Zitate Varnhagen von Enses, (kommentierte) Textstellen und kurze Beiträge von mir [WH] zu besonderen Themen aus den Tagebüchern.
Hinweis zur Ordnung der Beiträge:
Die Beiträge folgen nicht der Chronologie der Tagebucheinträge, sondern der thematischen Auswahl im Verlauf der laufenden Arbeit. Chronologisch geordnet sind sie hier.
Bitte beachten Sie auch die Schlagwort-Wolke unten!
- Revolution 1848 | 11. März 1855
Das Jahr 1848 (2)
Varnhagen von Ense sah in der Revolution von 1848 das bedeutendste Ereignis der deutschen Geschichte, das er oft in glühenden Worten verteidigte, selbst als die Reaktion bereits wieder die Oberhand gewonnen hatte:
»Wenige Monate des Jahres 1848 haben die Decke zerrissen, die auf den allgemeinen Zuständen lag, haben uns das Unwürdige und Erbärmliche gezeigt, und zugleich das Gute und Frische, was an die Stelle von jenem treten soll.« (TB, 11.3.1855)
- Wie der Berliner sagt | 20. April 1858
Wie der Berliner sagt
»Auch der Polizeipräsident von Zedlitz benimmt sich quatsch — wie der Berliner sagt, ohne Sinn und Verstand. — « (TB, 20.4.1858)
- Offizier, Hund und Student | 27. Juni 1858
Offizier, Hund und Student
»In einer Konditorei saßen zwei Offiziere, von denen der eine einen großen Hund hatte; dieser näherte sich zweien Studenten die nicht weit davon saßen, bettelte, und bekam einige Bissen, was sein Herr wo nicht wohlgefällig doch gleichgültig mit ansah. Der Hund, zutraulich geworden, stieg nun auf, und setzte seine Pfoten dem einen der Studenten auf die Schenkel, das aber war diesem zu viel, und er stieß den Zudringlichen unsanft zurück. Der Offizier sagte darauf: ›Nimrod, wenn du dein Abiturientenexamen gemacht hast, kannst du für diese Behandlung Satisfaction fordern.‹ Der Student fügte augenblicklich hinzu: ›Nimrod, und wenn du auch ein paarmal durchfallen solltest, kannst du noch immer das werden was dein Herr ist.‹« (TB, 27.6.1858)
- Varnhagens Kontakte zur Revolution | WH
Varnhagens Kontakte zur Revolution
Varnhagen sah sich selbst als Teil der demokratischen Bewegung, auch wenn er aufgrund seines Alters und seiner Gesundheit nicht mehr selbst zur Waffe greifen konnte. Zudem unterstützte er Revolutionäre durch Beratung und half Bettina von Arnim bei der Abfassung von Gnadengesuchen, etwa für den verurteilten Gottfried Kinkel.
Er hatte enge persönliche Kontakte zu führenden Köpfen der Revolution sowie zu einfachen Kämpfern, die direkt an den Barrikaden standen. Er suchte diese Begegnungen bewusst, um die Ereignisse nicht nur aus der Ferne, sondern durch die Augen der Akteure zu verstehen.
Michail Bakunin
Der russische Revolutionär, der als einer der Hauptführer des Dresdener Aufstandes galt (12.5.1849), besuchte Varnhagen mehrfach in Berlin. In diesen Gesprächen berichtete Bakunin von seinen Umtrieben in Paris, Prag und Breslau sowie von seinen weitreichenden Verbindungen nach Russland und Polen. (24.7.1848) Varnhagen bewunderte nicht nur Bakunins »eisernen Muth« (30.3.1851), sondern für ihn war er »einer der edelsten, der hochherzigsten, der tapfersten Menschen!« überhaupt. (19.10.1851)Benedikt Waldeck und Georg Jung
Varnhagen stand in engem Austausch mit diesen führenden Köpfen der Linken in der Preußischen Nationalversammlung. Er besuchte Jung in dessen Wohnung am Gendarmenmarkt (12.5.1848) und empfing Waldeck zu ausführlichen politischen Beratungen über die Strategie gegen die einsetzende Reaktion: »Um 1 Uhr Besuch vom Geh. Rath Waldeck, von Weiher begleitet. Waldeck erschien mir im günstigsten Lichte, kraftvoll im Denken und Gesinnung, ein ehrenfestes, starkdurcharbeitetes, festes und bewegliches Gesicht. Er sprach mit Klarheit und Festigkeit, immer aus der Sache; nichts Persönliches mischte sich ein, nichts Schmeichelhaftes oder sonst Absichtliches. Er blieb über eine Stunde, und wir besprachen die wichtigsten Anliegen. Mich dünkt, die Linke hat einen guten Führer an ihm.« (28.10.1848)Ferdinand Lassalle
Der spätere Begründer der deutschen Sozialdemokratie besuchte Varnhagen ab Mai 1847 des öfteren. Er diskutierte mit ihm über die revolutionäre Stimmung in Wien, über seine Prozesse am Rhein, später fragte er ihn um Rat wegen seiner bevorstehenden Ausweisung (9.6.1858).Arnold Ruge
Der demokratische Politiker und Schriftsteller suchte Varnhagen im Dezember 1848 auf und unterhielt sich über eine Stunde lang vertraulich mit ihm über die politische Lage. (20.12.1848) Im Januar 1849 musste er Berlin verlassen.Der Schlossermeister
Varnhagen berichtet von einem Handwerker, der in seinem Haus arbeitete und ihm »ganz behaglich« schilderte, wie er am 18. März 1848 unter der Führung von Eichler die Barrikaden am Dönhofsplatz verteidigt hatte. (Zum 18. März 1848)Dr. Ludwig Eichler
galt als »der tapfre Barrikadenkämpfer vom Dönhofsplatz; ich hatte ihn noch vor wenig Tagen gesehen, mit seinem rothen Bart, mit seinem weißen Hut, er ging ganz furchtlos in den Straßen; nun aber soll er sich verkleidet haben retten müssen, denn man wollte ihn auch verhaften.« (23.12.1848). Varnhagen verfolgte sein Schicksal aufmerksam und dokumentierte seine spätere Verhaftung.Ein Student
der als »Hauptmann« die Barrikaden in Varnhagens Nachbarschaft befehligte und Steine von den Dächern auf die Soldaten schleuderte, stand während der Kampfnacht in Kontakt mit Varnhagen und dessen Umfeld. Er »war die Nacht einmal zu Bettina gegangen und hatte ihr bekannt, das Herz habe ihm geblutet, die unschuldigen Leute zu beschädigen, aber die Sache des Vaterlandes und der Freiheit habe es verlangt.« (19.3.1848) [WH]
- Des Königs wunderliche Manieren | 19.3.1841
Des Königs wunderliche Manieren
»Man erzählt von des Königs wunderlichen Manieren; kommt er wo an, so wirft er seinen Mantel auf die Erde hinter sich ab, nimmt eine kleine Bürste, streicht sein Haar, und läßt sie zu Boden fallen, das Schnupftuch, welches er gebraucht, ebenfalls; natürlich sind alle Hände gleich bereit, das ihm Lästige abzunehmen, aber dies Wegwerfen scheint noch bequemer. Man findet diese Art sehr mißfällig, demüthigend für die Diener, die sich dabei für nichts geachtet sehen, häßlich für die Zuschauer.« (TB 19.3.1841)
- Sie sollen sich in Acht nehmen! | 5. April 1842
Sie sollen sich in Acht nehmen!
»Sie sollen sich in Acht nehmen! Die Zukunft gehört nicht ihnen, die gehört uns, den Nichtbegünstigten, den Zurückstehenden, sie gehört uns, auch wenn wir sie nicht erleben!« (TB, 5.4.1842; auch Motto zu Bd. 2)
- Starke Werbung für die Demokratie | 1. Juni 1852
Starke Werbung
»Bei dem großen Schützenfest in Potsdam hat die Demokratie starke Werbung gemacht, bloß durch das grobe, beleidigende Betragen der Prinzen und Höflinge!« (TB, 1.6.1852)
- Der sittenlose Adel | WH
Der sittenlose Adel
Varnhagen von Ense äußert sich in seinen Tagebüchern regelmäßig und in einer Weise über die Sittenlosigkeit des Adels, die deutlich macht, dass er dies nicht als bloße Einzelfälle, sondern als ein Symptom eines moralischen Verfalls der oberen Stände betrachtet. Er hält zahlreiche Vorfälle und Skandale fest, die von Korruptionsvorwürfen in den höchsten Staatsämtern bis hin zu sittlichen Entgleisungen des Adels reichen.
Seine Kritik hat verschiedene Schwerpunkte:
Verlust der moralischen Integrität
Varnhagen beschreibt die höheren gesellschaftlichen Kreise oft als Schauplatz von »Schwäche und Geistlosigkeit«, »Treulosigkeit und Bosheit«. Er spricht von deren »Luderleben«, über die »Schwelgereien und Feste der Höfe« bei steigendem Luxus und gleichzeitig steigender Armuth des Volkes (27.5.1853) Sie würden damit selbst eine Voraussetzung für eine Revolution schaffen:
»Von jeher ist der erste Anlauf zur Freiheit, der erste Widerspruch gegen heuchlerische und pedantische Autorität auf diesem Gebiete des Sinnlichen geschehen, hier ist der Kampf am sichersten gewonnen, weil die Gegenseite selbst dafür die zahlreichsten Kräfte liefert, die Vornehmen und Reichen, die sich von den Fesseln der Sittlichkeit längst befreit haben.« (15.5.1853)Der Begriff des »vornehmen Pöbels«
Ein wiederkehrendes Motiv ist die Bezeichnung des Adels als »vornehmer Pöbel«. (20.9.1838; 23.2.1845 u. öfter): »Der Pöbel trägt seidne Kleider, man darf ihn nicht in Lumpen suchen.« (15.7.1849) Varnhagen beobachtet eine »Verwilderung aller Begriffe« und eine tiefe Unsittlichkeit, wobei oft nur äußere Faktoren wie Titel oder »gute Bissen« zählten, während der sittliche Wert hinter gesellschaftlichen Formen verschwinde. (7.10.1853) Er konstatiert, dass in den oberen Regionen »Niederträchtigkeit, Schamlosigkeit und Bosheit« (16.11.1848) herrschten und die dortige Erziehung oft zu »Unredlichkeit und Lügen« führe.(7.7.1853)Politischer und privater Sittenverfall
Die Sittenlosigkeit manifestiert sich für Varnhagen auch in der politischen Unzuverlässigkeit. Er bezichtigt die herrschenden Kreise der »Lüge, Verwirrung, Dummheit und Gemeinheit«. (1.2.1853) Privat dokumentiert er zahlreiche Skandale innerhalb des Adels und des Königshauses, wie etwa die unglücklichen Lebenswege der Töchter des Prinzen August von Preußen oder »niederträchtige Heirathen« aus reinem Eigennutz. (7.10.1853) (weitere Beispiele hier im Blog)
Die Notwendigkeit des »Abschäumens«
Seine Verachtung gipfelt in der wiederholten Forderung, dass Deutschland (und Europa) »abgeschäumt« werden müssten. (10.8.1853) Er definiert diesen »Schaum« als das Oberste und zugleich Schlechteste der Gesellschaft, das durch Luxus und Prachtliebe das Bessere verdeckt. Diese Klasse hänge nur mit dem Schlechten, mit der »Habsucht und Eitelkeit«, zusammen: »Unser politischer Zustand offenbart den größten sittlichen Verderb. Lüge und Gemeinheit treten überall mit frecher Stirne hervor; die Wahrheit, die Redlichkeit gelten nichts mehr; je höher hinauf, desto niederträchtiger ist die Gesinnung […].« (7.12.1848) [WH]
- Tier und Mensch | 24. Juli 1851
Tier und Mensch
»Hundebesuch; die prächtige Dogge Trimm; gewaltige Kraft und große Sanftmuth und sogar Schüchternheit. Ich denke mir viel bei solchem Thier, immer neues Erstaunen! Unsre nahen Mitgeschöpfe, sie wie die Pferde stehen in tiefem Bezuge zu den Menschen, wir müssen ihnen dankbar sein und sie gut halten. —« (TB, 24.7.1851)
- Sklavenhandel | 9. April 1853
Sklavenhandel
»In englischen Blättern wird mit Zuversicht behauptet, daß zwei preußische Minister, Heydt und Simons, deren Gemeinschaft in Handelssachen auch hier kein Geheimniß ist, ihren Hauptgewinn vom Sklavenhandel ziehen, bei dem sie mit ihren Kapitalien betheiligt sind! Der Justizminister!! — « (TB, 9.4.1853)
- Scheitern der Revolution | 25. September 1855
Scheitern der Revolution
»Woran scheiterte eigentlich die Bewegung vom Jahr 1848? Am Stillstand Frankreichs, am zu großen Vertrauen der Völker, am Dünkel der Deutschtrunkenen, an der Dreiheit der Nationalversammlungen, in Frankfurt, Berlin und Wien.« (TB, 25.9.1855)
- Frauen | WH
Frauen
In den Tagebüchern Varnhagens finden sich zahlreiche Porträts von Frauen, die er aufgrund ihres scharfen Verstandes, ihrer politischen Unabhängigkeit und ihres Mutes bewunderte. Er suchte oft die Gesellschaft von Frauen, die sich über die engen bürgerlichen und höfischen Konventionen ihrer Zeit erhoben und aktiv am geistigen und politischen Leben teilnahmen.
Ludmilla Assing
Seine Nichte und spätere Erbin wird als seine engste intellektuelle Gefährtin geschildert, die eine präzise Beobachtungsgabe besaß und maßgeblich an seinen Studien und Nachlassarbeiten mitwirkte. Sie war eine selbstbewusste Persönlichkeit, die die demokratischen Ideale Varnhagens teilte und fortführte. (s. den Blog zu ihr)Rahel Varnhagen
Für Varnhagen blieb seine verstorbene Frau das Idealbild einer geistig unabhängigen und ursprünglichen Frau, die in jedem Augenblick »dem waltenden Moment angehörig« war. Er lobte ihren hohen Wahrheitssinn und ihre Fähigkeit, »alle Menschen zu trösten«, während sie selbst in ihrer intellektuellen Größe oft einsam blieb. (23.2.1855) »Welch ergreifende herrliche Briefe von Rahel hab’ ich gelesen, aus dem Jahr 1819, an mich, an Oelsner, an Lindner! Sie sieht das Allgemeine mit großerhabnem Sinn, mit klarster Wahrheit und drückt das Persönliche mit Innigkeit und Schönheit aus. Sie ist sich ihrer Geistesmacht, ihrer Anziehung für die Menschen vollkommen bewußt, gebraucht ihre Gabe jedoch zu keinen Zwecken, als nur den Menschen wohlzuthun, und steht und wirkt in deren Mitte, als wenn Alle ihresgleichen wären.« (13.8.1854)
Bettina von Arnim
Sie wird als eine unermüdliche Kämpferin geschildert, die mit »Feuer und Witz« gegen die Reaktion auftrat. (3.2.1853) Sie setzte sich mutig für politische Gefangene wie Schlöffel (25.6.1845) oder Kinkel ein und scheute sich nicht, dem König in Briefen die Wahrheit über die Zustände im Volk zu sagen. (30.7.1849) Später wird die Beziehung zwischen Varnhagen und ihr allerdings schwierig und in Phasen ihrer geistigen Trübung und Verwirrung fällt sein Urteil völlig anders aus: »Eine kranke Hexe, zum Mitleid und zur Furcht! Scherz ohne Grazie, Dünkel ohne Unterlage, Herrschsucht ohne Kraft. Sie bedient sich der gröbsten Ausdrücke, beleidigt und mißachtet alles, ist dabei voller List und kleiner Tücken. Ein abscheulicher Umgang!« (15.3.1856)Frau von Marenholtz (Bertha von Marenholtz-Bülow)
Varnhagen war tief beeindruckt von ihrem Freisinn und ihrer Entschlossenheit: »Gegen Abend kam Frau von Marenholtz, und blieb bis nach 10 Uhr. Diese edle Frau wird mir täglich lieber, sie sagt die besten Sachen, auch in politischer Hinsicht, mit einer Freiheit des Geistes, einer Klarheit und Entschiedenheit, wie sie kaum noch gefunden werden. Durch und durch für das Volk und für die Freiheit, mit völligster Kenntniß der vornehmen Welt. Sie spricht mit schmerzlicher Trauer von Dortu, von den andern Hingerichteten, sie hört mit Theilnahme, was ich von Bakunin sage.« (3.4.1850)Emma Herwegh
Die Frau des Dichters Georg Herwegh wird als »wackre, gebildete und feine Frau« charakterisiert, die trotz harter Verfolgungen als »Hochverräterin« Mut und eine »hohe Herzhaftigkeit« bewahrte: »Die Frau sah sehr gut aus, und gefiel mir besser als je; sie ist lebenserfahrener geworden, reifer, und bei unverkürztem Muthe weicher; sie sprach mit guter Laune. Sie lebt in Zürich, zieht aber den Aufenthalt zu Paris und noch mehr den zu Rom, dem in der Schweiz weit vor. Dr. Herwegh studirt Naturwissenschaften.« (29.12.1854)
George Sand
Sie war für ihn ein Inbegriff der edlen und freien Frau, deren Schriften eine »hehre und anmuthige Phantasie« offenbarten: »Die ›Lettres d’un voyageur‹ von Frau von Dudevant entzücken mich: welch reichbegabtes, liebliches Geschöpf ist diese Frau! Tiefe, ernste Gesinnung, große Weltansicht, zartes, mächtiges Gefühl, hehre und anmuthige Phantasie, musikalischer Zauber der Sprache, alles findet sich in ihr vereint. Wie ich schon über sie schrieb: ›Sappho ist in ihr und Diotima.‹ Ihre Schilderung venetianischen Lebens, ihre Saint-Simonistischen Erörterungen, ihre Strafrede gegen Talleyrand, ihre Selbstvertheidigung, ist großartig und meisterhaft.« (11.6.1837)
Mrs. Harriet Grote
Frau des Historikers George Grote und verwandt mit Charlotte Williams Wynn, schätzte er ebenfalls: »Mrs. Grote ist eine ausgezeichnete Frau, von großem Verstand und Sinn, und wie den tiefen Ernst versteht sie auch leichten Scherz.« (18.8.1845) Die Verbindung mit ihr blieb über Jahre bestehen. Noch im Februar 1854 überbringt ihm die berühmte Tänzerin Fanny Elßler im Auftrag von Harriet Grote ein Bildnis ihres Mannes als Geschenk. (20.2.1854)Diese Frauen bildeten für Varnhagen einen Gegenpol zur geistlosen weiblichen Hofgesellschaft seiner Zeit, deren Angehörige er oft als »nichtswürdige Megären« verspottete, wenn sie sich der Reaktion oder dem blinden Pietismus hingaben. (16.5.1850, 1.6.1854 u. öfter) [WH]
- Charles Dickens | 14. Januar 1843
Charles Dickens
»In Nr. 5 und 6 des ›Magazins für die Litteratur des Auslandes‹ ist eine Schilderung von Blindenerziehung in Nordamerika von Dickens, und besonders eine Erzählung von einem taubstummen und blinden Mädchen Laura Bridgman, die durch Doktor Howe mit Erfolg unterrichtet worden, — Rührenderes und Erschütternderes habe ich nie gelesen! Dickens hat ein Meisterstück einfacher Berichtgabe geliefert, und seine hohe und reine Seele leuchtet hell und warm durch seine ruhigen Worte hervor. Ich mußte das Blatt weglegen und laut weinen, es war ein Durchbruch des heißesten Mitgefühls […]«. (TB 14.1.1843)
- Drei Damen des Hofes | 31. Mai 1852
Drei Damen des Hofes
»Vor etwa fünf Jahren geschah in St. Petersburg folgendes Aergerniß. Drei Damen des Hofes machten mit einem vornehmen Offizier auf einer Maskerade allerlei Thorheiten, bald aber war ihnen der Schauplatz nicht frei genug, und sie fuhren in eine Restauration, wo sie sich besondre Zimmer geben ließen, ausgesuchte Speisen, Champagner im Ueberfluß; dann entkleideten sich alle, und der Offizier sollte wie Paris die Schönste bezeichnen, er stellte mit jeder seine Proben an, und erklärte dann alle für gleich schön. Darüber Zank und Balgerei, dann wieder Fröhlichkeit und Gelächter, Singen und Toben.
Mit Goldstücken warfen sie dann die Fensterscheiben ein, vor dem Hause sammelten sich Leute. Der Wirth drang endlich in’s Zimmer, und warnte, der Kaiser werde durch die Straße fahren, den Auflauf und Lärm wahrnehmen. Hohngelächter zur Antwort; ›Was machen wir uns aus dem Kaiser?‹ Der besorgte Wirth eilte zum Polizeimeister, der augenblicklich kam, aber kaum die Nase in’s Zimmer gesteckt und die Personen erkannt hatte, als er erklärte, die seien ihm zu hoch, und sich entfernte. Trunkenheit und Ermüdung ließen endlich Stille eintreten.« (TB, 31.5.1852)
- Das Alter | 6. Dezember 1855
Das Alter
»Nicht nur daß wir graue Haare bekommen, und Runzeln und dergleichen, macht uns alt, sondern auch, daß wir die Andern so werden sehen, am meisten aber, daß andre Sitten, andre Ansichten, andre Sprache und andre Worte herrschen; am eingreifendsten und niederschlagendsten ist das Veralten im geistigen Gebiet, ein Lied und eine Melodie, bei denen wir gefühlt, wird nur noch belächelt, ein Lieblingsschriftsteller, den wir verehrt, mit dem wir uns herangelebt haben, verachtet, ein uns lieb gewordenes Gemählde in die Rumpelkammer geworfen. Unsre Zeit ist hierin besonders schnell und hart, man spricht von Goethe’s besten Sachen wie von Veraltetem, ja schon von Beethoven gebraucht man solchen Ausdruck! Sie wollen alles neu haben, und wenn es auch nur Flitter wäre!« (TB, 6.12.1855)
- Die Erinnerung an 1848 (3) | 28. November 1856
Die Erinnerung an 1848 (3)
»Daß das Jahr 1848 mit seinen Freiheitsbestrebungen in dem Kern der Berliner Einwohnerschaft noch unvergessen ist, davon zeugen mancherlei Wahrnehmungen; die Zeitungen, Plakate, Flugschriften und Bilder aus jener Zeit werden von vielen Bürgern sorgsam aufbewahrt, hin und wieder in stillen Abendvereinen vorgelesen. Ein schon bejahrter Handwerksmeister wollte kürzlich die von ihm sorgfältig abgeschriebenen Inschriften der Gräber im Friedrichshain mit biographischen Angaben drucken lassen, fand aber keinen Drucker, der das Wagniß bestehen mochte; er soll sich nun nach Hamburg gewendet haben.« (TB, 28.11.1856)
- Ludmilla Assing | WH
Ludmilla Assing
Varnhagen von Ense schildert die Beziehung zu seiner Nichte und späteren Herausgeberin seiner Werke Ludmilla Assing als eine tiefe intellektuelle und emotionale Lebensgemeinschaft, in der sie ihm als wichtigste tägliche Gefährtin, Gesprächspartnerin und unentbehrliche Stütze zur Seite stand. Ihr eng verzahntes Privatleben äußerte sich in gemeinsamen Abenden beim Schachspiel (12.2.1853), dem Vorlesen von Briefen oder tiefgehenden Diskussionen über die politische Lage.
Ludmilla wirkte zudem aktiv an seinen literarischen und historischen Studien mit, indem sie etwa schwierige Manuskripte kopierte oder beim Ordnen umfangreicher Korrespondenzen half. (12.2.1853) Varnhagen schätzte dabei ihre präzise Beobachtungsgabe und notierte bewundernd, dass sie »vortrefflich zu berichten« wisse, wobei ihr »keine Schattirung der Dinge« entgehe. (3.1.1855)
Ihre Anwesenheit war für Varnhagen ein ständiger Quell der Freude, was besonders bei ihrer Rückkehr von Reisen deutlich wird: »Nachmittags nach 4 Uhr kam Ludmilla von Hamburg an, ich holte sie auf dem Bahnhof ab, sie ist wohlauf und freudig, letzteres ich auch«. (28.9.1853) Wenn sie fehlte, empfand er eine schmerzliche Leere: »Ludmilla um halb 8 Uhr nach Hamburg abgereist […] doch ging mir der Abschied diesmal ganz besonders nahe, und ich hätte sie gern zurückgehalten«. (17.9.1853)
Besonders auf gemeinsamen Reisen, etwa an den Rhein oder nach Weimar, betont Varnhagen, dass sein eigenes Vergnügen wesentlich davon abhänge, wie sehr Ludmilla die neuen Eindrücke und die Schönheit der Kunst und Natur genieße. Und umgekehrt bemerkt er: »Die liebe Ludmilla sieht durch mich den Rhein« (21.7.1858). Die Reisen verdeutlichen, dass die intellektuelle Verbindung zwischen den Beiden weit über ein bloßes Verwandtschaftsverhältnis hinausging und von einer tiefen Symbiose der Wahrnehmung geprägt war.
Er bewundert ihren scharfen Verstand und ihre präzise Beobachtungsgabe, wobei er feststellt, dass sie Menschen und Vorgänge oft ebenso treffend charakterisiert wie er selbst. An anderer Stelle lobt er ihren Humor: »Dies glücklich treffende Wort, so witzig in der Sache und im Ausdruck, gefiel mir über die Maßen!« (24.7.1853)
Trotz dieser Harmonie war sein Blick auf die Beziehung von einer gewissen Melancholie und Sorge um Ludmillas Zukunft nach seinem Tod geprägt. Ihn quälte die Frage: »Auf wen soll sich die arme Ludmilla stützen, wenn ich nicht mehr da bin?« (20.10.1854)
Er sah in ihr die einzige würdige Verwalterin seines Nachlasses und war überzeugt, dass es um seine Papiere »freilich keine Noth« habe, solange sie an seiner Seite sei. (12.2.1853) Als ultimativen Vertrauensbeweis und um sie abzusichern, schenkte er ihr im Dezember 1856 seine gesamte Bibliothek sowie alle literarischen Sammlungen, da er das Bedürfnis verspürte, »ihr diesen Beweis meiner Dankbarkeit zu geben«. (7.12.1856) [WH]
- Friedrichshain | 18. März 1852
Friedrichshain
»Auch heute war der ganze Friedrichshain durch starke Konstablerschaaren streng abgesperrt. Das Volk machte keinen Versuch einzudringen. Daß die Regierung die Feier des denkwürdigen Tages durch die strengsten Maßregeln verhindern muß, ist Feier genug. Die Polizeiköpfe, die uns anstatt der Staatsmänner regieren, werden nie klug! In den höchsten Regionen giebt es nur solche. — « (TB, 18.3.1852)
- Varnhagens Gesinnung | 6. Dezember 1840
Varnhagens Gesinnung
»Eine Dame sagte mir heute, sie könne nicht klug daraus werden, wie ich eigentlich gesinnt sei, heidnisch oder christlich, monarchisch oder republikanisch, meine Aeußerungen seien aus allen Tonarten, und ließen bald das eine voraussetzen, bald das andre. Ich erwiederte auf diesen Angriff, sie müsse doch recht gut wissen, was ich sei, denn indem sie mir das sage, setze sie voraus, daß ich ein Mann sei, dem man dergleichen sagen könne, und das sei ein ganzes Glaubensbekenntniß werth!
Wie sollt’ ich mich sonst vertheidigen? Soll ich mich darauf berufen, daß man in allen Erscheinungen das Ideelle lieben, und das Reelle verabscheuen kann?« (TB, 6.12.1840)
Zur Einschätzung Varnhagens in höheren Kreisen vgl. ausführlicher den Tagebucheintrag vom 9.11.1846.
- Rahels Geburtstag | 19. Mai 1858
Rahels Geburtstag
»Mein Feiertag heute! Vor siebenundachtzig Jahren heute, da Rahel zur Welt kam, war erster Pfingstfeiertag, auf diesen Tag und heute vertheilt sich also ihre Geburtstagsfeier.« (TB, 19.5.1858)
- Aristokratie und Ständewesen | 11. Mai 1847
Aristokratie und Ständewesen
»Diese bevorrechtete Aristokratie, diese Befestigung auch des untern Adelswesens, diese gewaltsame Einsperrung in Stände, wie soll das aufhören, ohne daß die gewaltsamsten Vorgänge stattfinden, Vorgänge, die, abgesehen von allem Erfolge, schon an sich die furchtbarste Heimsuchung sind? Unsre Staatsbildung ist auf lange, lange Jahre heillos verpfuscht!« (TB, 11.5.1847)
- Belagerungszustand | 12. November 1848
Belagerungszustand
»Was soll daraus werden? fragt jederman. Niemand weiß eine Antwort. Ich aber weiß, daß gewiß etwas dazwischen kommt, was die Gestalt der Dinge ändert. Die Regierung erscheint dem Volk als Feind. Der Haß gegen den König steigt ungeheuer. —
Als ich nach Hause ging, waren die Plakate, wodurch für Berlin und zwei Meilen umher der Belagerungsstand ausgesprochen wird, schon angeschlagen; es war schon dunkel, aber beim Schein der Laterne wurde der Zettel gelesen, von dichten Gruppen. Die Folgen des Belagerungsstandes wurden in vielen Punkten einzeln aufgezählt, alles von Wrangel unterschrieben. Hohngelächter, Schimpfworte, Unmuthausbrüche hörte ich; von einem jungen Menschen vor der Bank, den etwa fünfzig andre eifrig anhörten, die bestimmtesten Aufforderungen, Wrangel und Brandenburg zu tödten, nicht die Soldaten, aber die Generale und Offiziere, die müsse man auf’s Korn nehmen, den schuftigen Ministern nur kurzweg den Hals umdrehen.« (TB, 12.11.1848)
- Unruhen, Plünderungen | 22. April 1847
Unruhen, Plünderungen
»Unruhen auf den Märkten. Auflauf in der Charlottenstraße, auf dem Gensdarmenmarkt. Abends gewaltsames Stürmen der Bäckerladen, Konditoreien, dem Prinzen von Preußen die Fenster eingeworfen. Königsmarck eiligst zu dem Prinzen berufen. Die Truppen unzureichend. Horden schreiend und werfend in der Behrenstraße, unter den Linden, in der Mohrenstraße, Kanonierstraße; ich höre den Tumult, die Trommeln; erst nach Mitternacht wird es still. In anderen Stadttheilen ging es eben so her.
Heute mannichfache Nachrichten vom gestrigen Krawall, der heute in manchen Straßen noch am hellen Tage sich wiederholt! Plünderung der Bäckerladen, Versuch, die Straßen gegen die Reiterei zu verrammeln, heftige Zusammenstöße, viele Verwundete, auch Soldaten. Furchtbare Reden: ›Alle Reichen müssen todtgeschlagen werden‹, Verwünschungen gegen den König und die Prinzen &c. Doch hat das Ganze keinen politischen Karakter. Der Prinz von Preußen hat seine Scheiben am frühsten Morgen wieder machen lassen, man will nicht davon geredet wissen &c.« (TB, 22.4.1847)
- Die schlesischen Weber | 16. Juni 1844
Die schlesischen Weber
»Große Wuth herrscht am Hof und in den Oberbehörden gegen die schlesischen Weber, jeder Minister glaubt den andern und dem Könige zu schmeicheln, wenn er über die Verruchtheit der Aufrührer loszieht, wenn er die härtesten Strafen für sie begehrt. Man unterläßt nicht, auch von Aufwieglern im politischen Sinn, von bösen oder wenigstens unbesonnenen Schriftstellern zu sprechen, man deutet auf Bettinen von Arnim, auf Herrn Pelz (Treumund Welp), auf jede Schrift hin, wo vom Volke mit Antheil gesprochen wird.« (TB, 16.6.1844)
- Schriftsteller und Gelehrte | WH
Schriftsteller und Gelehrte für die Revolution
Varnhagen von Ense nennt in seinen Aufzeichnungen zahlreiche Schriftsteller und Gelehrte, die er als Kämpfer für die Freiheit und die Ideale der Revolution ansieht oder deren Werke er als geistige Waffen im politischen Kampf begreift. Für ihn ist die literarische Arbeit oft untrennbar mit dem politischen Fortschritt verbunden.
Hier folgt eine kleine Auswahl, die Liste ist nicht vollständig.
Dazu gehört der Historiker und Politiker Georg Gottfried Gervinus. Varnhagen lobt seine »vortrefflichen Geschichtsanschauungen« (7.1.1853) und stellt fest, dass Gervinus mit »Sack und Pack in das Lager der Demokratie übergegangen« sei (19.1.1853). Er bewundert den Mut, mit dem Gervinus trotz gerichtlicher Verfolgung wegen Hochverrats an seinen Überzeugungen festhält.Ludwig Uhland schätzt er, besonders weil der die Annahme des preußischen Friedensordens Pour le Mérite verweigerte: »tapferer, braver Uhland« (12.12.1853). Uhland begründete dies damit, dass er keine Auszeichnung von einem Fürsten annehmen könne, in dessen Namen seine Mitstreiter aus der Frankfurter Nationalversammlung noch immer als Hochverräter verfolgt werden. Aber Varnhagen mag auch den »Fortunat« und die Lyrik: »Uhland und Heine werden am litterarischen Himmel ewig als schöne Sterne glänzen.« Er bewundert vor allem Uhlands Fähigkeit, den Genius der Sprache auch in einer Zeit der Nivellierung zu bewahren. (21.8.1854)
Heinrich Heine und Ferdinand Freiligrath bezeichnet Varnhagen zusammen mit Herwegh und Hoffmann von Fallersleben als »kein schlechtes Viergespann« (11.10.1844), deren Gedichte dem König und der Reaktion durch ihre Schärfe und Offenheit großen Schaden zufügten. »Das Treibjagen der Dichter gegen den König macht doch ungemeines Aufsehen und den nachtheiligsten Eindruck.«Er sieht in Heines Werk einen »tiefen sittlichen Kern« (7.6.1857) und preist dessen unermüdliche geistige Kraft.
Alexander von Humboldt schätzt Varnhagen als einen freigesinnten und unabhängigen Geist, der seine liberalen Überzeugungen auch im hofeigenen Kreis bewahrt. Humboldt unterstützte verfolgte Freiheitsfreunde wie Kinkel oder Freiligrath und bezeichnete den Kultursminister von Raumer etwa als »dumme Exzellenz« (11.2.1854) oder als »Lump« (9.4.1853).
Victor Hugos Werk Les Châtiments ist für Varnhagen ein »wahres Meisterstück«, das den »gewaltigsten Ausdruck« gegen die Gewaltherrschaft Napoleons III. findet. Er feiert Hugo als jemanden, dessen Worte weltweit leben und wirken. (21.12.1853)
Die Gründung einer freien russischen Presse in London durch Alexander Herzen (Iskander) nennt Varnhagen eine »Sache von großer Wichtigkeit, von möglicherweise außerordentlichen Folgen« (10.1.1855), von unberechenbarer Wirkung (24.3.1858) Er schätzt Herzens Schriften: »Geist- und kraftvolle Erörterungen, kühne Blitze, Kaiser Nikolaus und Louis Bonaparte mit glühendem Eisen gebrandmarkt.« (15.5.1858)
Auch Glaßbrenners Schriften gehören dazu: »Glasbrenner’s ›Berlin wie es ißt und trinkt‹, Nr. 20, worin die schrecklichsten Dinge gesagt werden, im Volkstone die Könige lächerlich gemacht werden, die Reden des Königs, die Frömmelei, zum Theil mit gutem Witz, zum Theil mit gemeinem, aber immer ganz heillos. Diese kleinen, von aller Welt gelesenen Hefte, deren Inhalt sich mündlich wiederholt, sind von unberechenbarer Wirkung.« (2.3.1844)
George Sand nimmt dabei eine besondere Stellung ein; Varnhagen bewundert ihren dichterischen Reichtum und verteidigt sie entschieden gegen Kritiker, die ihr Werk als »Herabsinken« schildern wollen. Alexander von Humboldt rühmt gegenüber Varnhagen ihren Geist sowie ihre Schönheit, und Varnhagen sieht in ihren Schriften, wie etwa in »Histoire de ma vie« wunderbare Wahrheiten über Religion, Freiheit und den Widerstand gegen die kirchliche Hierarchie ausgedrückt. (24.6.1855)
Max Ring wird ebenfalls mehrfach als bedeutender Zeitgenosse erwähnt. Er arbeitete laut Varnhagen fleißig an literarischen Stoffen, die sich mit republikanischen Vorbildern wie Milton und Cromwell beschäftigten. (2.2.1854) Zudem lieferte Ring Reisebriefe für die „Vossische Zeitung“ und verfasste Werke wie das Drama „Die Genfer“, das in Varnhagens Kreis Beachtung fand. Sein Roman »Berlin und Breslau«, den Varnhagen nicht beim Titel nennt, hat die Revolution zum Thema.
Und zuguterletzt Bettina von Arnim: Sie preist er als unermüdliche Vermittlerin, die sich durch Briefe und Schriften für Verfolgte wie Gottfried Kinkel einsetzt und den König vor der Reaktion warnt. (Juni u. November 1853)
Darüber hinaus nennt Varnhagen weitere Schriftsteller, die sich um die freiheitliche Sache verdient gemacht hätten:
— Karl Vogt, den er als Kämpfer gegen den religiösen und wissenschaftlichen Konservatismus schätzt (»Köhlerglaube und Wissenschaft«);
— Adolf Stahr, späterer Gatte Fanny Lewalds, ein enger Vertrauter Varnhagens (8.4.1848), mit seinem Werk »Die preußische Revolution« und weiteren Werken;
— Karl Heinzen, ein radikaler Kritiker, der in seinen Schriften (z. B. »Preußisches und Deutsches«) den König offen angriff und das Versagen der Regierung von 1815 anmahnte; (27.4.1845)
— Friedrich Theodor Vischer, der in Württemberg wegen seines Freisinns von der »Pfaffenparthei« verfolgt wurde (3.3.1845);
— Moritz Hartmann, der als demokratischer Abgeordneter und Dichter im Exil lebte (18.4.1853) und dessen Berichte Varnhagen als wichtige Beiträge zur Volksbildung ansah;
— Ludwig Walesrode, der mit seinen »Unterthänigen Reden« die Behörden und den König mit beißendem Witz angriff. (5.12.1843)
[WH]
- Barrikadenbau | 18. März 1848
Barrikadenbau
»Auch in meiner Wohngegend regte sich schnell der Eifer zum Barrikadenbau; von den Linden heimgehend, sah ich schon alles an der Arbeit, und um nicht ausgesperrt zu werden, mußt’ ich eilen nach Hause zu gelangen, wo die Thüre schon verschlossen war. Rechts nach der Jägerstraße, links nach der Behrenstraße, vorwärts in der Französischen Straße, deren ganze Länge man von meinen Fenstern gradaus übersehen konnte, stiegen rasch die Schutzwehren empor, hinter denen wir uns bald wie in einer Festung abgeschieden fanden. Einige wohlgekleidete junge Leute, dem Ansehen nach Studenten, gaben Anleitung und Befehl, eine gemischte Menge, Hausknechte, Bürger, Alt und Jung, waren eifrig am Werk, Droschken und Wagen wurden angehalten und umgestürzt, die Rinnsteinbrücken und das Pflaster aufgerissen, Fässer und Kasten herbeigeholt, ein im Bau begriffenes Haus lieferte Balken, Bretter und Ziegel; auf die Dächer der Eckhäuser häufte man einen großen Vorrath von Pflastersteinen, auch Kloben wurden hinaufgeschleppt, um sie von der Höhe auf die Angreifenden herabzuschmettern.« (TB, 18.3.1848)
- Am Vorabend | 16. März 1848
Am Vorabend der Revolution
»Wenn ich den Hergang der Dinge betrachte und die Blindheit und Dummheit, die in den höheren Kreisen walten, so kommt es mir vor, ich säße vor der Bühne und sähe ein Drama aufführen, bei dem es mir graust. Der Dichter hat es so machen müssen, um eine Handlung durch mannigfache Steigerung zu ihrem Gipfel zu bringen, er braucht eben auch die Verblendung und Dummheit dazu! »Laßt sie doch das dümmste Zeug reden, belehrt sie nicht, streitet nicht mit ihnen, lacht nur dazu, sie sind ja für uns dumm, ohne solche Hornviehdummheit würden wir sie ja nicht los, ein bischen Verstand würde sie retten, laßt sie doch!« So soll ein Demokrat seinen Freunden zugesprochen haben!« (TB, 16.3.1848)
- Walter Scott | 29. Juli 1841
Walter Scott
»Lady Morgan stimmt ganz in mein Urtheil über Walter Scott ein, er habe ein schönes Talent der Schilderung, wie ein niederländischer Mahler, aber Tiefe der Gedanken fehle ihm, der Geist werde nicht durch ihn bereichert, und das Herz nicht durch ihn erfreut; sein übergroßer Erfolg sei durch die Umstände und durch Partheiung bewirkt; sein Bekanntwerden fiel in die Zeit, da England auf dem Festlande wieder auflebte, seine Sprache und Litteratur dem verhaßten französischen Einflusse willkommen entgegentrat, der Adel, das Alterthum, das den Zeitfragen Fremde, sich wieder Bahn brachen; er ist kein Autor ersten Ranges, kaum zweiten, nur dritten, die Nachwelt wird ihn schon an seinen Ort stellen.« (TB, 29.7.1841)
- Erinnerung an 1848 (2) | 23. August 1854
Erinnerung an 1848 (2)
»Im untern Volke geschieht viel, um das Andenken von 1848 zu bewahren, bedeutende Zeitungsblätter, Flugschriften und geschichtliche Berichte werden in bürgerlichen Familien sorgfältig bewahrt, und an geeigneten Tagen andächtig vorgelesen. Auch bildliche Darstellungen mancher Vorfälle und Bildnisse der ächten Volksvertreter, die in keinem Bilderladen mehr zu haben sind, erhalten sich bei dem gemeinen Mann, werden in Bibeln gelegt.« (TB, 23.8.1854)
- Erinnerung an 1848 (1) | 23. August 1854
Erinnerung an 1848 (1)
»Von vielen Seiten wendet man alles an, das Jahr 1848 und seine Erscheinungen aus dem Gedächtniß fallen zu lassen. Daß die Höfe, die Aristokraten, die Behörden, die Kriegsleute dies thun, ist sehr begreiflich, aber daß auch demokratische Blätter so sprechen, ist gar nicht recht! Manche thun so, als läge jene Zeit weit hinter uns, als hätte sie keinen Bezug mehr auf unsere Gegenwart, sie wollen damit andeuten, daß nun auch alle Verfolgung aufhören, Amnestie eintreten müßte; allein dies erreichen sie doch nicht, für ihre Rache haben die Höfe, Aristokraten &c. nur ein zu gutes Gedächtniß! — « (TB, 23.8.1854)
- Saint-Simonismus | 10. Februar 1845
Saint-Simonismus
»›Die Rechte jedes Menschen‹ (Bern 1844). Eine kommunistische Schrift von Friedmund von Arnim. Auch der Fürst von Lynar soll etwas Kommunistisches in Druck gegeben haben. Immer noch Saint-Simonismus, der sich ausbreitet!« (TB, 10.2.1845)
- Die Amazone von Kiß | 4. Februar 1840
Die Amazone von Kiß
»Im Gießhause das Gypsmodell der Amazone von Kiß besehen. Kein guter Eindruck! Ich fürchte sehr, die Sache wird schlecht ausfallen. Das Pferd ist durch den Wulst entstellt, den der angesprungene Tiger macht; die Amazone erscheint übel zusammengedrückt. Man müßte das Gebild von oben ansehen, um einen guten Gesammtblick zu haben, von unten giebt es nur vertheilte Eindrücke, unbefriedigende, in manchen Standpunkten geradezu häßliche.« (TB, 4.2.1840) [Die Amazone befindet sich heute vor dem Alten Museum in Berlin; WH]
- Unsere fanatischen Weiber | 1. Juni 1854
»Wahre Megären«
»Nichts geht über unsre fanatischen Weiber hier! Wahre Megären sind die Offiziersfrauen, Hofdamen und die knechtischen Bürger- und Beamtenweiber, die jenen nachschwatzen! Sie legen jetzt so grimmig gegen die Türken, Engländer und Franzosen los, wie früher gegen die Demokraten und 1848 gegen den König. Sie erheben die Russen und ihren Kaiser in den Himmel. Man muß das nichtswürdige Gesindel keiner Antwort würdigen; dasselbe ist ganz ungefährlich, denn außer schimpfen können sie nichts, sie sind zu dumm und unfähig, um politische Weiber vorzustellen.« (TB, 1.6.1854)
- Todes- und Prügelstrafe | 17. Mai 1853
Todes- und Prügelstrafe
»Fast in allen deutschen Ländern ist die Todesstrafe wieder eingeführt, oder soll es werden. Eben so mit der Prügelstrafe. Wer jetzt getödtet und geprügelt werden soll, das ist klar. Aber künftig?!« (TB, 17.5.1853)
- Bücher und Bilder | 20. Februar 1853
Bücher und Bilder
»Was alle Regierungen übersehen, alle Polizeibehörden, das ist die ungeheure Verbreitung wohlfeiler Bücher, die Popularisirung aller Kenntnisse, voran und zumeist freilich der gewerblichen, gemeinnützigen, naturwissenschaftlichen, dann aber auch der höheren Naturschilderungen, Reisen, Darstellungen des Völkerlebens, Geschichtskunde, — es wimmelt von wohlfeilen Büchern der Art, sogar mit Bildern, die auch wohlfeil sind, — diese haben oft wenig eignen Werth, werden von den Gelehrten kaum bemerkt, wirken aber ungeheuer im Volke, das mehr liest als je, und seine eigne Litteratur für sich hat.« (TB, 20.2.1853)
- Professor Gans | 23. März 1838
Professor Gans
»Sechshundert Studenten brachten gestern Abend dem Professor Gans eine Abendmusik zu seinem Geburtstag, eigentlich aber für seinen Eifer zu Gunsten der sieben Göttinger Professoren. Nicht auf der Straße, nur auf dem Hofe des Hauses durfte die Sache vorgehen, nur mit Mühe war soviel vom Minister von Rochow nachgegeben, der Polizeipräsident hatte nichts auf sich nehmen wollen. Es war aber doch eine öffentliche Feier, die ganze Straße von Menschen vollgedrängt.« (TB, 23.3.1838)
- Das Christentum und seine Sprache | 12. Dezember 1837
Das Christentum und seine Sprache
»Daß das Christenthum ganz aus seiner ursprünglichen Sprache ausgetrieben ist, und nur in fremden fortlebt, war mir heute sehr merkwürdig. Bei keiner andern bekannten Religionsstiftung ist das zu finden. Jesus lehrte gewiß in hebräischer Sprache, wußte schwerlich eine andere; aber seine Lehre ist uns nur in griechischer und lateinischer Sprache überliefert, und er würde alle seine jetzigen Bekenner — menschlicherweise — gar nicht verstehen können, etwa einige getaufte Juden abgerechnet, und vielleicht Gesenius mit großer Mühe! Das ist doch wahrlich sonderbar!« (TB, 12.12.1837)
- Sallust, Tacitus, Livius | 6. Januar 1837
Sallust, Tacitus, Livius
»Sallustius, Tacitus, Livius, — eine uns fremde Welt! Im Zusammenhange rasch hintereinander gelesen, machen diese Autoren einen unglaublichen Eindruck. Niebuhr meinte einmal gegen mich, er zweifle, ob jetzt jemand, außer ihm, den Livius wirklich ganz gelesen habe, und war sehr verwundert, als ich ihm sagte: Ich. Es gehört aber Muth dazu, wenn man philologisches und kritisches Interesse hat, dies so ganz beiseite zu werfen; thut man das nicht, so geht der Eindruck unrettbar verloren.« (TB, 6.1.1837)
- Spott gegen das Christentum | 15. Oktober 1836
Spott gegen das Christentum
»Ich bin versichert, daß eine Zeit kommen wird, wo man die Spöttereien und Ausfälle gegen die Mythen und Kirchenformen des Christentums, wie sie zum Beispiel Voltaire, Friedrich der Große, d’Alembert verübt haben, gutmüthig und ohne Aergerniß ansehen, ja ein frommer Christ sich daran mit Beifall ergötzen wird, wie schon jetzt an den naiven, derben, oft unehrerbietigen Behandlungen, welche jenen Gegenständen vom Volk und von Volksdichtern und Volkspredigern immerfort widerfahren sind.« (TB, 15.10.1836)
- Ein Flüchtling ermordet | November 1835
Flüchtling in Zürich ermordet
»In der Nacht vom 3. zum 4. November wurde bei Zürich der Leichnam eines jungen Menschen ermordet gefunden, achtundvierzig Stichwunden zählte man an ihm, die meisten in der Gegend des Herzens, noch eine größere Zahl hatte die Bekleidungsstücke durchlöchert. Dies alles ließ auf mehrere Thäter und auf den Gebrauch von Dolchen schließen. Der Ermordete war ein Flüchtling aus Preußen, der Student Ludwig Lessing, Sohn eines Kaufmanns in Freienwalde. Man vermuthet, daß die andern Flüchtlinge in ihm einen spähenden Verräther, einen bezahlten Kundschafter der Regierung geopfert haben. Die Untersuchung blieb ergebnißlos.« (TB, November 1835)
- Die Geschichte | 2. Juni 1849
Die Geschichte
»[D]ie Geschichte ist ein Gerichtshof, den die Könige nicht bestehen können, gegen den alle ihre Macht in Staub zerfällt wie sie selbst.« (TB, 2.6.1849)
- Der Bauernstand in Frankreich | 26. September 1856
Der Bauernstand in Frankreich
»Durch die Revolution hat der Bauernstand in Frankreich sich bedeutend gehoben, Freiheit, Besitz und Wohlfahrt erlangt; nach und nach hat sich eine neue Unterdrückung eingefunden, die des kleinen Besitzes durch die Geldmacht, und man schildert den jetzigen Bauer in Frankreich als sehr unglücklich. Er bearbeitet seinen eignen Boden fast nur noch als Tagelöhner für den Kapitalisten, der ihm Geld vorgeschossen hat.« (TB, 26.9.1856)
- Bilderläden | 6. Februar 1849
Bilderläden
»An allen Bilderläden steht das Volk gedrängt und freut sich der Bildnisse der linken Abgeordneten.« (TB, 6.2.1849)
- Bettina von Arnim | 3. Februar 1849
Bettina von Arnim
»Bettina versichert mich mit wahrer Rührung, ich sei jetzt ihr einziger Freund, sie habe niemanden, mit dem sie frei sprechen könne außer mir.« (TB, 3.2.1849)
- Der Belagerungszustand | 31. Januar 1849
Der Belagerungszustand
»Ein General, der von Wrangel kam, sagte heute ganz bestimmt, der Belagerungsstand daure nur fort, damit man mißliebige Personen ausweisen und die Presse beschränken könne; er werde erst aufhören, wenn die neuen Kammern ein ordentliches Preßgesetz gemacht haben werden, d. h. eines, wobei die Freiheit ein Gespött wird!« (TB, 31.1.1849)
- Der extreme Reaktionär: »Bürger Pfeil« | WH
Der extreme Reaktionär: »Bürger Pfeil«
Varnhagen von Ense liefert in seinen Tagebüchern ein sehr detailliertes und meist vernichtendes Bild des Grafen Ludwig von Pfeil, das ihn als einen der extremsten und zugleich widersprüchlichsten Vertreter der Reaktion darstellt.
Politischer Frontenwechsel (»Bürger Pfeil«): Ein besonders brisantes Detail ist Pfeils Verhalten während der Revolution von 1848. Varnhagen berichtet, dass Pfeil damals einer der Vorsteher des demokratischen Klubs war und sogar darauf bestand, nur noch »Bürger Pfeil« genannt zu werden. Später kehrte er jedoch zur äußersten Rechten zurück, wurde aber selbst der Gerlach-Fraktion zu unbequem: »Die Fraktion Gerlach hat den unbequem gewordenen Gesellen jetzt ausgestoßen. Er bleibt in unsern Augen aber ihr richtiger Genosse; sie muß ihn behalten, er ist ihr klarster Ausdruck, nur etwas dumm!« (TB, 27.2.1856)
Prahlerei mit Gewalt: Im Abgeordnetenhaus sorgte Pfeil für Empörung, als er sich mit »unerhörter Frechheit« damit rühmte, auf seinem Gut Eingesessene eigenmächtig misshandelt und eingesperrt zu haben. Er vertrat die Ansicht, dass der Adel zwar obrigkeitliche Polizeirechte ausüben dürfe, aber im Falle von Amtsmissbrauch nicht den Strafgesetzen unterworfen sein sollte. Selbst der Minister des Innern und Pfeils eigene Partei distanzierten sich schließlich von dieser »rohen Dummheit«. (TB, 16.2.1856)
Scheitern als Theater-Intendant: Varnhagen notiert, dass Pfeil als Nachfolger für den Posten des Ober-Intendanten der königlichen Schauspiele im Gespräch war. Er prophezeite Pfeil jedoch bereits im Vorfeld die gleiche »Offenbarung der Unfähigkeit«, die er auch anderen Hofbeamten zuschrieb. (TB, 8.3.1853)
Zurechtweisung durch die Regierung: Trotz seiner reaktionären Gesinnung geriet Pfeil in Konflikt mit der Regierung, als er das polizeiliche Vorgehen in Posen gegen die Presse kritisierte. Dies führte dazu, dass er vom Minister von Raumer »zornig zurechtgewiesen« wurde. (TB, 3.5.1856)
Zu Pfeils Haltung vgl. auch die Einträge vom 23. und 24.2.1856. [WH]
- Der reaktionäre Adel | WH
Der reaktionäre Adel
Varnhagen von Ense widmet in seinen Tagebüchern der Schilderung und scharfen Kritik des reaktionären Adels, den er meist als »Junkerparthei« oder »Kreuzzeitungsparthei« bezeichnet, breiten Raum. Er beschreibt diese Kreise als eine eigennützige Elite, die den Staat und sogar das Königthum ihren eigenen Standesinteressen unterordnen will.
Dazu gehören u.a. die Gebrüder von Gerlach: Ludwig von Gerlach, der Präsident des Abgeordnetenhauses, wird von Varnhagen oft als »Hanswurst« oder »Possenreißer« verspottet: »Gerlach hat die schamlosesten Frechheiten herausgewürgt, ein schmutziger, giftgeschwollener Possenreißer! In’s Zuchthaus gehört er! — « (TB, 8.4.1854) Sein Bruder, der Generaladjutant Leopold von Gerlach, gilt ihm als einflussreicher Intrigant der »Kamarilla«, der den König im Sinne der Reaktion bevormundet und gegen den Prinzen von Preußen aufhetzt.
Den Freiherr von Senfft-Pilsach bezeichnet V. mit der Nationalzeitung als einen »Ultra« von »großer tatsächlicher Unkenntniß« und »erstaunlich beschränktem Gesichtskreis«, (TB, 17.3.1855) der dennoch mit größter Anmaßung auftrete, Graf von Voß-Buch wird als der »finstre Ultra« charakterisiert, der als Geldgeber der Kreuzzeitung fungierte und eine reaktionäre Kirchenpolitik betrieb. (20.6.1851)
Merkmale des reaktionären Adels:
Varnhagen kritisiert den tiefen »Adels- und Militairdünkel«, insbesondere innerhalb der Gardeoffiziere, die das bürgerliche Volk als »Racaille« oder »Gesindel« verachten. Besonders hervorgehoben wird der Graf von Pfeil, der sich im Abgeordnetenhaus rühmte, Untergebene misshandelt zu haben. (TB, 16.2.1856) V. wirft diesen Kreisen vor, »unpreußisch und undeutsch« zu sein, da sie sich aus Hass gegen die liberale Bewegung lieber dem russischen Absolutismus oder österreichischen Interessen anschlössen, als dem eigenen Volk Rechte zuzugestehen.Viele dieser Adligen nutzen laut Varnhagen religiösen Eifer und Pietismus nur als Maske für ihre Herrschsucht. Er beschreibt sie als Menschen ohne »wahre Würde«, die in »Lüge und Wortbruch« verharren.
Trotz ihrer äußeren Ergebenheit, betont Varnhagen, würden viele Junker den König Friedrich Wilhelm IV. innerlich verachten und ihn als »schwankend« oder »phantastisch« verspotten, solange er ihren radikalen Forderungen nach vollständiger Rückkehr zum Absolutismus nicht nachkomme. [WH]
- Graf Valerian von Pfeil | 24. Oktober 1849
Graf Pfeil fordert öffentliche Auspeitschung
»Rasende Aeußerungen eines Grafen von Pfeil in Schlesien, der die Frau, welche für Kinkel’s Leben zu bitten gewagt, öffentlich ausgepeitscht sehen will [vermutlich ist Gisela von Arnim gemeint, eine Tochter Bettina von Arnims; TB, 16.7.1849], für Preßvergehen Todesstrafe zulässig erachtet &c. Er heißt Valerian; ist es der, den ich früher wohl bei Olfers gesehen?« (TB, 24.10.1849)
- Wahre Volksfreiheit | 3. April 1850
Wahre Volksfreiheit erscheint nur selten
»Wahre Volksfreiheit in ihrer Macht und Herrlichkeit erscheint nur selten, und nie auf lange Dauer, — das zeigt die Geschichte leider, die alte wie die neue; allein sie erscheint doch immer wieder von Zeit zu Zeit, und dann gewaltig, unwiderstehlich. In Athens demokratischer Zeit — fast ein Jahrhundert —, in Frankreichs Revolution von 1789 — doch ein Jahrzehnt —, und dann 1830 und 1848 wieder, hab’ ich im Geiste den herrlichsten Frühling miterlebt, und 1848 endlich auch im eignen Volke, mit einer Freude, einer Genugthuung, einer Bewunderung des Volks, die mich fortan auf meinem noch übrigen Wege begleiten, als Lebenstrost, als Blüthe und Glanz des Menschendaseins! Schwindet die Sache auch allzu rasch, so bleibt doch das Gefühl. Auch das Liebesentzücken dauert nicht das ganze Leben hindurch, aber ist doch das seligste Ereigniß in jedem Leben.« (TB, 3.4.1850)
- Der »Krieg gegen die Toten« | WH
Der Friedhof der Märzgefallenen
Zum Friedhof der Märzgefallenen im Friedrichshain dokumentiert Varnhagen in seinen Tagebüchern mit bitterem Zorn eine Entwicklung, die von öffentlicher Verehrung über systematische staatliche Verdrängung bis hin zu Plänen für eine vollständige Beseitigung reicht.
Nach der Revolution wurde der Friedhof von der Bevölkerung intensiv gepflegt. Varnhagen beschreibt bei einem Besuch im Oktober 1848 die Gräber als »freundlich« und »in dichten Reihen ein Viereck bildend«. Eine Fülle von Blumen und Kränzen zeugte von der eifrigen Pflege durch die Angehörigen und Bürger. Während die namentlich bekannten Toten Grabsteine und Inschriften hatten, waren die Unbekannten lediglich durch Nummern gekennzeichnet. (1.10.1848)
Mit dem Erstarken der Reaktion nach 1848 wurde der Friedhof den Behörden und dem Hof zunehmend ein »Dorn im Auge« und zum Ziel repressiver Maßnahmen, die von polizeilichen Absperrungen an Jahrestagen bis hin zur physischen Verdeckung des Geländes durch dichte Bepflanzung reichten, um die Gräber der öffentlichen Wahrnehmung zu entziehen und sie schließlich ganz unzugänglich und unsichtbar zu machen. »Die Leichen auszugraben und auf den Schindanger zu werfen, hat man die beste Lust, aber noch immer nicht den rechten Muth! — « (23.5.1852)
So gab es auch Schwierigkeiten mit der Finanzierung eines geplanten Denkmals. Julius Berends und Bathow legten 1853 in demokratischen Blättern Rechenschaft über gesammelte Gelder ab. Sie besagte, »daß ein Denkmal jetzt nicht errichtet werden könne, daß man aber die Pflege der Gräber mit einer kleinen Summe bestritten, und die Hauptsumme, etwa 2000 Thaler, bei der Königlichen Bank auf Zinsen gelegt habe. Das Letztere erscheint bedenklich, man fürchtet, die Regierung könne einmal die Hand darnach ausstrecken. Aus dieser Besorgniß sind schon zur Zeit des Sammelns viele Beiträge nicht gegeben worden. Man traut diesen Behörden einmal nicht.« (11.1.1853)
Im selben Jahr kam »in der Stadtverordnetenversammlung […] das neuzuerbauende Waisenhaus zur Sprache. Der Platz am Friedrichshain wurde für ungeeignet erklärt, auch um des Begräbnißplatzes der Barrikadenkämpfer willen, die Ereignisse des 18. März 1848 sollen nicht tagtäglich in den Erinnerungen der Jugend aufgeweckt werden.« (16.12.1853)
Eine Eskalation dieser Bestrebungen zeichnete sich im Jahr 1854 ab, als Pläne zur vollständigen Auflösung der Begräbnisstätte unter dem Vorwand städtebaulicher Notwendigkeiten für den Bahnhofsbau bekannt wurden. Varnhagen: »Der hiesige Magistrat, jetzt so ziemlich der Inbegriff alles Feigen und Niederträchtigen, will den Begräbnißplatz im Friedrichshain zerstören.« Angehörige wurden vorgeladen und aufgefordert, die Leichen auf eigene Kosten in ihre jeweiligen Kirchspiel-Friedhöfe zu überführen. Sollten sie dies nicht tun, drohte der Magistrat damit, die Toten auf Armenkirchhöfe umzubetten. Besonders empörte es Varnhagen, dass der Magistrat die Kosten für diese Maßnahme (ca. 18.000 Thaler) aus den Resten der Sammlungen für die Hinterbliebenen der Märzgefallenen decken wollte. (20.10.1856)
Obwohl die Behörden nach öffentlichen Unruhen im Dezember 1857 die Auflösungspläne offiziell dementierten – die »Montagspost« erklärte die Nachricht für »irrig« und behauptete, dem Magistrat sei eine solche Absicht nie eingefallen –, interpretierte Varnhagen dies lediglich als einen Versuch, die öffentliche Reaktion zu testen und bei Widerstand »schüchtern zurückzutreten«. Für ihn war es ein taktischer Rückzug zur Beruhigung der Bevölkerung. (7.12.1857)
Varnhagen betrachtete die Haltung der Behörden als einen Krieg gegen die Toten und sah in der unerbittlichen Haltung der Regierung einen Beweis für die tiefsitzende Furcht vor der bleibenden Erinnerung an den Volkssieg von 1848. [WH]
- Fürst Pückler-Muskau | 15. Juli 1858
Beim Fürsten Pückler-Muskau in Branitz
»Der Zwerg Billy mit bei Tisch, eine Art Factotum, Vertrauter, Aufseher, Besorger, aufmerksam, verständig, in seiner Art gebildet. Nach dem Essen mit dem Fürsten in seinen Zimmern bis halb 2 Uhr, in stets lebhafter Unterhaltung. — Papagaien an der Treppe, ein grüner im Käfig, der vortrefflich gesprochen haben soll, aber seit ein weißer neben ihn gestellt worden, beharrlich schweigt. Der weiße, ein Kakadu mit gelben Stirnfedern, das allerliebste Thier von der Welt, gutmüthig, gesellig, gar gern schwatzend: ›Wie heißt du? wer bist du? Ich heiße Kakadu, weißer Papagai!‹ so geht es immer fort, dazwischen etwas Portugiesisch, das niemand versteht. Er macht tiefe Verbeugungen, hopst empor, lacht, pfeift, kräht, alles auf’s Wort. Wir haben das größte Ergötzen an dem lustigen Geschöpf!« (TB, 15.7.1858)
- Bettina von Arnim | 28. August 1857
Bettina von Arnim: eine Verrückte
»Magnus behauptete, Bettina selber sei immer eine Verrückte gewesen, voll Eitelkeit, Selbstsucht und Willkür, ihre Unarten hätten für Genie gegolten. Ich vertheidigte ihre ursprüngliche Gutherzigkeit, den Glanz ihrer Phantasie […]« (TB, 28.8.1857)
- Voltaire | 25. September 1848
Voltaires »Philosophisches Wörterbuch«
»In Voltaire’s ›Philosophischem Wörterbuch‹ gelesen. Unerschöpflicher Witz, Scharfsinn, Belesenheit!« (TB, 25.9.1848)
- Zwei Revolutionen | 1. Juli 1849
Erinnerung an zwei Revolutionen
»Ich habe als Knabe die französische Freiheit erlebt, als Greis die deutsche, was will ich mehr? Den Trost kann mir nichts mehr nehmen, ich habe doch einmal in vollen Zügen Freiheitsluft geathmet, ihre ganze Kräftigung empfunden, das war vorigen Sommer, jeden Morgen erwacht’ ich mit diesem Gefühl der Freiheit; keine Behörde, keine Polizei, keine elenden Scheerereien, der Mensch galt als solcher, jeder sagte und that, wie er es meinte, und wie ordentlich, wie sittlich, wie zutraulich und freudig war alles! Ich hab’ es genossen und danke Gott noch jeden Tag dafür!« (TB, 1.7.1849)
- Luftverschmutzung | 6. September 1852
Luftverschmutzung in Berlin
»Bei fahlem Sonnenschein dieselbe dicke schwere Luft, wie gestern. Seit den zweiundfünfzig Jahren, daß ich Berlin kenne, hat sich im Allgemeinen die Luft sehr nachtheilig verändert. Fast immer liegt schwerer Dunst über der Stadt, den nur ein starker Wind bisweilen verweht, der aber, sobald dieser nachläßt, gleich wieder da ist. Die vielen Fabriken mit ihrem Rauch und Gas, die gehäuften Unreinigkeiten, das Unvermögen der Spree, und die fast verdreifachte Zahl von Menschen und Thieren, kommen allerdings hier sehr in Betracht.« (TB, 6.9.1852)
- Friedrichshain | 19. März 1851
20.000 Menschen in Friedrichshain
»Es waren gestern über zwanzigtausend Menschen im Friedrichshain [Friedhof der Märzgefallenen], und gegen Abend fielen dennoch Unruhen vor, obschon das Volk durchaus nichts that, was dazu Anlaß geben konnte, sein Verbrechen war seine Menge! Die Konstabler, welche in ganzen Massen zusammenstanden, wollten nicht umsonst dagewesen sein, ihr Hauptmann Patzke befahl die Räumung des Begräbnißplatzes, das Volk verzog sich, aber die Konstabler drangen heftig ein, die berittenen mit blankem Säbel, da gab es Gedränge, Geschrei, auch Steinwürfe, über fünfzig Personen wurden verhaftet, aber bis auf drei nachher wieder freigelassen.« (TB, 19.3.1851)
- Bibel und König | 21. September 1850
Die Naturwissenschaft, die Bibel und der König
»Humboldt soll dem Könige kürzlich in Betreff der Naturforschung sehr gründlich und scharf die Wahrheit gesagt haben; der König meinte, die Naturforscher dürften nichts behaupten, — nichts finden, was der Bibel widerspräche!!« (TB, 21.9.1850)
- Friedrichshain | 1. Oktober 1848
Märzgräber in Friedrichshain
»Nachmittags fuhr ich mit Ludmilla in den Friedrichshain, ich wollte die Märzgräber gern einmal sehen. Zeichnungen hatten mir ein falsches Bild gegeben, ich fand alles ganz anders, als ich mir es vorgestellt. Der Anblick der erhöhten Gräber, in dichten Reihen ein Viereck bildend, war freundlich; eine Fülle von Blumen und Kränzen zeugte von der eifrigsten Pflege, Kreuze, Grabsteine und Inschriften fehlten nicht. Die stärkste Wirkung machten die Grabstätten ohne Denkmal und Inschrift, durch eine bloße Nummer schlicht bezeichnet, unter denen die unbekannt gebliebenen Todten liegen, für die kein Name zu ermitteln war.« (TB, 1.10.1848)
- Vereinigte Staaten von Europa | 29. Januar 1850
Vereinigte Staaten von Europa
»Was aus diesem Chaos werden kann, weiß der Himmel! Eine friedliche Gestaltung wird mit jedem Tage weniger möglich, eine volle Herstellung des Alten ist ganz undenkbar. Spring’ ich über die nächsten Gebilde in weitere Ferne, so seh’ ich freilich so was dämmern, wie Vereinigte Staaten von Europa, einen großen Bund von Republiken, der dem nordamerikanischen die Hand bietet; aber wie viel Zwischenereignisse müssen dazu noch eintreten, die sich in keiner Weise voraussehen lassen! Wie viele Schulen werden die Völker noch durchmachen, welche Wechsel von Glück und Unglück die Fürsten noch erfahren, ehe sie schließlich in letzterm untergehen! Sie arbeiten aber tüchtig daran, das ist wahr! — Die französische Revolution ist beinah so alt wie ich, und noch nicht aus. Die französische zählt einundsechzig Jahr, die deutsche zwei!« (TB, 29.1.1850)
- Unmittelbarkeit der »Tageblätter« | 14. Juli 1849
Die Unmittelbarkeit der »Tageblätter«
»Ich finde, daß die Unmittelbarkeit meiner Tageblätter, trotz alles Ballastes, der in ihnen mitgeht, mehr, weit mehr ist, als alles, was ich mit dem sorgsamsten Fleiße daraus machen kann.« (Tagebuch vom 14.7.1849)
- Liederliche Damen | 19. Juni 1852
Zwei adlige Frauen verhaftet
»Unsre Zeitungen melden, auch die ministeriellen, daß zwei adlige Damen von guten alten Familien wegen Trunkenheit und Obdachlosigkeit in Haft genommen seien; sie waren durch Liederlichkeit so herab gesunken, daß sie wie gemeine Dirnen lebten. Der gerühmte Adel! Die Stütze des Thrones, die Ehre des Staates, des Heeres! —
Die Polizeibehörde will jene Nachricht, die allerdings das größte Aufsehen macht, für einen Irrthum erklären. Die Wahrheit aber dringt durch diesen schwachen Mantel nur um so stärker durch und man nennt jetzt sogar die Namen dieser Damen; von Maltzan und von Hacke. Noch andre Fälle werden angeführt, wo die Namen Zedlitz, Seydlitz, Bohlen, Massow, Treskow, Arnim sich in den allerniedrigsten Beziehungen bloßstellen. — « (Tagebuch vom 19.6.1852)
- Nach dem Kirchentag | 21. September 1858
Nach dem Kirchentag
»Der Kirchentag ist zu Ende, doch zieht er großes Aergerniß hinter sich her, und Hohn und Spott die Fülle. Ein Schwarzrock [Pfarrer] ist im Bordel gewesen, und weil er betrunken war und nicht bezahlen wollte, vor die Polizei geführt worden; ein andrer lag sinnlos berauscht nachts auf der Straße; ein dritter hat mit liederlichen Mädchen lose Reden geführt und schändliche Lieder gesungen. Das hiesige Lokalblatt ›Die Reform‹ erzählt alles haarklein, mit den ausgesprochenen Namen, und läßt es an höhnischen Bemerkungen nicht fehlen. Das Volk reißt sich um das Blatt, und schon ist dasselbe in fünfter Auflage erschienen!« (TB, 21.9.1858)
- Varnhagen über Sexualität | WH
Varnhagens Verhältnis zur Sexualität
Varnhagen von Ense äußert sich in seinen Tagebüchern durchaus über sexuelle Aktivitäten und den moralischen Zustand seiner Zeit, wobei er diese Themen meist im Kontext von Hofskandalen, gesellschaftlicher Heuchelei oder der Spannung zwischen Natur und Moral behandelt. Er betrachtet das »Sinnliche« oft als eine ursprüngliche Kraft, die durch die bestehenden Gesetze (auch die Ehegesetze) und die herrschende Frömmelei gewaltsam unterdrückt oder verfälscht wird.
Die Skandale am Hof und im Adel sind für ihn ein wiederkehrendes Thema. Er dokumentiert detailliert das ausschweifende Leben der Elite, das er in scharfen Kontrast zum offiziell zur Schau getragenen christlichen Eifer stellt: Er berichtet von nächtlichen Orgien und Trinkgelagen des Prinzen Friedrich von Preußen, die er mit »Saufbrüdern und Freudenmädchen gemeinster Art« abhielt, er erwähnt den Kurfürsten von Hessen, der seine »Kebse« (Mätresse) und seine unehelichen Kinder in den Fürstenstand erhob.
Weiter berichtet er von der Praxis, Verbrechen wie »unnatürliche Lust« (ein damals üblicher Begriff für Homosexualität) oder Ehebruch innerhalb des Adels systematisch zu vertuschen, um das Ansehen des Standes zu wahren. In einem historischen Rückblick schildert er die Regierungszeit Friedrich Wilhelms II. als eine Ära der »wüsten Liederlichkeit«, in der Potsdam einem »Bordell« geglichen habe und Töchter des Adels dem König bereitwillig angeboten worden seien.
Das »Muckerwesen« und religiöse Heuchelei sind ein weiterer Bereich. Es geht dabei um die Vermischung von religiösem Fanatismus und unterdrückter Sexualität. Anlässlich der Königsberger Mucker-Affäre und einer diesbezüglichen Denkschrift eines Dr. Sachs reflektiert V. über die »Mucker-Geschichten«, bei denen religiöser Eifer in Sinnlichkeit und »Sittenlosigkeit« umschlug, was er als Beweis dafür sieht, dass die Natur ihren Raum einfordert: »Die Sinnlichkeit nimmt ihren Raum unter den Menschen ein, man thue was man wolle; sie zieht aus dem Fasten Nahrung. In diesen Sachen ist die Menschheit noch völlig unreif, hat sie die wenigsten Fortschritte gemacht. Hier bedarf es neuer Wege, neuer Formen, hier muß für Freiheit und Schönheit etwas gethan werden. Das wird noch lange zu erwarten bleiben!« (TB, 17.10.1837)
Die Darstellung von Sinnlichkeit in der Literatur verteidigt V. oft als einen notwendigen Akt der Befreiung. Er sieht in »Sinnlichem und Derbem« eine »kräftigste Berufung auf die Natur« und hält das Spiel mit »Geschlechtssachen« für ein legitimes Mittel gegen pedantische Autorität. Er kritisiert Zeitgenossen wie Rosenkranz, die die »sinnlichen Rohheiten« von Heinrich Heine oder die »Schlüpfrigkeiten« Voltaires nicht verstehen und sie lediglich moralisch verurteilen, statt ihre befreiende Wirkung zu erkennen: »Alles Sinnliche und Derbe ist die kräftigste Berufung auf die Natur! Da her die große Wirkung, daher die Nothwendigkeit der Schimpf- und Schmutzwörter, des derben Spiels mit den Geschlechtssachen. Jede Nation hat ihre Aristophanes.« (TB, 23.6.1853)
Er notiert auch einen Skandal in der Charité, bei dem ein Arzt in der Berliner Charité eine Patientin geschwängert hatte, was am Hof zu großer Bestürzung und Rufen nach strengerer »religiöser Richtung« in Krankenhäusern führte. Und er kommentiert das Prostitutionswesen, die Präsenz von Prostituierten (z. B. die »schöne Melusine« im Bullenwinkel) und nutzt dies für sarkastische Bemerkungen über die Doppelmoral der Gesellschaft.
Varnhagens Äußerungen zeigen, dass er Sexualität weniger als privates Laster, sondern primär als politisches und kulturhistorisches Barometer wahrnahm, an dem sich die Verlogenheit der bestehenden Ordnung ablesen ließ. [WH]
- Theaterbesuch | 1. Oktober 1856
Ein Theaterbesuch
»Es wurde zu viel geheult.« (TB, 1.10.1856)
- Varnhagen über Dinosaurier | WH
Varnhagen über Dinosaurier
Varnhagen von Ense äußert sich in seinen Tagebüchern an mehreren Stellen über prähistorische Funde und die »Urwelt«, wobei seine Reaktionen oft von einer Mischung aus wissenschaftlichem Interesse und tiefem existenziellen Unbehagen geprägt sind.
Der Hydrarchos: Im Januar 1847 besuchte Varnhagen in der Berliner Akademie die Ausstellung des »Urweltthieres Hydrarchos«. Er beschreibt das Skelett als ein »gewaltiges Thier, zwischen Eidechse und Schlange« Diese Begegnung löste bei ihm düstere Reflexionen aus; er notierte, dass die Vorstellung, die Schöpfung sei durch solche »Greuelstufe« zur heutigen Form aufgestiegen, ihm den »Geschmack an der Erde« verderbe. Er spann diesen Gedanken sogar so weit, dass er mutmaßte, auch die Menschheit könne nur eine solche vorübergehende »Greuelstufe« sein.
Der Ichthyosaurus: Während einer Reise im Juni 1856 besuchte Varnhagen das Schloss Banz, das eine bedeutende Sammlung von Versteinerungen beherbergte. Dort sah er einen »riesigen Ichthyosaurus«, den er als »sehr beachtungswerth« bezeichnete, jedoch anmerkte, dass ein solches Objekt in einem Schloss (ehemals ein Kloster) eigentlich »nicht am rechten Platz« sei.
Abneigung gegen die »menschenlose Natur«: Varnhagen setzte sich auch theoretisch mit der Urzeit auseinander, etwa durch die Lektüre von Bernhard Cottas »Geologischen Bildern«. Die Vorstellung einer Welt vor der Menschheit, bevölkert von »riesigen Pflanzen und Mißgestalten von Thieren«, empfand er als »ganz trostlosen, ja unerträglichen Gedanken«. Er verglich diese wissenschaftlichen Erkenntnisse mit der »morgenländischen Phantasie eines Paradieses«, die er für weitaus »heiterer und liebevoller« hielt.
In seinen Aufzeichnungen finden sich bereits Gedanken über die Endlichkeit der menschlichen Gattung. Er griff die Idee auf, dass die heutigen Arten – einschließlich des Menschen – durch »höher organisirte« Nachfolger ersetzt werden könnten, die dereinst die Überreste der Menschen ebenso staunend und vielleicht verächtlich betrachten würden, wie wir die Fossilien der Urwelttiere:
»Diesen Gedanken heg’ ich schon längst und stelle mir vor, daß ein höheres Geschlecht beim Auffinden unserer Gerippe staunend unsre Kiefer und Zähne betrachten, und dabei verächtlich ausrufen wird: ›Sie fraßen!‹« (Tagebuch vom 18.6.1852 u.ö.) [WH]
- Homer | 11. Oktober 1846
Homers »Ilias«
»Die ›Ilias‹ ist mit nichts in der Welt zu vergleichen, sie ist ein einziges, wunderbares, uns in seiner Kraft und Reichhaltigkeit kaum faßliches Geschichts- und Volkserzeugniß, gewiß das Werk oder vielmehr der Ertrag von Vielen, wie jedes große Schaffen der Menschen, die Reformation, die Revolution &c.« (TB, 11.10.1846)
- Lage der Arbeiter | 9. März 1857
Lage der Arbeiter und Armen
»Ich las Untersuchungen über das Verhältniß der Fabrikarbeit zum Landbau, über die heutige Lage und die wahrscheinliche Zukunft der Arbeiter. Die Staatswirthschaftslehrer sehen hier immer nur Unmöglichkeiten. Sie sprechen von philanthropischen Träumereien, wenn es gilt die Noth der Arbeiter und der Armen zu lindern, sie lachen über die Forderung von 30–50 Millionen zu diesem Zweck; aber die Mehrung der stehenden Heere, den Aufwand der Hof- und Staatsprahlerei, die Ausgaben für Donau- und Krim-Feldzüge — die Verwendung von 1000 Millionen — finden sie richtig! — « (TB, 9.3.1857)
- Uneheliche Kinder | 8. Mai 1856
Heillose Adelswirthschaft
»In Mecklenburg, wo das vierte Kind ein unehliches ist, ganze Dorfschaften keine andre haben, ist ein Strafgesetz gegen Unzucht und wilde Ehen verkündigt worden. Daß der Zustand aus politischen Uebeln herkommt, aus heilloser Adelswirthschaft, will man nicht einsehen, die Ursache soll dauern, ohne ihre Folgen! — « (TB, 8.5.1856)
- Royalist oder Republikaner? | 27. Februar 1852
Varnhagen: Royalist oder Republikaner?
»Man fragt mich immer auf’s neue, ob ich Royalist oder Republikaner sei? Ich antworte, jedenfalls zöge ich die Monarchie Friedrichs des Großen der Republik Louis Bonaparte’s vor. — Das Königthum hat unläugbar große Vorzüge, die Persönlichkeit kann wohlthätiger wirken, milder und menschlicher sein, als die strenge Gesetzesherrschaft, wofern nicht auch in diese der Grundsatz der Gnade eingeführt wird, wie dazu in den Vereinigten Staaten von Nordamerika schon ein Anfang gemacht ist; — aber, aber — das Königthum braucht Könige! Hat Frankreich seit Ludwig dem Vierzehnten einen König gehabt? — « (TB, 27.2.1852)
- Ausweisung aller Demokraten | 5. September 1850
Eine Denkschrift an den König
»Dem König ist eine Denkschrift eingereicht worden, in der die Ausweisung, Uebersiedelung jenseits des Meeres, für alle Demokraten beantragt wird! — « (TB, 5.9.1850)
- Bettina von Arnim | 25. Mai 1850
Bettina von Arnim
»Ich sollte über Bettinens von Arnim eigenstes Wesen Auskunft geben. Ich sagte endlich: ›Häufen Sie Widersprüche auf Widersprüche, bergehoch, überschütten Sie alles mit Blumen, lassen Sie Funken und Blitze herausleuchten‚ und nennen Sie’s Bettina.‹« (TB, 25.5.1850)
- Christen, Sozialisten, Kommunisten | 18. November 1846
Christen, Sozialisten, Kommunisten
»Dieser Gedanke hat mich heute viel beschäftigt: Die Christen haben auf ihrem Ausgange aus der Lehre in die Welt das meiste Gute verloren und vergessen, wohl auch als zu beschwerlich abgeworfen, und laufen mit dem bloßen Namen weiter, der freilich leicht zu tragen ist. Redliche wohlgesinnte Leute haben die verlornen Päcke und Bündel aufgerafft und tragen sie ihnen keuchend nach, aber jene wollen auf den Zuruf nicht hören und meinen, sie hätten all das Ihre. Rousseau, Pestalozzi, Fichte, Saint-Simon, jede neue Theorie, Sozialismus, Kommunismus, alles ist nur bemüht, zurückgelassenes Christenthum nachzubringen!« (TB, 18.11.1846)
- Geschichtsforschung | 6. November 1843
Geschichtsforschung und Gegenwart
»Wenn man die Vergangenheit betrachtet und durchforscht, muß es immer im Vortheil der Gegenwart geschehen, sonst verliert man sich als Todter unter den Todten.« (TB, 6.11.1843)
- Ahnung einer Revolution | 14. Juni 1842
Vorahnung einer Revolution
»Ich denke seit einiger Zeit, daß, wenn die Dinge so fortgehen, sie unvermeidlich zu einer großen Revolution führen; Deutschland ist unstreitig tief in Gährung, es lernt sich selber täglich mehr kennen, steigert seine Kräfte, seine Einheit […]« (TB, 14.6.1842)
- Ehen zwischen Adel und Bauersleuten | 8. Juli 1856
Nicht standesgemäße Ehen
»Die Volkszeitung hat den Schluß eines durch fünf Nummern gehenden Artikels ›Stehengebliebene Verkehrtheiten‹, worin sie mit unendlicher Schärfe in der Sache und trockener Milde im Ausdruck die Entscheidung des Obertribunals, daß die Ehe zwischen Adlichen und Bauersleuten noch immer verboten sei, unwiderleglich als den baarsten Unsinn, als die unhaltbarste Sophisterei und Dummheit darthut. Die Sache ist so sonnenklar, die Beweisführung des Obertribunals so albern und hirnlos, daß die geheimen Obertribunalsräthe, die dafür gestimmt haben, also jedenfalls die Mehrheit, von Rechts wegen für unfähig erklärt werden sollten, jemals wieder in Preußen zu Gericht zu sitzen!« (TB, 8.7.1856)
- Ein erschlagener Prinz | 8. Mai 1849
Ein erschlagener Prinz
»In Dresden ist bei Erstürmung des Hotel de Saxe ein Prinz von Schwarzburg-Rudolstadt, der sich dort eines Augenübels wegen aufhielt, in seinem Zimmer von den Soldaten erschlagen worden. Ein Prinz! Das macht Aufsehn, das erregt Mitleid, da schreien die Vornehmen ganz empört über Rohheit und Wildheit der Soldateska; Hökerinnen, Kinder, Handwerker, Dienstmädchen, das hat nichts zu sagen, da zuckt man die Achseln und sagt, sie hätten den Ort meiden sollen!« (TB, 8.5.1849)
- Heldenmutige Jugend | 19. März 1848
Der 18. März
»Das Volk ist von furchtbarer Kampfbegier, die jungen Leute zeigten gestern einen Heldenmuth, der mich in Erstaunen setzte.« (TB, 19.3.1848)
- Revolution 1848 | 6. Januar 1854
Das Jahr 1848 (1)
»[…] doch all diese Geschichtsmomente überstrahlt das Jahr 1848. Das Beste und Höchste der Deutschen kam da zum Vorschein, in überschwänglicher Fülle. Die ganze Nation war eine Einheit, wie noch nie, alle besten Kräfte und Talente, das reinste sittliche Streben, arbeiteten an Entwickelung und Ausbildung der neuen Zustände. Nie war in Deutschland soviel Gutes, Edles, Hohes so gemeinsam rege. Die Nation erwies sich großmüthig, hochgesinnt, maßvoll; nur klug und schlau war sie nicht! Daher ging auch alles schlecht. Sie war ihren innern Feinden nicht gewachsen, weil sie ihnen vertraute; sie ließ sich zu Dünkel und Eigensucht verleiten. Aber dennoch, die vier Monate der Freiheit und Selbstständigkeit, die wir erlebt haben, sind ein unvergänglicher Festtag in unserer Geschichte, der immer sich erneut, so oft wir seiner nur gedenken. Heil dem Jahre 1848! — « (TB, 6.1.1854)
1835 1836 1837 1838 1840 1841 1842 1843 1844 1845 1846 1847 1848 1849 1850 1851 1852 1853 1854 1855 1856 1857 1858 Adel Alkohol Alter Amazone (Kiß) Aristokratie Assing Barrikaden Bauern Belagerungszustand Bettina Bettina von Arnim Bilder Bücher Christentum Dickens Dinosaurier Doppelmoral Flüchtling Frankreich Frauen Friedrichshain Geschichte Göttinger Sieben Herwegh Homer Kapitalisten Kartoffelrevolution Kommunismus König Lage der Arbeiter Literatur Mecklenburg Monarchie Natur Nordamerika Popularisierung Prügelstrafe Rahel Reaktionäre Religion Republikaner Revolution Revolution (Frz.) Revolutionäre Saint-Simonismus Sand (George) Schlesische Weber Schriftsteller Schweiz Sittlichkeit Sklavenhandel Staatswirtschaftslehre Theater Tiere Todesstrafe WH Zukunft