Frauen
In den Tagebüchern Varnhagens finden sich zahlreiche Porträts von Frauen, die er aufgrund ihres scharfen Verstandes, ihrer politischen Unabhängigkeit und ihres Mutes bewunderte. Er suchte oft die Gesellschaft von Frauen, die sich über die engen bürgerlichen und höfischen Konventionen ihrer Zeit erhoben und aktiv am geistigen und politischen Leben teilnahmen.
Ludmilla Assing
Seine Nichte und spätere Erbin wird als seine engste intellektuelle Gefährtin geschildert, die eine präzise Beobachtungsgabe besaß und maßgeblich an seinen Studien und Nachlassarbeiten mitwirkte. Sie war eine selbstbewusste Persönlichkeit, die die demokratischen Ideale Varnhagens teilte und fortführte. (s. den Blog zu ihr)
Rahel Varnhagen
Für Varnhagen blieb seine verstorbene Frau das Idealbild einer geistig unabhängigen und ursprünglichen Frau, die in jedem Augenblick »dem waltenden Moment angehörig« war. Er lobte ihren hohen Wahrheitssinn und ihre Fähigkeit, »alle Menschen zu trösten«, während sie selbst in ihrer intellektuellen Größe oft einsam blieb. (23.2.1855) »Welch ergreifende herrliche Briefe von Rahel hab’ ich gelesen, aus dem Jahr 1819, an mich, an Oelsner, an Lindner! Sie sieht das Allgemeine mit großerhabnem Sinn, mit klarster Wahrheit und drückt das Persönliche mit Innigkeit und Schönheit aus. Sie ist sich ihrer Geistesmacht, ihrer Anziehung für die Menschen vollkommen bewußt, gebraucht ihre Gabe jedoch zu keinen Zwecken, als nur den Menschen wohlzuthun, und steht und wirkt in deren Mitte, als wenn Alle ihresgleichen wären.« (13.8.1854)
Bettina von Arnim
Sie wird als eine unermüdliche Kämpferin geschildert, die mit »Feuer und Witz« gegen die Reaktion auftrat. (3.2.1853) Sie setzte sich mutig für politische Gefangene wie Schlöffel (25.6.1845) oder Kinkel ein und scheute sich nicht, dem König in Briefen die Wahrheit über die Zustände im Volk zu sagen. (30.7.1849) Später wird die Beziehung zwischen Varnhagen und ihr allerdings schwierig und in Phasen ihrer geistigen Trübung und Verwirrung fällt sein Urteil völlig anders aus: »Eine kranke Hexe, zum Mitleid und zur Furcht! Scherz ohne Grazie, Dünkel ohne Unterlage, Herrschsucht ohne Kraft. Sie bedient sich der gröbsten Ausdrücke, beleidigt und mißachtet alles, ist dabei voller List und kleiner Tücken. Ein abscheulicher Umgang!« (15.3.1856)
Frau von Marenholtz (Bertha von Marenholtz-Bülow)
Varnhagen war tief beeindruckt von ihrem Freisinn und ihrer Entschlossenheit: »Gegen Abend kam Frau von Marenholtz, und blieb bis nach 10 Uhr. Diese edle Frau wird mir täglich lieber, sie sagt die besten Sachen, auch in politischer Hinsicht, mit einer Freiheit des Geistes, einer Klarheit und Entschiedenheit, wie sie kaum noch gefunden werden. Durch und durch für das Volk und für die Freiheit, mit völligster Kenntniß der vornehmen Welt. Sie spricht mit schmerzlicher Trauer von Dortu, von den andern Hingerichteten, sie hört mit Theilnahme, was ich von Bakunin sage.« (3.4.1850)
Emma Herwegh
Die Frau des Dichters Georg Herwegh wird als »wackre, gebildete und feine Frau« charakterisiert, die trotz harter Verfolgungen als »Hochverräterin« Mut und eine »hohe Herzhaftigkeit« bewahrte: »Die Frau sah sehr gut aus, und gefiel mir besser als je; sie ist lebenserfahrener geworden, reifer, und bei unverkürztem Muthe weicher; sie sprach mit guter Laune. Sie lebt in Zürich, zieht aber den Aufenthalt zu Paris und noch mehr den zu Rom, dem in der Schweiz weit vor. Dr. Herwegh studirt Naturwissenschaften.« (29.12.1854)
George Sand
Sie war für ihn ein Inbegriff der edlen und freien Frau, deren Schriften eine »hehre und anmuthige Phantasie« offenbarten: »Die ›Lettres d’un voyageur‹ von Frau von Dudevant entzücken mich: welch reichbegabtes, liebliches Geschöpf ist diese Frau! Tiefe, ernste Gesinnung, große Weltansicht, zartes, mächtiges Gefühl, hehre und anmuthige Phantasie, musikalischer Zauber der Sprache, alles findet sich in ihr vereint. Wie ich schon über sie schrieb: ›Sappho ist in ihr und Diotima.‹ Ihre Schilderung venetianischen Lebens, ihre Saint-Simonistischen Erörterungen, ihre Strafrede gegen Talleyrand, ihre Selbstvertheidigung, ist großartig und meisterhaft.« (11.6.1837)
Mrs. Harriet Grote
Frau des Historikers George Grote und verwandt mit Charlotte Williams Wynn, schätzte er ebenfalls: »Mrs. Grote ist eine ausgezeichnete Frau, von großem Verstand und Sinn, und wie den tiefen Ernst versteht sie auch leichten Scherz.« (18.8.1845) Die Verbindung mit ihr blieb über Jahre bestehen. Noch im Februar 1854 überbringt ihm die berühmte Tänzerin Fanny Elßler im Auftrag von Harriet Grote ein Bildnis ihres Mannes als Geschenk. (20.2.1854)
Diese Frauen bildeten für Varnhagen einen Gegenpol zur geistlosen weiblichen Hofgesellschaft seiner Zeit, deren Angehörige er oft als »nichtswürdige Megären« verspottete, wenn sie sich der Reaktion oder dem blinden Pietismus hingaben. (16.5.1850, 1.6.1854 u. öfter) [WH]