Schriftsteller und Gelehrte | WH

Schriftsteller und Gelehrte für die Revolution

Varnhagen von Ense nennt in seinen Aufzeichnungen zahlreiche Schriftsteller und Gelehrte, die er als Kämpfer für die Freiheit und die Ideale der Revolution ansieht oder deren Werke er als geistige Waffen im politischen Kampf begreift. Für ihn ist die literarische Arbeit oft untrennbar mit dem politischen Fortschritt verbunden.

Hier folgt eine kleine Auswahl, die Liste ist nicht vollständig. 
Dazu gehört der Historiker und Politiker Georg Gottfried Gervinus. Varnhagen lobt seine »vortrefflichen Geschichtsanschauungen« (7.1.1853) und stellt fest, dass Gervinus mit »Sack und Pack in das Lager der Demokratie übergegangen« sei (19.1.1853). Er bewundert den Mut, mit dem Gervinus trotz gerichtlicher Verfolgung wegen Hochverrats an seinen Überzeugungen festhält.

Ludwig Uhland schätzt er, besonders weil der die Annahme des preußischen Friedensordens Pour le Mérite verweigerte: »tapferer, braver Uhland« (12.12.1853). Uhland begründete dies damit, dass er keine Auszeichnung von einem Fürsten annehmen könne, in dessen Namen seine Mitstreiter aus der Frankfurter Nationalversammlung noch immer als Hochverräter verfolgt werden. Aber Varnhagen mag auch den »Fortunat« und die Lyrik: »Uhland und Heine werden am litterarischen Himmel ewig als schöne Sterne glänzen.« Er bewundert vor allem Uhlands Fähigkeit, den Genius der Sprache auch in einer Zeit der Nivellierung zu bewahren. (21.8.1854)

Heinrich Heine und Ferdinand Freiligrath bezeichnet Varnhagen zusammen mit Herwegh und Hoffmann von Fallersleben als »kein schlechtes Viergespann« (11.10.1844), deren Gedichte dem König und der Reaktion durch ihre Schärfe und Offenheit großen Schaden zufügten. »Das Treibjagen der Dichter gegen den König macht doch ungemeines Aufsehen und den nachtheiligsten Eindruck.«Er sieht in Heines Werk einen »tiefen sittlichen Kern« (7.6.1857) und preist dessen unermüdliche geistige Kraft.

Alexander von Humboldt schätzt Varnhagen als einen freigesinnten und unabhängigen Geist, der seine liberalen Überzeugungen auch im hofeigenen Kreis bewahrt. Humboldt unterstützte verfolgte Freiheitsfreunde wie Kinkel oder Freiligrath und bezeichnete den Kultursminister von Raumer etwa als »dumme Exzellenz« (11.2.1854) oder als »Lump« (9.4.1853).

Victor Hugos Werk Les Châtiments ist für Varnhagen ein »wahres Meisterstück«, das den »gewaltigsten Ausdruck« gegen die Gewaltherrschaft Napoleons III. findet. Er feiert Hugo als jemanden, dessen Worte weltweit leben und wirken. (21.12.1853)

Die Gründung einer freien russischen Presse in London durch Alexander Herzen (Iskander) nennt Varnhagen eine »Sache von großer Wichtigkeit, von möglicherweise außerordentlichen Folgen« (10.1.1855), von unberechenbarer Wirkung (24.3.1858) Er schätzt Herzens Schriften: »Geist- und kraftvolle Erörterungen, kühne Blitze, Kaiser Nikolaus und Louis Bonaparte mit glühendem Eisen gebrandmarkt.« (15.5.1858)

Auch Glaßbrenners Schriften gehören dazu: »Glasbrenner’s ›Berlin wie es ißt und trinkt‹, Nr. 20, worin die schrecklichsten Dinge gesagt werden, im Volkstone die Könige lächerlich gemacht werden, die Reden des Königs, die Frömmelei, zum Theil mit gutem Witz, zum Theil mit gemeinem, aber immer ganz heillos. Diese kleinen, von aller Welt gelesenen Hefte, deren Inhalt sich mündlich wiederholt, sind von unberechenbarer Wirkung.« (2.3.1844) 

George Sand nimmt dabei eine besondere Stellung ein; Varnhagen bewundert ihren dichterischen Reichtum und verteidigt sie entschieden gegen Kritiker, die ihr Werk als »Herabsinken« schildern wollen. Alexander von Humboldt rühmt gegenüber Varnhagen ihren Geist sowie ihre Schönheit, und Varnhagen sieht in ihren Schriften, wie etwa in »Histoire de ma vie« wunderbare Wahrheiten über Religion, Freiheit und den Widerstand gegen die kirchliche Hierarchie ausgedrückt. (24.6.1855)

Max Ring wird ebenfalls mehrfach als bedeutender Zeitgenosse erwähnt. Er arbeitete laut Varnhagen fleißig an literarischen Stoffen, die sich mit republikanischen Vorbildern wie Milton und Cromwell beschäftigten. (2.2.1854) Zudem lieferte Ring Reisebriefe für die „Vossische Zeitung“ und verfasste Werke wie das Drama „Die Genfer“, das in Varnhagens Kreis Beachtung fand. Sein Roman »Berlin und Breslau«, den Varnhagen nicht beim Titel nennt, hat die Revolution zum Thema.

Und zuguterletzt Bettina von Arnim: Sie preist er als unermüdliche Vermittlerin, die sich durch Briefe und Schriften für Verfolgte wie Gottfried Kinkel einsetzt und den König vor der Reaktion warnt. (Juni u. November 1853)

Darüber hinaus nennt Varnhagen weitere Schriftsteller, die sich um die freiheitliche Sache verdient gemacht hätten:

Karl Vogt, den er als Kämpfer gegen den religiösen und wissenschaftlichen Konservatismus schätzt (»Köhlerglaube und Wissenschaft«);
— Adolf Stahr, späterer Gatte Fanny Lewalds, ein enger Vertrauter Varnhagens (8.4.1848), mit seinem Werk »Die preußische Revolution« und weiteren Werken;
— Karl Heinzen, ein radikaler Kritiker, der in seinen Schriften (z. B. »Preußisches und Deutsches«) den König offen angriff und das Versagen der Regierung von 1815 anmahnte; (27.4.1845)
— Friedrich Theodor Vischer, der in Württemberg wegen seines Freisinns von der »Pfaffenparthei« verfolgt wurde (3.3.1845);
— Moritz Hartmann, der als demokratischer Abgeordneter und Dichter im Exil lebte (18.4.1853) und dessen Berichte Varnhagen als wichtige Beiträge zur Volksbildung ansah;
— Ludwig Walesrode, der mit seinen »Unterthänigen Reden« die Behörden und den König mit beißendem Witz angriff. (5.12.1843)
[WH]