungsgabe und notierte bewundernd, dass sie »vortrefflich zu berichten« wisse, wobei ihr »keine Schattirung der Dinge« entgehe. (3.1.1855)

Ihre Anwesenheit war für Varnhagen ein ständiger Quell der Freude, was besonders bei ihrer Rückkehr von Reisen deutlich wird: »Nachmittags nach 4 Uhr kam Ludmilla von Hamburg an, ich holte sie auf dem Bahnhof ab, sie ist wohlauf und freudig, letzteres ich auch«. (28.9.1853) Wenn sie fehlte, empfand er eine schmerzliche Leere: »Ludmilla um halb 8 Uhr nach Hamburg abgereist […] doch ging mir der Abschied diesmal ganz besonders nahe, und ich hätte sie gern zurückgehalten«. (17.9.1853)

Besonders auf gemeinsamen Reisen, etwa an den Rhein oder nach Weimar, betont Varnhagen, dass sein eigenes Vergnügen wesentlich davon abhänge, wie sehr Ludmilla die neuen Eindrücke und die Schönheit der Kunst und Natur genieße. Und umgekehrt bemerkt er: »Die liebe Ludmilla sieht durch mich den Rhein« (21.7.1858). Die Reisen verdeutlichen, dass die intellektuelle Verbindung zwischen den Beiden weit über ein bloßes Verwandtschaftsverhältnis hinausging und von einer tiefen Symbiose der Wahrnehmung geprägt war.

Er bewundert ihren scharfen Verstand und ihre präzise Beobachtungsgabe, wobei er feststellt, dass sie Menschen und Vorgänge oft ebenso treffend charakterisiert wie er selbst. An anderer Stelle lobt er ihren Humor: »Dies glücklich treffende Wort, so witzig in der Sache und im Ausdruck, gefiel mir über die Maßen!« (24.7.1853)

Trotz dieser Harmonie war sein Blick auf die Beziehung von einer gewissen Melancholie und Sorge um Ludmillas Zukunft nach seinem Tod geprägt. Ihn quälte die Frage: »Auf wen soll sich die arme Ludmilla stützen, wenn ich nicht mehr da bin?« (20.10.1854)

Er sah in ihr die einzige würdige Verwalterin seines Nachlasses und war überzeugt, dass es um seine Papiere »freilich keine Noth« habe, solange sie an seiner Seite sei. (12.2.1853) Als ultimativen Vertrauensbeweis und um sie abzusichern, schenkte er ihr im Dezember 1856 seine gesamte Bibliothek sowie alle literarischen Sammlungen, da er das Bedürfnis verspürte, »ihr diesen Beweis meiner Dankbarkeit zu geben«. (7.12.1856) [WH]