Revolution 1848 | 11. März 1855

Das Jahr 1848 (2) Varnhagen von Ense sah in der Revolution von 1848 das bedeutendste Ereignis der deutschen Geschichte, das er oft in glühenden Worten verteidigte, selbst als die Reaktion bereits wieder die Oberhand gewonnen hatte: »Wenige Monate des Jahres 1848 haben die Decke zerrissen, die auf den allgemeinen Zuständen lag, haben uns das Unwürdige …

Offizier, Hund und Student | 27. Juni 1858

Offizier, Hund und Student »In einer Konditorei saßen zwei Offiziere, von denen der eine einen großen Hund hatte; dieser näherte sich zweien Studenten die nicht weit davon saßen, bettelte, und bekam einige Bissen, was sein Herr wo nicht wohlgefällig doch gleichgültig mit ansah. Der Hund, zutraulich geworden, stieg nun auf, und setzte seine Pfoten dem …

Varnhagens Kontakte zur Revolution | WH

Varnhagens Kontakte zur Revolution Varnhagen sah sich selbst als Teil der demokratischen Bewegung, auch wenn er aufgrund seines Alters und seiner Gesundheit nicht mehr selbst zur Waffe greifen konnte. Zudem unterstützte er Revolutionäre durch Beratung und half Bettina von Arnim bei der Abfassung von Gnadengesuchen, etwa für den verurteilten Gottfried Kinkel.  Er hatte enge persönliche …

Des Königs wunderliche Manieren | 19.3.1841

Des Königs wunderliche Manieren »Man erzählt von des Königs wunderlichen Manieren; kommt er wo an, so wirft er seinen Mantel auf die Erde hinter sich ab, nimmt eine kleine Bürste, streicht sein Haar, und läßt sie zu Boden fallen, das Schnupftuch, welches er gebraucht, ebenfalls; natürlich sind alle Hände gleich bereit, das ihm Lästige abzunehmen, …

Der sittenlose Adel | WH

Der sittenlose Adel Varnhagen von Ense äußert sich in seinen Tagebüchern regelmäßig und in einer Weise über die Sittenlosigkeit des Adels, die deutlich macht, dass er dies nicht als bloße Einzelfälle, sondern als ein Symptom eines moralischen Verfalls der oberen Stände betrachtet. Er hält zahlreiche Vorfälle und Skandale fest, die von Korruptionsvorwürfen in den höchsten Staatsämtern bis hin zu sittlichen …

Die Erinnerung an 1848 (3) | 28. November 1856

Die Erinnerung an 1848 (3) »Daß das Jahr 1848 mit seinen Freiheitsbestrebungen in dem Kern der Berliner Einwohnerschaft noch unvergessen ist, davon zeugen mancherlei Wahrnehmungen; die Zeitungen, Plakate, Flugschriften und Bilder aus jener Zeit werden von vielen Bürgern sorgsam aufbewahrt, hin und wieder in stillen Abendvereinen vorgelesen. Ein schon bejahrter Handwerksmeister wollte kürzlich die von …

Friedrichshain | 18. März 1852

Friedrichshain »Auch heute war der ganze Friedrichshain durch starke Konstablerschaaren streng abgesperrt. Das Volk machte keinen Versuch einzudringen. Daß die Regierung die Feier des denkwürdigen Tages durch die strengsten Maßregeln verhindern muß, ist Feier genug. Die Polizeiköpfe, die uns anstatt der Staatsmänner regieren, werden nie klug! In den höchsten Regionen giebt es nur solche. — « …

Aristokratie und Ständewesen | 11. Mai 1847

Aristokratie und Ständewesen »Diese bevorrechtete Aristokratie, diese Befestigung auch des untern Adelswesens, diese gewaltsame Einsperrung in Stände, wie soll das aufhören, ohne daß die gewaltsamsten Vorgänge stattfinden, Vorgänge, die, abgesehen von allem Erfolge, schon an sich die furchtbarste Heimsuchung sind? Unsre Staatsbildung ist auf lange, lange Jahre heillos verpfuscht!« (TB, 11.5.1847)

Belagerungszustand | 12. November 1848

Belagerungszustand »Was soll daraus werden? fragt jederman. Niemand weiß eine Antwort. Ich aber weiß, daß gewiß etwas dazwischen kommt, was die Gestalt der Dinge ändert. Die Regierung erscheint dem Volk als Feind. Der Haß gegen den König steigt ungeheuer. — Als ich nach Hause ging, waren die Plakate, wodurch für Berlin und zwei Meilen umher …

Unruhen, Plünderungen | 22. April 1847

Unruhen, Plünderungen »Unruhen auf den Märkten. Auflauf in der Charlottenstraße, auf dem Gensdarmenmarkt. Abends gewaltsames Stürmen der Bäckerladen, Konditoreien, dem Prinzen von Preußen die Fenster eingeworfen. Königsmarck eiligst zu dem Prinzen berufen. Die Truppen unzureichend. Horden schreiend und werfend in der Behrenstraße, unter den Linden, in der Mohrenstraße, Kanonierstraße; ich höre den Tumult, die Trommeln; …

Die schlesischen Weber | 16. Juni 1844

Die schlesischen Weber »Große Wuth herrscht am Hof und in den Oberbehörden gegen die schlesischen Weber, jeder Minister glaubt den andern und dem Könige zu schmeicheln, wenn er über die Verruchtheit der Aufrührer loszieht, wenn er die härtesten Strafen für sie begehrt. Man unterläßt nicht, auch von Aufwieglern im politischen Sinn, von bösen oder wenigstens …

Barrikadenbau | 18. März 1848

Barrikadenbau »Auch in meiner Wohngegend regte sich schnell der Eifer zum Barrikadenbau; von den Linden heimgehend, sah ich schon alles an der Arbeit, und um nicht ausgesperrt zu werden, mußt’ ich eilen nach Hause zu gelangen, wo die Thüre schon verschlossen war. Rechts nach der Jägerstraße, links nach der Behrenstraße, vorwärts in der Französischen Straße, …

Erinnerung an 1848 (2) | 23. August 1854

Erinnerung an 1848 (2) »Im untern Volke geschieht viel, um das Andenken von 1848 zu bewahren, bedeutende Zeitungsblätter, Flugschriften und geschichtliche Berichte werden in bürgerlichen Familien sorgfältig bewahrt, und an geeigneten Tagen andächtig vorgelesen. Auch bildliche Darstellungen mancher Vorfälle und Bildnisse der ächten Volksvertreter, die in keinem Bilderladen mehr zu haben sind, erhalten sich bei …

Erinnerung an 1848 (1) | 23. August 1854

Erinnerung an 1848 (1) »Von vielen Seiten wendet man alles an, das Jahr 1848 und seine Erscheinungen aus dem Gedächtniß fallen zu lassen. Daß die Höfe, die Aristokraten, die Behörden, die Kriegsleute dies thun, ist sehr begreiflich, aber daß auch demokratische Blätter so sprechen, ist gar nicht recht! Manche thun so, als läge jene Zeit …

Professor Gans | 23. März 1838

Professor Gans »Sechshundert Studenten brachten gestern Abend dem Professor Gans eine Abendmusik zu seinem Geburtstag, eigentlich aber für seinen Eifer zu Gunsten der sieben Göttinger Professoren. Nicht auf der Straße, nur auf dem Hofe des Hauses durfte die Sache vorgehen, nur mit Mühe war soviel vom Minister von Rochow nachgegeben, der Polizeipräsident hatte nichts auf …

Ein Flüchtling ermordet | November 1835

Flüchtling in Zürich ermordet »In der Nacht vom 3. zum 4. November wurde bei Zürich der Leichnam eines jungen Menschen ermordet gefunden, achtundvierzig Stichwunden zählte man an ihm, die meisten in der Gegend des Herzens, noch eine größere Zahl hatte die Bekleidungsstücke durchlöchert. Dies alles ließ auf mehrere Thäter und auf den Gebrauch von Dolchen …

Der Bauernstand in Frankreich | 26. September 1856

Der Bauernstand in Frankreich »Durch die Revolution hat der Bauernstand in Frankreich sich bedeutend gehoben, Freiheit, Besitz und Wohlfahrt erlangt; nach und nach hat sich eine neue Unterdrückung eingefunden, die des kleinen Besitzes durch die Geldmacht, und man schildert den jetzigen Bauer in Frankreich als sehr unglücklich. Er bearbeitet seinen eignen Boden fast nur noch …

Der extreme Reaktionär: »Bürger Pfeil« | WH

Der extreme Reaktionär: »Bürger Pfeil« Varnhagen von Ense liefert in seinen Tagebüchern ein sehr detailliertes und meist vernichtendes Bild des Grafen Ludwig von Pfeil, das ihn als einen der extremsten und zugleich widersprüchlichsten Vertreter der Reaktion darstellt. Politischer Frontenwechsel (»Bürger Pfeil«): Ein besonders brisantes Detail ist Pfeils Verhalten während der Revolution von 1848. Varnhagen berichtet, dass Pfeil …

Der reaktionäre Adel | WH

Der reaktionäre Adel Varnhagen von Ense widmet in seinen Tagebüchern der Schilderung und scharfen Kritik des reaktionären Adels, den er meist als »Junkerparthei« oder »Kreuzzeitungsparthei« bezeichnet, breiten Raum. Er beschreibt diese Kreise als eine eigennützige Elite, die den Staat und sogar das Königthum ihren eigenen Standesinteressen unterordnen will. Dazu gehören u.a. die Gebrüder von Gerlach: …

Graf Valerian von Pfeil | 24. Oktober 1849

Graf Pfeil fordert öffentliche Auspeitschung »Rasende Aeußerungen eines Grafen von Pfeil in Schlesien, der die Frau, welche für Kinkel’s Leben zu bitten gewagt, öffentlich ausgepeitscht sehen will [vermutlich ist Gisela von Arnim gemeint, eine Tochter Bettina von Arnims; TB, 16.7.1849], für Preßvergehen Todesstrafe zulässig erachtet &c. Er heißt Valerian; ist es der, den ich früher …

Wahre Volksfreiheit | 3. April 1850

Wahre Volksfreiheit erscheint nur selten »Wah­re Volks­frei­heit in ih­rer Macht und Herr­lich­keit er­scheint nur sel­ten, und nie auf lan­ge Dau­er, — das zeigt die Ge­schich­te lei­der, die al­te wie die neue; al­lein sie er­scheint doch im­mer wie­der von Zeit zu Zeit, und dann ge­wal­tig, un­wi­der­steh­lich. In Athens de­mo­kra­ti­scher Zeit — fast ein Jahr­hun­dert —, in Frank­reichs Re­vo­lu­ti­on von …

Der »Krieg gegen die Toten« | WH

Der Friedhof der Märzgefallenen Zum Friedhof der Märzgefallenen im Friedrichshain dokumentiert Varnhagen in seinen Tagebüchern mit bitterem Zorn eine Entwicklung, die von öffentlicher Verehrung über systematische staatliche Verdrängung bis hin zu Plänen für eine vollständige Beseitigung reicht. Nach der Revolution wurde der Friedhof von der Bevölkerung intensiv gepflegt. Varnhagen beschreibt bei einem Besuch im Oktober 1848 die …

Zwei Revolutionen | 1. Juli 1849

Erinnerung an zwei Revolutionen »Ich habe als Knabe die französische Freiheit erlebt, als Greis die deutsche, was will ich mehr? Den Trost kann mir nichts mehr nehmen, ich habe doch einmal in vollen Zügen Freiheitsluft geathmet, ihre ganze Kräftigung empfunden, das war vorigen Sommer, jeden Morgen erwacht’ ich mit diesem Gefühl der Freiheit; keine Behörde, …

Friedrichshain | 19. März 1851

20.000 Menschen in Friedrichshain »Es waren gestern über zwanzigtausend Menschen im Friedrichshain [Friedhof der Märzgefallenen], und gegen Abend fielen dennoch Unruhen vor, obschon das Volk durchaus nichts that, was dazu Anlaß geben konnte, sein Verbrechen war seine Menge! Die Konstabler, welche in ganzen Massen zusammenstanden, wollten nicht umsonst dagewesen sein, ihr Hauptmann Patzke befahl die …

Friedrichshain | 1. Oktober 1848

Märzgräber in Friedrichshain »Nachmittags fuhr ich mit Ludmilla in den Friedrichshain, ich wollte die Märzgräber gern einmal sehen. Zeichnungen hatten mir ein falsches Bild gegeben, ich fand alles ganz anders, als ich mir es vorgestellt. Der Anblick der erhöhten Gräber, in dichten Reihen ein Viereck bildend, war freundlich; eine Fülle von Blumen und Kränzen zeugte …

Vereinigte Staaten von Europa | 29. Januar 1850

Vereinigte Staaten von Europa »Was aus die­sem Cha­os wer­den kann, weiß der Him­mel! Ei­ne fried­li­che Ge­stal­tung wird mit je­dem Ta­ge we­ni­ger mög­lich, ei­ne vol­le Her­stel­lung des Al­ten ist ganz un­denk­bar. Spring’ ich über die nächs­ten Ge­bil­de in wei­te­re Fer­ne, so seh’ ich frei­lich so was däm­mern, wie Ver­ei­nig­te Staa­ten von Eu­ro­pa, ei­nen gro­ßen Bund von …

Lage der Arbeiter | 9. März 1857

Lage der Arbeiter und Armen »Ich las Untersuchungen über das Verhältniß der Fabrikarbeit zum Landbau, über die heutige Lage und die wahrscheinliche Zukunft der Arbeiter. Die Staatswirthschaftslehrer sehen hier immer nur Unmöglichkeiten. Sie sprechen von philanthropischen Träumereien, wenn es gilt die Noth der Arbeiter und der Armen zu lindern, sie lachen über die Forderung von …

Royalist oder Republikaner? | 27. Februar 1852

Varnhagen: Royalist oder Republikaner? »Man fragt mich immer auf’s neue, ob ich Royalist oder Republikaner sei? Ich antworte, jedenfalls zöge ich die Monarchie Friedrichs des Großen der Republik Louis Bonaparte’s vor. — Das Königthum hat unläugbar große Vorzüge, die Persönlichkeit kann wohlthätiger wirken, milder und menschlicher sein, als die strenge Gesetzesherrschaft, wofern nicht auch in diese …

Ehen zwischen Adel und Bauersleuten | 8. Juli 1856

Nicht standesgemäße Ehen »Die Volkszeitung hat den Schluß eines durch fünf Nummern gehenden Artikels ›Stehengebliebene Verkehrtheiten‹, worin sie mit unendlicher Schärfe in der Sache und trockener Milde im Ausdruck die Entscheidung des Obertribunals, daß die Ehe zwischen Adlichen und Bauersleuten noch immer verboten sei, unwiderleglich als den baarsten Unsinn, als die unhaltbarste Sophisterei und Dummheit …

Ein erschlagener Prinz | 8. Mai 1849

Ein erschlagener Prinz »In Dresden ist bei Erstürmung des Hotel de Saxe ein Prinz von Schwarzburg-Rudolstadt, der sich dort eines Augenübels wegen aufhielt, in seinem Zimmer von den Soldaten erschlagen worden. Ein Prinz! Das macht Aufsehn, das erregt Mitleid, da schreien die Vornehmen ganz empört über Rohheit und Wildheit der Soldateska; Hökerinnen, Kinder, Handwerker, Dienstmädchen, …

Revolution 1848 | 6. Januar 1854

Das Jahr 1848 (1) »[…] doch all diese Geschichtsmomente überstrahlt das Jahr 1848. Das Beste und Höchste der Deutschen kam da zum Vorschein, in überschwänglicher Fülle. Die ganze Nation war eine Einheit, wie noch nie, alle besten Kräfte und Talente, das reinste sittliche Streben, arbeiteten an Entwickelung und Ausbildung der neuen Zustände. Nie war in …