Varnhagens Verhältnis zur Sexualität
Varnhagen von Ense äußert sich in seinen Tagebüchern durchaus über sexuelle Aktivitäten und den moralischen Zustand seiner Zeit, wobei er diese Themen meist im Kontext von Hofskandalen, gesellschaftlicher Heuchelei oder der Spannung zwischen Natur und Moral behandelt. Er betrachtet das »Sinnliche« oft als eine ursprüngliche Kraft, die durch die bestehenden Gesetze (auch die Ehegesetze) und die herrschende Frömmelei gewaltsam unterdrückt oder verfälscht wird.
Die Skandale am Hof und im Adel sind für ihn ein wiederkehrendes Thema. Er dokumentiert detailliert das ausschweifende Leben der Elite, das er in scharfen Kontrast zum offiziell zur Schau getragenen christlichen Eifer stellt: Er berichtet von nächtlichen Orgien und Trinkgelagen des Prinzen Friedrich von Preußen, die er mit »Saufbrüdern und Freudenmädchen gemeinster Art« abhielt, er erwähnt den Kurfürsten von Hessen, der seine »Kebse« (Mätresse) und seine unehelichen Kinder in den Fürstenstand erhob.
Weiter berichtet er von der Praxis, Verbrechen wie »unnatürliche Lust« (ein damals üblicher Begriff für Homosexualität) oder Ehebruch innerhalb des Adels systematisch zu vertuschen, um das Ansehen des Standes zu wahren. In einem historischen Rückblick schildert er die Regierungszeit Friedrich Wilhelms II. als eine Ära der »wüsten Liederlichkeit«, in der Potsdam einem »Bordell« geglichen habe und Töchter des Adels dem König bereitwillig angeboten worden seien.
Das »Muckerwesen« und religiöse Heuchelei sind ein weiterer Bereich. Es geht dabei um die Vermischung von religiösem Fanatismus und unterdrückter Sexualität. Anlässlich der Königsberger Mucker-Affäre und einer diesbezüglichen Denkschrift eines Dr. Sachs reflektiert V. über die »Mucker-Geschichten«, bei denen religiöser Eifer in Sinnlichkeit und »Sittenlosigkeit« umschlug, was er als Beweis dafür sieht, dass die Natur ihren Raum einfordert: »Die Sinnlichkeit nimmt ihren Raum unter den Menschen ein, man thue was man wolle; sie zieht aus dem Fasten Nahrung. In diesen Sachen ist die Menschheit noch völlig unreif, hat sie die wenigsten Fortschritte gemacht. Hier bedarf es neuer Wege, neuer Formen, hier muß für Freiheit und Schönheit etwas gethan werden. Das wird noch lange zu erwarten bleiben!« (TB, 17.10.1837)
Die Darstellung von Sinnlichkeit in der Literatur verteidigt V. oft als einen notwendigen Akt der Befreiung. Er sieht in »Sinnlichem und Derbem« eine »kräftigste Berufung auf die Natur« und hält das Spiel mit »Geschlechtssachen« für ein legitimes Mittel gegen pedantische Autorität. Er kritisiert Zeitgenossen wie Rosenkranz, die die »sinnlichen Rohheiten« von Heinrich Heine oder die »Schlüpfrigkeiten« Voltaires nicht verstehen und sie lediglich moralisch verurteilen, statt ihre befreiende Wirkung zu erkennen: »Alles Sinnliche und Derbe ist die kräftigste Berufung auf die Natur! Da her die große Wirkung, daher die Nothwendigkeit der Schimpf- und Schmutzwörter, des derben Spiels mit den Geschlechtssachen. Jede Nation hat ihre Aristophanes.« (TB, 23.6.1853)
Er notiert auch einen Skandal in der Charité, bei dem ein Arzt in der Berliner Charité eine Patientin geschwängert hatte, was am Hof zu großer Bestürzung und Rufen nach strengerer »religiöser Richtung« in Krankenhäusern führte. Und er kommentiert das Prostitutionswesen, die Präsenz von Prostituierten (z. B. die »schöne Melusine« im Bullenwinkel) und nutzt dies für sarkastische Bemerkungen über die Doppelmoral der Gesellschaft.
Varnhagens Äußerungen zeigen, dass er Sexualität weniger als privates Laster, sondern primär als politisches und kulturhistorisches Barometer wahrnahm, an dem sich die Verlogenheit der bestehenden Ordnung ablesen ließ. [WH]