Graf Valerian von Pfeil | 24. Oktober 1849

Graf Pfeil fordert öffentliche Auspeitschung »Rasende Aeußerungen eines Grafen von Pfeil in Schlesien, der die Frau, welche für Kinkel’s Leben zu bitten gewagt, öffentlich ausgepeitscht sehen will [vermutlich ist Gisela von Arnim gemeint, eine Tochter Bettina von Arnims; TB, 16.7.1849], für Preßvergehen Todesstrafe zulässig erachtet &c. Er heißt Valerian; ist es der, den ich früher …

Ein erschlagener Prinz | 8. Mai 1849

Ein erschlagener Prinz »In Dresden ist bei Erstürmung des Hotel de Saxe ein Prinz von Schwarzburg-Rudolstadt, der sich dort eines Augenübels wegen aufhielt, in seinem Zimmer von den Soldaten erschlagen worden. Ein Prinz! Das macht Aufsehn, das erregt Mitleid, da schreien die Vornehmen ganz empört über Rohheit und Wildheit der Soldateska; Hökerinnen, Kinder, Handwerker, Dienstmädchen, …

Revolution 1848 | 11. März 1855

Das Jahr 1848 (2) Varnhagen von Ense sah in der Revolution von 1848 das bedeutendste Ereignis der deutschen Geschichte, das er oft in glühenden Worten verteidigte, selbst als die Reaktion bereits wieder die Oberhand gewonnen hatte: »Wenige Monate des Jahres 1848 haben die Decke zerrissen, die auf den allgemeinen Zuständen lag, haben uns das Unwürdige …

Offizier, Hund und Student | 27. Juni 1858

Offizier, Hund und Student »In einer Konditorei saßen zwei Offiziere, von denen der eine einen großen Hund hatte; dieser näherte sich zweien Studenten die nicht weit davon saßen, bettelte, und bekam einige Bissen, was sein Herr wo nicht wohlgefällig doch gleichgültig mit ansah. Der Hund, zutraulich geworden, stieg nun auf, und setzte seine Pfoten dem …

Varnhagens Kontakte zur Revolution | WH

Varnhagens Kontakte zur Revolution Varnhagen sah sich selbst als Teil der demokratischen Bewegung, auch wenn er aufgrund seines Alters und seiner Gesundheit nicht mehr selbst zur Waffe greifen konnte. Zudem unterstützte er Revolutionäre durch Beratung und half Bettina von Arnim bei der Abfassung von Gnadengesuchen, etwa für den verurteilten Gottfried Kinkel.  Er hatte enge persönliche …

Des Königs wunderliche Manieren | 19.3.1841

Des Königs wunderliche Manieren »Man erzählt von des Königs wunderlichen Manieren; kommt er wo an, so wirft er seinen Mantel auf die Erde hinter sich ab, nimmt eine kleine Bürste, streicht sein Haar, und läßt sie zu Boden fallen, das Schnupftuch, welches er gebraucht, ebenfalls; natürlich sind alle Hände gleich bereit, das ihm Lästige abzunehmen, …

Der sittenlose Adel | WH

Der sittenlose Adel Varnhagen von Ense äußert sich in seinen Tagebüchern regelmäßig und in einer Weise über die Sittenlosigkeit des Adels, die deutlich macht, dass er dies nicht als bloße Einzelfälle, sondern als ein Symptom eines moralischen Verfalls der oberen Stände betrachtet. Er hält zahlreiche Vorfälle und Skandale fest, die von Korruptionsvorwürfen in den höchsten Staatsämtern bis hin zu sittlichen …

Tier und Mensch | 24. Juli 1851

Tier und Mensch »Hundebesuch; die prächtige Dogge Trimm; gewaltige Kraft und große Sanftmuth und sogar Schüchternheit. Ich denke mir viel bei solchem Thier, immer neues Erstaunen! Unsre nahen Mitgeschöpfe, sie wie die Pferde stehen in tiefem Bezuge zu den Menschen, wir müssen ihnen dankbar sein und sie gut halten. —« (TB, 24.7.1851)

Frauen | WH

Frauen In den Tagebüchern Varnhagens finden sich zahlreiche Porträts von Frauen, die er aufgrund ihres scharfen Verstandes, ihrer politischen Unabhängigkeit und ihres Mutes bewunderte. Er suchte oft die Gesellschaft von Frauen, die sich über die engen bürgerlichen und höfischen Konventionen ihrer Zeit erhoben und aktiv am geistigen und politischen Leben teilnahmen. Ludmilla AssingSeine Nichte und …

Charles Dickens | 14. Januar 1843

Charles Dickens »In Nr. 5 und 6 des ›Magazins für die Litteratur des Auslandes‹ ist eine Schilderung von Blindenerziehung in Nordamerika von Dickens, und besonders eine Erzählung von einem taubstummen und blinden Mädchen Laura Bridgman, die durch Doktor Howe mit Erfolg unterrichtet worden, — Rührenderes und Erschütternderes habe ich nie gelesen! Dickens hat ein Meisterstück einfacher …

Drei Damen des Hofes | 31. Mai 1852

Drei Damen des Hofes »Vor etwa fünf Jahren geschah in St. Petersburg folgendes Aergerniß. Drei Damen des Hofes machten mit einem vornehmen Offizier auf einer Maskerade allerlei Thorheiten, bald aber war ihnen der Schauplatz nicht frei genug, und sie fuhren in eine Restauration, wo sie sich besondre Zimmer geben ließen, ausgesuchte Speisen, Champagner im Ueberfluß; …

Das Alter | 6. Dezember 1855

Das Alter »Nicht nur daß wir graue Haare bekommen, und Runzeln und dergleichen, macht uns alt, sondern auch, daß wir die Andern so werden sehen, am meisten aber, daß andre Sitten, andre Ansichten, andre Sprache und andre Worte herrschen; am eingreifendsten und niederschlagendsten ist das Veralten im geistigen Gebiet, ein Lied und eine Melodie, bei …

Die Erinnerung an 1848 (3) | 28. November 1856

Die Erinnerung an 1848 (3) »Daß das Jahr 1848 mit seinen Freiheitsbestrebungen in dem Kern der Berliner Einwohnerschaft noch unvergessen ist, davon zeugen mancherlei Wahrnehmungen; die Zeitungen, Plakate, Flugschriften und Bilder aus jener Zeit werden von vielen Bürgern sorgsam aufbewahrt, hin und wieder in stillen Abendvereinen vorgelesen. Ein schon bejahrter Handwerksmeister wollte kürzlich die von …

Ludmilla Assing | WH

Ludmilla Assing Varnhagen von Ense schildert die Beziehung zu seiner Nichte und späteren Herausgeberin seiner Werke Ludmilla Assing als eine tiefe intellektuelle und emotionale Lebensgemeinschaft, in der sie ihm als wichtigste tägliche Gefährtin, Gesprächspartnerin und unentbehrliche Stütze zur Seite stand. Ihr eng verzahntes Privatleben äußerte sich in gemeinsamen Abenden beim Schachspiel (12.2.1853), dem Vorlesen von Briefen oder tiefgehenden Diskussionen über …

Friedrichshain | 18. März 1852

Friedrichshain »Auch heute war der ganze Friedrichshain durch starke Konstablerschaaren streng abgesperrt. Das Volk machte keinen Versuch einzudringen. Daß die Regierung die Feier des denkwürdigen Tages durch die strengsten Maßregeln verhindern muß, ist Feier genug. Die Polizeiköpfe, die uns anstatt der Staatsmänner regieren, werden nie klug! In den höchsten Regionen giebt es nur solche. — « …

Varnhagens Gesinnung | 6. Dezember 1840

Varnhagens Gesinnung »Eine Dame sagte mir heute, sie könne nicht klug daraus werden, wie ich eigentlich gesinnt sei, heidnisch oder christlich, monarchisch oder republikanisch, meine Aeußerungen seien aus allen Tonarten, und ließen bald das eine voraussetzen, bald das andre. Ich erwiederte auf diesen Angriff, sie müsse doch recht gut wissen, was ich sei, denn indem …

Aristokratie und Ständewesen | 11. Mai 1847

Aristokratie und Ständewesen »Diese bevorrechtete Aristokratie, diese Befestigung auch des untern Adelswesens, diese gewaltsame Einsperrung in Stände, wie soll das aufhören, ohne daß die gewaltsamsten Vorgänge stattfinden, Vorgänge, die, abgesehen von allem Erfolge, schon an sich die furchtbarste Heimsuchung sind? Unsre Staatsbildung ist auf lange, lange Jahre heillos verpfuscht!« (TB, 11.5.1847)

Belagerungszustand | 12. November 1848

Belagerungszustand »Was soll daraus werden? fragt jederman. Niemand weiß eine Antwort. Ich aber weiß, daß gewiß etwas dazwischen kommt, was die Gestalt der Dinge ändert. Die Regierung erscheint dem Volk als Feind. Der Haß gegen den König steigt ungeheuer. — Als ich nach Hause ging, waren die Plakate, wodurch für Berlin und zwei Meilen umher …

Unruhen, Plünderungen | 22. April 1847

Unruhen, Plünderungen »Unruhen auf den Märkten. Auflauf in der Charlottenstraße, auf dem Gensdarmenmarkt. Abends gewaltsames Stürmen der Bäckerladen, Konditoreien, dem Prinzen von Preußen die Fenster eingeworfen. Königsmarck eiligst zu dem Prinzen berufen. Die Truppen unzureichend. Horden schreiend und werfend in der Behrenstraße, unter den Linden, in der Mohrenstraße, Kanonierstraße; ich höre den Tumult, die Trommeln; …

Die schlesischen Weber | 16. Juni 1844

Die schlesischen Weber »Große Wuth herrscht am Hof und in den Oberbehörden gegen die schlesischen Weber, jeder Minister glaubt den andern und dem Könige zu schmeicheln, wenn er über die Verruchtheit der Aufrührer loszieht, wenn er die härtesten Strafen für sie begehrt. Man unterläßt nicht, auch von Aufwieglern im politischen Sinn, von bösen oder wenigstens …

Schriftsteller und Gelehrte | WH

Schriftsteller und Gelehrte für die Revolution Varnhagen von Ense nennt in seinen Aufzeichnungen zahlreiche Schriftsteller und Gelehrte, die er als Kämpfer für die Freiheit und die Ideale der Revolution ansieht oder deren Werke er als geistige Waffen im politischen Kampf begreift. Für ihn ist die literarische Arbeit oft untrennbar mit dem politischen Fortschritt verbunden. Hier folgt …

Barrikadenbau | 18. März 1848

Barrikadenbau »Auch in meiner Wohngegend regte sich schnell der Eifer zum Barrikadenbau; von den Linden heimgehend, sah ich schon alles an der Arbeit, und um nicht ausgesperrt zu werden, mußt’ ich eilen nach Hause zu gelangen, wo die Thüre schon verschlossen war. Rechts nach der Jägerstraße, links nach der Behrenstraße, vorwärts in der Französischen Straße, …

Walter Scott | 29. Juli 1841

Walter Scott »Lady Morgan stimmt ganz in mein Urtheil über Walter Scott ein, er habe ein schönes Talent der Schilderung, wie ein niederländischer Mahler, aber Tiefe der Gedanken fehle ihm, der Geist werde nicht durch ihn bereichert, und das Herz nicht durch ihn erfreut; sein übergroßer Erfolg sei durch die Umstände und durch Partheiung bewirkt; …

Erinnerung an 1848 (2) | 23. August 1854

Erinnerung an 1848 (2) »Im untern Volke geschieht viel, um das Andenken von 1848 zu bewahren, bedeutende Zeitungsblätter, Flugschriften und geschichtliche Berichte werden in bürgerlichen Familien sorgfältig bewahrt, und an geeigneten Tagen andächtig vorgelesen. Auch bildliche Darstellungen mancher Vorfälle und Bildnisse der ächten Volksvertreter, die in keinem Bilderladen mehr zu haben sind, erhalten sich bei …

Erinnerung an 1848 (1) | 23. August 1854

Erinnerung an 1848 (1) »Von vielen Seiten wendet man alles an, das Jahr 1848 und seine Erscheinungen aus dem Gedächtniß fallen zu lassen. Daß die Höfe, die Aristokraten, die Behörden, die Kriegsleute dies thun, ist sehr begreiflich, aber daß auch demokratische Blätter so sprechen, ist gar nicht recht! Manche thun so, als läge jene Zeit …

Die Amazone von Kiß | 4. Februar 1840

Die Amazone von Kiß »Im Gießhause das Gypsmodell der Amazone von Kiß besehen. Kein guter Eindruck! Ich fürchte sehr, die Sache wird schlecht ausfallen. Das Pferd ist durch den Wulst entstellt, den der angesprungene Tiger macht; die Amazone erscheint übel zusammengedrückt. Man müßte das Gebild von oben ansehen, um einen guten Gesammtblick zu haben, von …

Unsere fanatischen Weiber | 1. Juni 1854

»Wahre Megären« »Nichts geht über unsre fanatischen Weiber hier! Wahre Megären sind die Offiziersfrauen, Hofdamen und die knechtischen Bürger- und Beamtenweiber, die jenen nachschwatzen! Sie legen jetzt so grimmig gegen die Türken, Engländer und Franzosen los, wie früher gegen die Demokraten und 1848 gegen den König. Sie erheben die Russen und ihren Kaiser in den …

Bücher und Bilder | 20. Februar 1853

Bücher und Bilder »Was alle Regierungen übersehen, alle Polizeibehörden, das ist die ungeheure Verbreitung wohlfeiler Bücher, die Popularisirung aller Kenntnisse, voran und zumeist freilich der gewerblichen, gemeinnützigen, naturwissenschaftlichen, dann aber auch der höheren Naturschilderungen, Reisen, Darstellungen des Völkerlebens, Geschichtskunde, — es wimmelt von wohlfeilen Büchern der Art, sogar mit Bildern, die auch wohlfeil sind, — …

Professor Gans | 23. März 1838

Professor Gans »Sechshundert Studenten brachten gestern Abend dem Professor Gans eine Abendmusik zu seinem Geburtstag, eigentlich aber für seinen Eifer zu Gunsten der sieben Göttinger Professoren. Nicht auf der Straße, nur auf dem Hofe des Hauses durfte die Sache vorgehen, nur mit Mühe war soviel vom Minister von Rochow nachgegeben, der Polizeipräsident hatte nichts auf …

Das Christentum und seine Sprache | 12. Dezember 1837

Das Christentum und seine Sprache »Daß das Christenthum ganz aus seiner ursprünglichen Sprache ausgetrieben ist, und nur in fremden fortlebt, war mir heute sehr merkwürdig. Bei keiner andern bekannten Religionsstiftung ist das zu finden. Jesus lehrte gewiß in hebräischer Sprache, wußte schwerlich eine andere; aber seine Lehre ist uns nur in griechischer und lateinischer Sprache …

Sallust, Tacitus, Livius | 6. Januar 1837

Sallust, Tacitus, Livius »Sallustius, Tacitus, Livius, — eine uns fremde Welt! Im Zusammenhange rasch hintereinander gelesen, machen diese Autoren einen unglaublichen Eindruck. Niebuhr meinte einmal gegen mich, er zweifle, ob jetzt jemand, außer ihm, den Livius wirklich ganz gelesen habe, und war sehr verwundert, als ich ihm sagte: Ich. Es gehört aber Muth dazu, wenn …

Spott gegen das Christentum | 15. Oktober 1836

Spott gegen das Christentum »Ich bin versichert, daß eine Zeit kommen wird, wo man die Spöttereien und Ausfälle gegen die Mythen und Kirchenformen des Christentums, wie sie zum Beispiel Voltaire, Friedrich der Große, d’Alembert verübt haben, gutmüthig und ohne Aergerniß ansehen, ja ein frommer Christ sich daran mit Beifall ergötzen wird, wie schon jetzt an …

Ein Flüchtling ermordet | November 1835

Flüchtling in Zürich ermordet »In der Nacht vom 3. zum 4. November wurde bei Zürich der Leichnam eines jungen Menschen ermordet gefunden, achtundvierzig Stichwunden zählte man an ihm, die meisten in der Gegend des Herzens, noch eine größere Zahl hatte die Bekleidungsstücke durchlöchert. Dies alles ließ auf mehrere Thäter und auf den Gebrauch von Dolchen …

Der Bauernstand in Frankreich | 26. September 1856

Der Bauernstand in Frankreich »Durch die Revolution hat der Bauernstand in Frankreich sich bedeutend gehoben, Freiheit, Besitz und Wohlfahrt erlangt; nach und nach hat sich eine neue Unterdrückung eingefunden, die des kleinen Besitzes durch die Geldmacht, und man schildert den jetzigen Bauer in Frankreich als sehr unglücklich. Er bearbeitet seinen eignen Boden fast nur noch …

Der extreme Reaktionär: »Bürger Pfeil« | WH

Der extreme Reaktionär: »Bürger Pfeil« Varnhagen von Ense liefert in seinen Tagebüchern ein sehr detailliertes und meist vernichtendes Bild des Grafen Ludwig von Pfeil, das ihn als einen der extremsten und zugleich widersprüchlichsten Vertreter der Reaktion darstellt. Politischer Frontenwechsel (»Bürger Pfeil«): Ein besonders brisantes Detail ist Pfeils Verhalten während der Revolution von 1848. Varnhagen berichtet, dass Pfeil …

Der reaktionäre Adel | WH

Der reaktionäre Adel Varnhagen von Ense widmet in seinen Tagebüchern der Schilderung und scharfen Kritik des reaktionären Adels, den er meist als »Junkerparthei« oder »Kreuzzeitungsparthei« bezeichnet, breiten Raum. Er beschreibt diese Kreise als eine eigennützige Elite, die den Staat und sogar das Königthum ihren eigenen Standesinteressen unterordnen will. Dazu gehören u.a. die Gebrüder von Gerlach: …

Wahre Volksfreiheit | 3. April 1850

Wahre Volksfreiheit erscheint nur selten »Wah­re Volks­frei­heit in ih­rer Macht und Herr­lich­keit er­scheint nur sel­ten, und nie auf lan­ge Dau­er, — das zeigt die Ge­schich­te lei­der, die al­te wie die neue; al­lein sie er­scheint doch im­mer wie­der von Zeit zu Zeit, und dann ge­wal­tig, un­wi­der­steh­lich. In Athens de­mo­kra­ti­scher Zeit — fast ein Jahr­hun­dert —, in Frank­reichs Re­vo­lu­ti­on von …

Der »Krieg gegen die Toten« | WH

Der Friedhof der Märzgefallenen Zum Friedhof der Märzgefallenen im Friedrichshain dokumentiert Varnhagen in seinen Tagebüchern mit bitterem Zorn eine Entwicklung, die von öffentlicher Verehrung über systematische staatliche Verdrängung bis hin zu Plänen für eine vollständige Beseitigung reicht. Nach der Revolution wurde der Friedhof von der Bevölkerung intensiv gepflegt. Varnhagen beschreibt bei einem Besuch im Oktober 1848 die …

Fürst Pückler-Muskau | 15. Juli 1858

Beim Fürsten Pückler-Muskau in Branitz »Der Zwerg Billy mit bei Tisch, eine Art Factotum, Vertrauter, Aufseher, Besorger, aufmerksam, verständig, in seiner Art gebildet. Nach dem Essen mit dem Fürsten in seinen Zimmern bis halb 2 Uhr, in stets lebhafter Unterhaltung. — Papagaien an der Treppe, ein grüner im Käfig, der vortrefflich gesprochen haben soll, aber seit ein …

Zwei Revolutionen | 1. Juli 1849

Erinnerung an zwei Revolutionen »Ich habe als Knabe die französische Freiheit erlebt, als Greis die deutsche, was will ich mehr? Den Trost kann mir nichts mehr nehmen, ich habe doch einmal in vollen Zügen Freiheitsluft geathmet, ihre ganze Kräftigung empfunden, das war vorigen Sommer, jeden Morgen erwacht’ ich mit diesem Gefühl der Freiheit; keine Behörde, …

Luftverschmutzung | 6. September 1852

Luftverschmutzung in Berlin »Bei fahlem Sonnenschein dieselbe dicke schwere Luft, wie gestern. Seit den zweiundfünfzig Jahren, daß ich Berlin kenne, hat sich im Allgemeinen die Luft sehr nachtheilig verändert. Fast immer liegt schwerer Dunst über der Stadt, den nur ein starker Wind bisweilen verweht, der aber, sobald dieser nachläßt, gleich wieder da ist. Die vielen …

Friedrichshain | 19. März 1851

20.000 Menschen in Friedrichshain »Es waren gestern über zwanzigtausend Menschen im Friedrichshain [Friedhof der Märzgefallenen], und gegen Abend fielen dennoch Unruhen vor, obschon das Volk durchaus nichts that, was dazu Anlaß geben konnte, sein Verbrechen war seine Menge! Die Konstabler, welche in ganzen Massen zusammenstanden, wollten nicht umsonst dagewesen sein, ihr Hauptmann Patzke befahl die …

Friedrichshain | 1. Oktober 1848

Märzgräber in Friedrichshain »Nachmittags fuhr ich mit Ludmilla in den Friedrichshain, ich wollte die Märzgräber gern einmal sehen. Zeichnungen hatten mir ein falsches Bild gegeben, ich fand alles ganz anders, als ich mir es vorgestellt. Der Anblick der erhöhten Gräber, in dichten Reihen ein Viereck bildend, war freundlich; eine Fülle von Blumen und Kränzen zeugte …

Vereinigte Staaten von Europa | 29. Januar 1850

Vereinigte Staaten von Europa »Was aus die­sem Cha­os wer­den kann, weiß der Him­mel! Ei­ne fried­li­che Ge­stal­tung wird mit je­dem Ta­ge we­ni­ger mög­lich, ei­ne vol­le Her­stel­lung des Al­ten ist ganz un­denk­bar. Spring’ ich über die nächs­ten Ge­bil­de in wei­te­re Fer­ne, so seh’ ich frei­lich so was däm­mern, wie Ver­ei­nig­te Staa­ten von Eu­ro­pa, ei­nen gro­ßen Bund von …

Liederliche Damen | 19. Juni 1852

Zwei adlige Frauen verhaftet »Unsre Zeitungen melden, auch die ministeriellen, daß zwei adlige Damen von guten alten Familien wegen Trunkenheit und Obdachlosigkeit in Haft genommen seien; sie waren durch Liederlichkeit so herab gesunken, daß sie wie gemeine Dirnen lebten. Der gerühmte Adel! Die Stütze des Thrones, die Ehre des Staates, des Heeres! — Die Polizeibehörde will …

Nach dem Kirchentag | 21. September 1858

Nach dem Kirchentag »Der Kirchentag ist zu Ende, doch zieht er großes Aergerniß hinter sich her, und Hohn und Spott die Fülle. Ein Schwarzrock [Pfarrer] ist im Bordel gewesen, und weil er betrunken war und nicht bezahlen wollte, vor die Polizei geführt worden; ein andrer lag sinnlos berauscht nachts auf der Straße; ein dritter hat …

Varnhagen über Sexualität | WH

Varnhagens Verhältnis zur Sexualität Varnhagen von Ense äußert sich in seinen Tagebüchern durchaus über sexuelle Aktivitäten und den moralischen Zustand seiner Zeit, wobei er diese Themen meist im Kontext von Hofskandalen, gesellschaftlicher Heuchelei oder der Spannung zwischen Natur und Moral behandelt. Er betrachtet das »Sinnliche« oft als eine ursprüngliche Kraft, die durch die bestehenden Gesetze …

Varnhagen über Dinosaurier | WH

Varnhagen über Dinosaurier Varnhagen von Ense äußert sich in seinen Tagebüchern an mehreren Stellen über prähistorische Funde und die »Urwelt«, wobei seine Reaktionen oft von einer Mischung aus wissenschaftlichem Interesse und tiefem existenziellen Unbehagen geprägt sind. Der Hydrarchos: Im Januar 1847 besuchte Varnhagen in der Berliner Akademie die Ausstellung des »Urweltthieres Hydrarchos«. Er beschreibt das …

Homer | 11. Oktober 1846

Homers »Ilias« »Die ›Ilias‹ ist mit nichts in der Welt zu vergleichen, sie ist ein einziges, wunderbares, uns in seiner Kraft und Reichhaltigkeit kaum faßliches Geschichts- und Volkserzeugniß, gewiß das Werk oder vielmehr der Ertrag von Vielen, wie jedes große Schaffen der Menschen, die Reformation, die Revolution &c.« (TB, 11.10.1846)

Lage der Arbeiter | 9. März 1857

Lage der Arbeiter und Armen »Ich las Untersuchungen über das Verhältniß der Fabrikarbeit zum Landbau, über die heutige Lage und die wahrscheinliche Zukunft der Arbeiter. Die Staatswirthschaftslehrer sehen hier immer nur Unmöglichkeiten. Sie sprechen von philanthropischen Träumereien, wenn es gilt die Noth der Arbeiter und der Armen zu lindern, sie lachen über die Forderung von …

Royalist oder Republikaner? | 27. Februar 1852

Varnhagen: Royalist oder Republikaner? »Man fragt mich immer auf’s neue, ob ich Royalist oder Republikaner sei? Ich antworte, jedenfalls zöge ich die Monarchie Friedrichs des Großen der Republik Louis Bonaparte’s vor. — Das Königthum hat unläugbar große Vorzüge, die Persönlichkeit kann wohlthätiger wirken, milder und menschlicher sein, als die strenge Gesetzesherrschaft, wofern nicht auch in diese …

Christen, Sozialisten, Kommunisten | 18. November 1846

Christen, Sozialisten, Kommunisten »Dieser Gedanke hat mich heute viel beschäftigt: Die Christen haben auf ihrem Ausgange aus der Lehre in die Welt das meiste Gute verloren und vergessen, wohl auch als zu beschwerlich abgeworfen, und laufen mit dem bloßen Namen weiter, der freilich leicht zu tragen ist. Redliche wohlgesinnte Leute haben die verlornen Päcke und …

Ehen zwischen Adel und Bauersleuten | 8. Juli 1856

Nicht standesgemäße Ehen »Die Volkszeitung hat den Schluß eines durch fünf Nummern gehenden Artikels ›Stehengebliebene Verkehrtheiten‹, worin sie mit unendlicher Schärfe in der Sache und trockener Milde im Ausdruck die Entscheidung des Obertribunals, daß die Ehe zwischen Adlichen und Bauersleuten noch immer verboten sei, unwiderleglich als den baarsten Unsinn, als die unhaltbarste Sophisterei und Dummheit …

Revolution 1848 | 6. Januar 1854

Das Jahr 1848 (1) »[…] doch all diese Geschichtsmomente überstrahlt das Jahr 1848. Das Beste und Höchste der Deutschen kam da zum Vorschein, in überschwänglicher Fülle. Die ganze Nation war eine Einheit, wie noch nie, alle besten Kräfte und Talente, das reinste sittliche Streben, arbeiteten an Entwickelung und Ausbildung der neuen Zustände. Nie war in …